Warum bloß steht dieser monströse Reisekoffer aus den 1980er-Jahren immer noch in der Scheune? Eigentlich ist er doch nur Ballast. Überfällig für den danebenstehenden Pkw-Anhänger: Dort kommt alles Unnütze für die nächste Sperrmüll-Tour hinein.

Doch noch zögert man aus Sentimentalität. Der Reisekoffer ist ein Relikt aus der eigenen Vergangenheit. Oder wenn es ein Koffer der Eltern oder Großeltern ist: aus der Familiengeschichte. Plötzlich ist das Gepäckstück kein alter Koffer mehr. Er steht für die erste große Reise. Das Austauschjahr in den USA. Für Menschen, die vielleicht längst aus unserem Leben verschwunden sind.

Und genau deshalb landet der Koffer noch immer nicht im Sperrmüll. Das ist der Kern der Nostalgiefalle. Viele Reisende hängen an solchen Koffern, Aufklebern, vergilbten Postkarten und Souvenirs. Sie werden zu Erinnerungsobjekten, obwohl sie die Vergangenheit nicht festhalten können. Sie bewahren höchstens Spuren.

Heute aber macht daraus der Nostalgietourismus ein Geschäft. Umfragen betonen fortwährend, dass Reisen zu vergangenen Orten ein Riesentrend sei. Die Hilton-Gruppe nennt dies „Time Travel“: 58 Prozent der Reisenden möchten sich und ihren Kindern unterwegs Urlaubsorte von früher zeigen.

Booking.com setzt mit „Past Ports“, also Reisen, die von Erinnerungen und der Vergangenheit inspiriert sind, noch eine Schippe Sentimentalität drauf: 66 Prozent der weltweit Befragten könnten sich demnach vorstellen, den exakten Ort eines vergilbten Urlaubsschnappschusses oder einer Erinnerung zu finden und dorthin zu reisen.

Und auch historische Grandhotels oder restaurierte Luxuszüge wie der Orient-Express, aber auch Retro-Hotels und Vintage-Touren inszenieren erfolgreich eine Vergangenheit als Kulisse, auch wenn man diese selbst nie erlebt hat. Man nennt das dann kollektive Nostalgie: die Sehnsucht nach dem vermeintlich Damaligen.

Heute werden sogar Reise-Accessoires von anno dazumal wieder gesammelt und gehandelt – und neu aufgelegt. Das Luxushotel „Raffles“ in Singapur etwa verkauft wieder für 20 Dollar Vintage-Kofferaufkleber.

Das amerikanische Luxuslabel Sir Jack bietet gerahmte Kofferaufkleber vom „Hotel du Cap“ im französischen Antibes für sage und schreibe 936 Dollar. Der Sticker vom „Stuttgarter Hotel Graf Zeppelin“ wird dort für 325 Euro gehandelt. Was aber macht man damit? Ab auf den Koffer, oder?

Nostalgisches Reisen wird verklärt, ist aber eigentlich nur ein Mythos. Das liegt auch an der kognitiven Verzerrung, der Rosy Retrospection, der rosaroten Brille – damit werden Erinnerungen beschönigt und Negatives ausgeblendet: der damals verpasste Flug, das überbuchte Hotel und auch der unangenehme Magen-Darm-Infekt, ausgerechnet in den Flitterwochen in Südafrika.

Solche Nostalgietouren funktionieren auch deshalb oft nicht, weil man an Orten, die sich längst verändert haben und nicht in der Zeit eingefroren sind, das Urlaubsgefühl von früher sucht. Deshalb kommt der sperrige Überseekoffer samt Inhalt auch dorthin, wo er hingehört: auf den Müll.

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