Fast die Hälfte der Bürger in Deutschland hat die Geduld mit der kriselnden schwarz-roten Koalition verloren. Insgesamt 47 Prozent sprechen sich dafür aus, dass das zerstrittene Regierungsbündnis aufgelöst werden sollte. Das ergab eine Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut YouGov im Auftrag von WELT AM SONNTAG erhoben hat.

In der Frage, was nach einem vorzeitigen Ende von Schwarz-Rot passieren sollte, haben die Deutschen eine eindeutige Präferenz: 38 Prozent würden eine Aufkündigung der bestehenden Regierungskoalition und Neuwahlen bevorzugen. Neun Prozent ziehen hingegen eine „Aufkündigung der bestehenden Regierungskoalition und Eintritt einer Minderheitsregierung aus CDU/CSU“ vor. Für eine Fortführung der bestehenden Koalition aus CDU/CSU und SPD sind hingegen 30 Prozent der Befragten. Insgesamt 24 Prozent konnten sich für keines der drei Szenarien entscheiden oder antworteten mit „weiß nicht“.

Auch an der CDU-Basis ist in den vergangenen Tagen vereinzelt der Wunsch nach Neuwahlen laut geworden. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte vor Kurzem erst ausgeschlossen, die Koalition mit den Sozialdemokraten zu verlassen und eine Minderheitsregierung zu starten, die auch mit der AfD Mehrheiten suchen könnte. „Das kommt mit mir nicht infrage“, hatte Merz Anfang des Monats in der ARD gesagt. Zugleich rief er die SPD auf, mehr Kompromissbereitschaft zu zeigen.

Die Koalition ringt seit Wochen erbittert um eine Steuerreform, um einen Umbau des Rentensystems, um einen Sparkurs zum Stopfen einer zweistelligen Milliardenlücke im Bundeshaushalt sowie um Nachbesserungen am Gesetzentwurf für eine Gesundheitsreform. Konflikte gibt es auch in der Frage, wie die schwächelnde Wirtschaft wieder angekurbelt werden kann und welche weiteren Entlastungen die Bürgerinnen und Bürger bei den Kosten für Treibstoff erhalten, die infolge des Iran-Kriegs stark angestiegen sind.

Im Osten will fast die Hälfte das Ende von Schwarz-Rot

Das Vertrauen in die schwarz-rote Koalition hat im Osten Deutschlands erheblich stärker gelitten als im Westen der Republik. So sprechen sich in der Umfrage 46 Prozent der Ostdeutschen für ein vorzeitiges Ende von Schwarz-Rot und für anschließende Neuwahlen aus, in den westdeutschen Ländern sind es hingegen 35 Prozent. Einen Fortbestand des Regierungsbündnisses wollen 22 Prozent im Osten und 31 Prozent im Westen. Ein Wechsel der Unionsparteien heraus aus der Koalition mit der SPD und hinein in eine Minderheitsregierung wird gleichermaßen nur von neun Prozent gewünscht. Das ist insofern bemerkenswert, als dass die beiden derzeit einzigen Minderheitsregierungen der Republik in Thüringen und in Sachsen von CDU-Ministerpräsidenten geführt werden. Offenbar werden die Erfahrungen in diesen beiden Bundesländern aber nicht auf breiter Linie als vorbildhaft für die Bundesebene betrachtet.

Besonders stark ausgeprägt ist die Präferenz von baldigen Neuwahlen in den mittleren Altersgruppen quer durchs Land. 46 Prozent der Befragten im Alter zwischen 50 und 59 Jahren äußern diesen Wunsch. In der Gruppe der 40- bis 49-Jährigen sind es 41 Prozent. In der jüngsten Wählergruppe im Alter von 18 bis 29 Jahren wird das Neuwahl-Szenario indes nur von 27 Prozent bevorzugt.

Und wie sind die Präferenzen unter den Anhängern der verschiedenen Parteien ausgeprägt? Hier gibt es bemerkenswerte Befunde: Denn die Wählerinnen und Wähler, die bei der Bundestagswahl 2025 der Kanzlerpartei CDU oder der CSU ihre Stimme gegeben haben, sind offenbar großteils enttäuscht. In dieser Gruppe wollen 45 Prozent, dass Merz weiter mit den Sozialdemokraten regiert. 22 Prozent sprechen sich für Neuwahlen aus und immerhin 20 Prozent befürworten einen Wechsel zu einer unionsgeführten Minderheitsregierung.

In der SPD-Wählerschaft sprechen sich deutlich mehr für eine Fortsetzung von Schwarz-Rot aus, nämlich 56 Prozent. Auch hier sind 22 Prozent für Neuwahlen. Interessanterweise ist auch unter den Grünen-Wählern der vorigen Bundestagswahl der Wunsch nach einem Fortbestand der schwarz-roten Koalition relativ stark ausgeprägt: Hier sprechen sich 48 Prozent fürs Weiterregieren von Union und SPD aus. Neuwahlen wollen 18 Prozent. Die Anhänger der anderen Oppositionsparteien zeigen wesentlich mehr Sympathien für ein vorzeitiges Ende von Schwarz-Rot und eine vorgezogene Bundestagswahl. So sprechen sich 78 Prozent der AfD-Wähler für einen solchen Schritt aus, bei den Anhängern der Linkspartei sind es noch 41 Prozent.

Für die Umfrage wurden zwischen dem 8. und dem 11. Mai 2353 Bürgerinnen und Bürger in Deutschland befragt.

Claudia Kade ist Politik-Chefin bei WELT.

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