Seit einem Jahr sind Kanzler Friedrich Merz und seine schwarz-rote Koalition im Amt. Anlässlich dieser Wegmarke hat seine Vorvorgängerin Angela Merkel dem „Focus“ ein großes Interview gegeben. Darin wies sie den Vorwurf zurück, sie habe in ihrer langen politischen Karriere Männer wie Merz „eiskalt“ aus dem Weg geräumt.

„Den empfinde ich absurd, muss ich ganz ehrlich sagen“, sagte die CDU-Politikerin dem Magazin. „Männer werfen andauernd Männer aus der Bahn. Und wenn jetzt eine Frau das tut, den Weg zu einer Position für sich genauso beansprucht wie ein Mann, dann redet man von der „männermordenden Merkel“. Das ist aus meiner Sicht vollkommen haltlos.“

Dies sei ein Beleg dafür, dass es zum damaligen Zeitpunkt noch keine Erfahrung mit Frauen in solchen Wettbewerben gegeben habe, sagte Merkel. Wer in ein hohes Amt wolle, müsse Auswahlprozesse durchlaufen, bei denen nie alle glücklich seien. Ihr selbst sei erst als Kanzlerin klar geworden, dass es in der CDU schwieriger war, Frau zu sein, als aus dem Osten zu kommen.

Merkel übernahm 2002 nach der verlorenen Bundestagswahl den Fraktionsvorsitz der CDU/CSU-Fraktion von Friedrich Merz – gegen dessen Willen. Merz zog sich aus der Politik zurück und wurde nach drei Anläufen 2018, 2021 und 2022 CDU-Vorsitzender. Das Verhältnis der Beiden gilt trotz Annäherungsversuchen wie auf dem CDU-Parteitag in Stuttgart als angespannt.

Merkel: „Jeder Kanzler hat seinen eigenen Stil“

Im „Focus“-Interview vermied es Merkel, ihrem Nachfolger direkt zu widersprechen. Auf Merz‘ Aussage angesprochen, kein Bundeskanzler habe so viel aushalten müssen wie er, sagte Merkel: „Ich bin an die Sache immer so rangegangen, dass ich für mich gesagt habe: Du musst damit leben.“ Deutschland habe eine starke Justiz. In einem demokratischen Land müsse man aber Gegenwehr aushalten.

Auch Merz‘ Äußerung, der Iran habe die USA gedemütigt, bewertete Merkel nur indirekt. „Ich will nicht einzelne ­Wortwahlen benennen. Der Bundeskanzler sagt das, was er sagt, und seine Worte stehen da einfach mal jetzt im Raum“, sagte die Altkanzlerin.

Ähnlich ging sie vor, als die „Focus“-Journalistinnen sie nach dem Verhältnis des Kanzlers zur SPD fragten. „Sie verstehen, dass ich hier keine Kommentare zu den aktuellen Sachen abgebe“, sagte Merkel. Und führte dann doch eine Antwort aus. „Ich kann nur aus meiner Zeit berichten. Jeder Kanzler hat seinen eigenen Stil. Ich habe mich an das gehalten, was ich von Helmut Kohl gelernt habe. Der hat immer gesagt: Entscheidend ist, was hinten rauskommt.“

Merkel erinnerte an die Koalition mit der FDP von 2009 bis 2013, in der sich wechselseitig mit den Beleidigungen „Gurkentruppe“ und „Wildsau“ überzogen wurde. Sie habe in ihren Koalitionen immer einen Raum gefunden, um vertrauensvoll mit den Parteivorsitzenden zu sprechen, betonte Merkel.

Merkel: „Debatte wird heute immer sofort ‚Streit‘ genannt“

Für das Ringen der schwarz-roten Bundesregierung um eine Sozialstaats- und Steuerreform zeigte Merkel Verständnis. „Ich habe den Eindruck, dass sich alle Beteiligten der unglaublichen Verantwortung bewusst sind“, sagte sie und warb um Gelassenheit. „Die Debatte wird heute immer sofort ‚Streit‘ genannt“, sagte sie. Dabei sei es richtig, diese in der Öffentlichkeit zu führen. „Das sind Meinungsfindungen, die finden im öffentlichen Raum statt. Aber dann müssen wir damit verantwortungsvoll umgehen und nicht immer skandalisieren.“

Besorgt zeigte sich die Altkanzlerin über das schwindende Ansehen politischer Einigungen. „Der Kompromiss wird dann auch noch niedergemacht. Dabei liegt es in der Natur der Sache“, betonte Merkel. „Kompromiss ist das, was Vielfalt möglich und mehrheitsfähig macht.“ Zur Veranschaulichung zog sie einen privaten Vergleich: Sie könne sich nicht einmal in ihrer eigenen Familie mit fünf oder sechs Personen immer durchsetzen. Hinter den Kulissen arbeiteten Menschen „mit ziemlich viel Leidenschaft“ an Lösungen für komplizierte Probleme. Diese Emotionalität solle man anerkennen.

In der Debatte um eine Rentenreform rief Merkel zu mehr Ehrlichkeit auf. „Wir haben, als ich anfing, gleich die Rente mit 67 eingeführt! Vielleicht wäre es hilfreich, wenn heute den Menschen auch mal gesagt würde: Schaut, ihr leistet eigentlich seit 2005 jedes Jahr einen Beitrag dazu, dass wir jedes Jahr das demografische Problem lösen“, sagte Merkel. „Jeder Jahrgang arbeitet einen Monat länger, in Zukunft sogar zwei. Das ist für manche Menschen, die auch körperlich schwere Arbeit machen, ein Beitrag.“

Gleichzeitig forderte die Altkanzlerin die Regierung auf, rechtzeitig neue Konzepte vorzulegen. „Wenn man sagt: Das haben wir hingekriegt, aber nach 2029 haben wir keine neue Regelung und das demografische Problem bleibt, wir müssen eine Anschlusslösung finden – dann, glaube ich, kann man viele Menschen davon überzeugen“, sagte Merkel. Die allermeisten Bürger wollten schließlich, dass auch ihre Kinder und Enkel eine verlässliche Alterssicherung haben.

Merkel kündigte in dem Interview auch an, die Einrichtung eines Stipendiums für junge Menschen in schwierigen Lebenslagen zu erwägen. „Nicht für Menschen, die erfolgreich studieren. Sondern für die, die zwischen Schule und Ausbildung eine schwierige Lebenssituation haben, wo die staatlichen Maßnahmen noch nicht so greifen.“ Mit einer kleinen Unterstützung wolle man zeigen: „Jeder kann es schaffen.“ Das gesellschaftliche Aufstiegsversprechen sei jedoch in Gefahr. „Zu wenige glauben daran, dass das möglich ist. Da könnte so ein Stipendium vielleicht ein Beispiel sein“, sagte die ehemalige Kanzlerin.

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