Wer an den Canal du Midi denkt, denkt an Hausboote. Seit Jahrzehnten tuckern Urlauber auf Frankreichs berühmtestem Kanal zwischen Toulouse und dem Mittelmeer dahin, passieren Schleusen, legen in kleinen Häfen an und genießen das gemächliche Tempo des Südens.

Doch die vielleicht schönste Art, den Canal du Midi zu entdecken, führt nicht übers Wasser, sondern am Ufer entlang: mit dem Fahrrad. Radfahren kann schließlich jedes Kind, aber ein Boot steuert sich nicht von allein, auch wenn man auf dem Kanal keinen Bootsführerschein braucht.

Die rund 240 Kilometer lange Wasserstraße, seit 1996 Unesco-Welterbe, ist heute eine der beliebtesten Radstrecken Frankreichs. Auf dem ehemaligen Treidelweg verläuft eine nahezu autofreie Route durch Weinlandschaften, historische Orte und kilometerlange Baumalleen, bestehend vor allem aus Platanen. Während Hausbootfahrer an Schleusen häufig warten müssen, kommen Radfahrer deutlich schneller voran und erleben die Landschaft unmittelbarer. Das gilt erst recht für E-Bike-Nutzer.

Die Waldbrände, die im Hochsommer mehrere Gegenden Südwestfrankreichs betroffen hatten, spielen erfreulicherweise keine Rolle mehr. Entlang des Canal du Midi sind sämtliche temporären Sperrungen wieder aufgehoben. Zwar sind in einigen Abschnitten des Umlands noch Brandschäden sichtbar, die Route selbst kann jedoch wieder vollständig befahren werden.

Radtourismus hat den Bootsurlaub abgehängt

Seit dem Boom der E-Bikes hat der Radtourismus am Canal du Midi den klassischen Bootsurlaub zahlenmäßig längst überholt. Entlang der Strecke ist ein dichtes Netz aus Verleihstationen, Werkstätten und fahrradfreundlichen Unterkünften entstanden. Das Gütesiegel „Accueil Vélo“ garantiert sichere Fahrradabstellplätze, Lademöglichkeiten und Reparaturservice. Weiterer Pluspunkt für Radfahrer: Viele alte Erdpfade wurden inzwischen mit Sand-Kies-Gemisch aufgeschüttet und hervortretende Platanenwurzeln am Weg durch Stege und Rampen neutralisiert.

Ausgangspunkt meiner E-Bike-Tour entlang des Canal du Midi ist Toulouse, genauer die Ponts-Jumeaux, die Zwillingsbrücken, an denen der Garonne-Kanal in Richtung Atlantik und der Canal in südlicher Richtung beginnen. Es dauert eine gute Weile, ehe ich Vorstädte, Gewerbegürtel und Zubringerstraßen hinter mir gelassen, mich auch aus dem städtischen Tempo herausgeradelt und in das gemächlichere des Kanalwegs hineingefunden habe.

Der Kanal wird stiller, die Zahl der Spaziergänger und Jogger nimmt ab. Ich überhole gelegentlich Hausboote, die mit kaum mehr als fünf Stundenkilometern dahingleiten. Zu hören sind Vogelstimmen, Zikaden und das leise Surren des Bike-Motors. Der Canal du Midi wirkt mittlerweile wie ein lebendes Gemälde: grünliches Wasser, in dem sich herrliche Platanenkronen spiegeln, alte Steinbrücken und historische Schleusenwärterhäuser, von denen viele heute Cafés oder Restaurants beherbergen.

Besonders eindrucksvoll sind die Schleusenanlagen, deren Grundstruktur bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht. Viele funktionieren bis heute nach demselben Prinzip wie zur Zeit ihres Erbauers Pierre-Paul Riquet. Wer etwas von Technik versteht, wird sich an diesen Denkmälern hochstehender Ingenieurskunst aus Gusseisen, Stein, Holz und sie verbindender Mechanik erfreuen. Einige haben, um die Sache komplizierter zu machen, mehrere „Treppen“, das heißt Schleusenkammern hintereinander.

Untergebracht in einer ehemaligen Wassermühle: Ein Restaurant in Trèbes am Canal du Midi

Gelegentlich erhasche ich während der Fahrt durch das Buschwerk einen Blick auf die sanft hügelige Landschaft südöstlich von Toulouse. Sie war wegen ihrer Fruchtbarkeit und des früher hier angebauten Färberwaid, das die lokale Bevölkerung wohlhabend machte, von alters her als „Pays de cocagne“, als Schlaraffenland, bekannt.

Der Weg ist anfangs asphaltiert, was sehr angenehm ist – doch leider nur die ersten 50 Kilometer bis Port Lauragais. Danach beginnt fester Erdboden sowie Kiesweg. Wer geplant hat, den ganzen Parcours mit einem Rennrad hinunterzuradeln, dürfte das spätestens hier bereuen.

Viel angenehmer fährt es sich mit einem robusten E-Bike – wie es von den Verleihern vor Ort bereitgestellt wird. Dringend nötig sind zudem eine gesäßkissenbewehrte Fahrradhose sowie eine Windjacke gegen den regelmäßig und manchmal kräftig vom Meer hereinwehenden Wind.

Eine der Top-Sehenswürdigkeiten Südfrankreichs

Mit dem Ende des Asphaltwegs verschwinden auch viele der berühmten Platanen. Ein aggressiver Pilzbefall hat in den vergangenen Jahren große Teile des historischen Baumbestands vernichtet. Tausende Bäume mussten bedauerlicherweise gefällt werden. Entlang der Route wurden inzwischen resistente Platanen und andere Arten nachgepflanzt. Doch es werden Jahrzehnte vergehen, bis sie wieder jene majestätische Wirkung entfalten, die den Wasserweg einst berühmt machte.

Das Fehlen der Platanen ist bitter und trübt mein Bild vom Canal du Midi ein wenig. Entschädigt werde ich durch all die anderen Eindrücke, die die Route füllhornartig bereithält, wie gleich in Castelnaudary: Da mündet der Kanal in ein riesiges, im 17. Jahrhundert ausgehobenes Becken, das als Wasserspeicher und Hafen genutzt wurde. Es war der drittgrößte des Kanals nach Toulouse und Sète und ist heute Mittelpunkt des touristischen Lebens in dem charmanten Städtchen. Es ist übrigens berühmt für seinen traditionellen Bohneneintopf Cassoulet – den sollte man unbedingt probieren!

Wie der Canal ist auch die Stadt Carcassonne, mein zweites Tagesziel, als Unesco-Weltkulturerbe klassifiziert: eine spektakulär mächtige, auf einen Hügel gebaute mittelalterliche Festung, die die ganze Ebene des Flusses Aude überblickt. Sie zählt mit ihren Türmen, Zinnen und den kilometerlangen Wehrmauern zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten Südfrankreichs.

Entsprechend voll ist es in den Gassen der Altstadt. Römer, Katharer, französische Könige haben hier ihre Spuren hinterlassen. Doch selbst wer Menschenmassen normalerweise meidet, wird verstehen, warum Carcassonne ein Pflichtstopp entlang der Route ist.

Tags darauf radle ich an hübschen Ortschaften wie Trèbes und Homps mit ihren belebten Kanalhäfen vorbei und befinde mich mitten in zwei Weinbaugebieten, dem Minervois im Norden und Corbières im Süden. Entspannt erreiche ich mein Chambre d’Hôtes, meine Frühstückspension, in Le Somail.

In der ehemaligen Übernachtungsstation für Postboote aus dem 17. Jahrhundert scheint die Zeit stillzustehen. Rund um den kleinen Hafen gruppieren sich einige Restaurants, alte Steinhäuser und schattige Terrassen. Es ist einer jener Orte, an denen aus einer geplanten Mittagspause leicht ein ganzer Nachmittag wird.

Radeln am Kanal in Toulouse: Hier, wo der Canal de Brienne den Canal du Midi mit dem Canal de Garonne verbindet, kann die Fahrradreise starten

In Narbonne endet meine Tour. Die Stadt nah am Meer verströmt eine südlich leichte Lebensart dank ihrer hellen, heiteren Atmosphäre. Am Canal de la Robine, der Narbonne durchzieht, fallen mir sofort jene Baumreihen auf, die ich unterwegs so oft vermisst habe: mächtige Platanen.

Deren Kronen bilden, wie es sich gehört, einen grünen Baldachin über dem Wasser. Genau so stellt man sich den Canal du Midi vor. Und genau dieses Bild bleibt am Ende der Reise. Ich bin versöhnt.

Tipps und Informationen:

Anreise: Zum Beispiel mit Lufthansa von München oder Frankfurt/Main, mit Air France von Berlin oder Hamburg direkt nach Toulouse. Von anderen deutschen Flughäfen aus mit Air France via Paris oder mit KLM via Amsterdam.

Unterkunft: Empfehlenswert ist die Chambre d’Hôtes „L'Itinérante“ in Le Somail, saubere, etwas altmodisch eingerichtete Zimmer mit Holzdielenboden, zum Frühstück gibt es Konfitüre, Kuchen, Eier aus hauseigener Produktion; das Haus trägt das Label „Accueil Vélo“ und ist auf Radreisende eingerichtet, Doppelzimmer ab 110 Euro (litinerante.fr). „Hôtel Le Clos Fleuri“ in Castelnaudary, familiengeführtes Haus mit Garten und Pool am Stadtrand, praktischer Zwischenstopp für Radfahrer auf halber Strecke zwischen Toulouse und Carcassonne, Doppelzimmer ab 95 Euro (leclosfleuri.fr). „Hôtel La Résidence“ in Narbonne, charmantes Stadthotel in einem Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert, wenige Minuten von den Kanälen und der Kathedrale entfernt, stilvolle Zimmer mit historischen Details, Doppelzimmer ab 110 Euro (hotel-laresidence.com).

Radfahrertipps: Informationen zu fahrradfreundlichen Unterkünften, Werkstätten und Verleihstationen entlang des Canal du Midi bietet die Website canaldes2mersavelo.com.

Weitere Infos: Okzitanien-Tourismus: voyage-occitanie.com; Französische Zentrale für Tourismus (Atout France): france.fr/de

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Atout France. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit

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