Wie sich das Wendland zum nachhaltigen Touristenziel wandelt
Die Göhrde als größtes zusammenhängendes Mischwaldgebiet Norddeutschlands, dazu Heide und Vogelschutzgebiete, Seen und Flüsse samt Biber und Eisvogel, Reiher und Seeadler: Das Hannoversche Wendland ist ein Naturparadies. Es ist die am dünnsten besiedelte Landschaft Niedersachsens.
Was nicht heißt, dass hier nicht auf besondere Weise gesiedelt wurde. Mehr als 300 teils winzige Dörfer mit Namen wie Waddeweitz und Tolstefanz sowie malerische Fachwerkstädtchen können im äußersten Nordosten Niedersachsens besichtigt werden. Auf dem Höhenzug Höhbeck ließ Kaiser Karl der Große eine Burg erbauen.
Niedersachsen, Lübeln: Das Rundlingsmuseum WendlandUnd dann gibt es eine weltweit einzigartige Siedlungsform: die sogenannten Rundlinge. Das sind mittelalterliche Dörfer, deren Höfe sich symmetrisch um einen Platz gruppieren. Lübeln, Satemin und Schreyahn zählen zu den bekanntesten und fungieren bereits als lokale Touristenmagnete.
Die Region hat im Laufe der letzten Jahrzehnte viele Fans gewonnen. Einige kamen seit 1977 regelmäßig zum Protest gegen die Atomanlagen in Gorleben und sind geblieben. Andere machen dort Rad-, Reit-, Wander- oder Paddelurlaub oder besuchen im Frühjahr die Kulturelle Landpartie, ein Kulturfestival im Landkreis Lüchow-Dannenberg, das in der Anti-Atom-Bewegung wurzelt.
Das Wendland ist ein einziger Naturpark
Was kaum einer weiß, selbst Alteingesessene oft nicht: Quasi das ganze Wendland bildet einen einzigen Naturpark. Offiziell gehören zu ihm der Landkreis Lüchow-Dannenberg und im Bereich Bleckede und Dahlenburg noch ein Stück vom Landkreis Lüneburg. Insgesamt gibt es 14 Naturparks in Niedersachsen und 105 in ganz Deutschland.
Gegründet 1968, umfasst der Naturpark Wendland. Elbe heute eine 116.000 Hektar große Fläche. Einzig ein Streifen entlang der Elbe gehört nicht dazu – er steht seit 1997 als Unesco-Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue unter noch höherem Schutz.
Ein Status als Naturpark – der im Wendland als gemeinnütziger Verein aus Samtgemeinden und Landkreis sowie Privatmenschen, Unternehmen und Gruppierungen organisiert ist – verpflichtet zur Natur- und Landschaftspflege, zur Bildung für nachhaltige Entwicklung, zur Tourismusförderung und zur Regionalentwicklung. „Man kann alle vier Säulen bespielen, muss man aber nicht“, sagt Naturpark-Geschäftsführerin Johanna Mayrberger in ihrem kleinen Büro im Rundlingsmuseum in Lübeln.
So kümmert sich der parkeigene Bauhof im Bereich der Natur- und Landschaftspflege etwa um die 390 Kilometer Wander- und 1100 Kilometer Radwege und deren Beschilderung sowie um Bänke, Rastplätze und Schutzhütten. Und hat die Chefin eine Lieblingsecke im Park? „Es gibt viele – doch tatsächlich mag ich die nach einem großen Waldbrand 1975 entstandene Nemitzer Heide besonders gern“, sagt Mayrberger.
Naturpark-Geschäftsführerin Johanna Mayrberger am Rundlingsmuseum in Lübeln„Im Bereich Bildung geht es darum, Menschen ein Verständnis dafür zu geben, wie Natur, Umwelt und Klima funktionieren – um hoffentlich einen positiven Effekt zu erreichen.“ Das Verständnis soll schon bei den Kleinsten geweckt werden. Es gibt fünf vom Naturpark zertifizierte Kitas. „Wir haben auch ein mobiles Waldlabor – einen Bollerwagen mit Materialien, mit denen die Kinder Arten entdecken und Naturphänomene spielerisch erforschen können“, sagt die Geschäftsführerin.
Ausgesprochen am Herzen liegt Mayrberger zudem die Förderung der Erholung und des nachhaltigen Tourismus in der wirtschaftlich eher strukturschwachen Region. „Sanfter Tourismus ist die Zukunftsvision für unseren Landkreis. Und da gibt es wahnsinnig viel Potenzial, das gehoben werden kann.“ Zum Beispiel durch eigens entwickelte Naturerlebnisangebote wie den Zwergenpfad bei der Proitzer Mühle.
Daneben verantwortet der Naturpark auch die strategische Entwicklung und die überregionale Vermarktung des Feriengebiets Landkreis Lüchow-Dannenberg. Ein Problem dabei: Man hätte gern noch ein paar mehr hochwertige gastronomische Betriebe – doch wie überall mangelt es auch hier an Nachfolgern und Neugründern in der Branche. Ein positives Beispiel ist das „Kartoffel-Hotel“ direkt neben dem Museum in Lübeln, das 365 Tage im Jahr geöffnet ist.
Das bisherige Ergebnis der Naturparkaktivitäten würdigte die niederländische Stiftung Green Destinations 2026 mit einem Gold Award – einer international anerkannten Zertifizierung für nachhaltige Tourismusregionen. Schon 2023 hatte es für die Region einen Silver Award gegeben.
„Unser Naturpark hat sich in den vergangenen Jahren enorm weiterentwickelt“, befindet Lüchow-Dannenbergs Landrätin Dagmar Schulz (parteilos), die zugleich Vorsitzende des Naturpark-Vereins ist.
Die Landrätin weiter: „Unsere Natur und naturnahen Lebensräume prägen uns und ermöglichen eine Entwicklung, die zu uns passt. Das Wendland wird zunehmend zur ‚Marke‘ und zieht Besuchende, aber auch neue Mitbürgerinnen und Mitbürger an.“
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