Messerangriff und Reizgas-Attacken an Realschule – CDU spricht von „Offenbarungseid“
96 Strafanzeigen seit 2020, rund die Hälfte davon wegen Körperverletzung: „Wir fühlen uns leider schon seit vielen Jahren alleine gelassen mit unseren Problemen“, schreiben die Lehrkräfte der Karolina-Burger-Realschule plus in Ludwigshafen in einem Brandbrief. Weder Briefe noch Gespräche mit dem Bildungsministerium, Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion oder Personalräten hätten „zu relevanten Änderungen geführt“. Weiter heißt es: „Wir als Lehrerinnen und Lehrer haben das Recht, unserer Arbeit ohne Angriffe, Bedrohungen oder Beschimpfungen nachgehen zu können.“
Anlass des Schreibens ist ein Messerangriff am 28. Mai 2025: Eine 16-jährige Schülerin ging im Lehrerzimmer mit einem aufgeklappten Taschenmesser auf eine Lehrerin zu. Die Polizei stufte den Vorfall als versuchtes Tötungsdelikt ein. Für das Kollegium habe dieser Vorfall „das Fass zum Überlaufen“ gebracht. Die Realschule plus ist in Rheinland-Pfalz eine weiterführende Schulform, die Haupt- und Realschule organisatorisch zusammenführt. Sie richtet sich damit vor allem an Schüler ohne gymnasiale Empfehlung.
Auf mehreren Seiten dokumentieren die Lehrkräfte Vorfälle aus dem Schulalltag. Ein Schüler habe gebrüllt: „Ich schieß euch alle ab!“ Eine weitere Lehrkraft sei so bedroht worden: „Wenn Sie mir nicht die bessere Note geben, steche ich Ihre Autoreifen auf. Ich weiß, dass Sie das Auto (entsprechende Farbe und Marke werden genannt) fahren.“ Nachdem die Eltern informiert worden seien, sei der Vater in der Schule erschienen. Er habe keine Einsicht gezeigt, sondern die Lehrerin ebenfalls eingeschüchtert. „Das ist ein Scheiß-Auto. Ist doch nicht schlimm, wenn da was passiert“, soll der Vater gesagt haben.
Zudem ist von wiederholtem Versprühen von Reizgas im Schulhaus, gezündeten Böllern – auch während des Unterrichts – und Schülern die Rede, die bewaffnet und zum Dealen mit Drogen in die Schule kämen. Lehrkräfte würden bei entsprechenden Vorfällen den Rechtsweg „häufig aus Angst vor Racheaktionen“ meiden.
Nach dem Messerangriff im Mai 2025 wandte sich der Personalrat des Kollegiums der Schule schließlich mit dem Brandbrief an das zuständige Schulamt. Die Vorfälle rissen aber nicht ab. Ende Januar kam es innerhalb von drei Tagen erneut zu drei Reizgas-Vorfällen auf dem Schulgelände. Zwei 14- und 15-jährige Tatverdächtige wurden dabei ermittelt; die Staatsanwaltschaft führt Ermittlungen wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung. Zuvor hatten mehrere Schüler und Lehrer über Atemwegsreizungen geklagt, teilweise mussten sie ins Krankenhaus gebracht werden.
Der Schulleiter der Karolina-Burger-Realschule plus, Oliver Kästel, kandidierte 2024 noch erfolglos als Ortsbürgermeister für die SPD in der angrenzenden Ortschaft Meckenheim. Gegenüber der Lokalzeitung „Die Rheinpfalz“ gibt er nach den erneuten Vorfällen an, dass ihm die vergangenen Wochen zugesetzt hätten. Auf Presseanfragen zu den Problemen an seiner Schule habe er zuletzt nicht mehr reagiert. Dazu gehören mehrere WELT-Anfragen. Die grundsätzliche Problematik an seiner Schule beschreibt Kästel wie folgt: „Eine Handvoll unserer Schüler war bereits mit der Polizei in Kontakt. 20 bis 30 Spitzbuben sind dabei. Aber 750 Schüler sind ganz liebe. Die anderen vermiesen mir die Schule nicht. Denen würde ich auch gerne helfen – wenn sie mich lassen.“
In Ludwigshafen leben nach Angaben der Stadt derzeit Menschen aus rund 150 Nationen. Etwa 53 Prozent der Einwohner haben einen Migrationshintergrund, rund 91.000 Menschen; mehr als 54.000 sind Ausländer. An der Realschule lag der Migrationshintergrund im Schuljahr 2024/2025 bei 86,5 Prozent. In Rheinland-Pfalz wurden laut Polizeilicher Kriminalstatistik 2024 insgesamt 1686 Gewaltdelikte an Schulen registriert ; 2022 waren es noch 1222. Auch bundesweite Zahlen zeigen einen Anstieg polizeilich erfasster Gewalt an Schulen. Die Zahl der Gewalttaten stieg in Deutschland von 20.979 im Jahr 2022 auf 28.760 im Jahr 2024 – ein Plus von 37,1 Prozent.
Die Stadt Ludwigshafen widerspricht auf WELT-Anfrage dem Eindruck, die Schulprobleme seien Ausdruck eines kommunalen Versagens. „Das ist nicht so, weil ausgerechnet Ludwigshafen ein Problem hätte. Sondern weil die unbestreitbaren Schwächen in unserem Bildungssystem und teilweise sehr bedenkliche gesamtgesellschaftliche Entwicklungen vor allem bei uns in den Kommunen sichtbar werden“, sagt Bildungsdezernent Lars Pletscher. Für die Organisation des Schulbetriebs und das Krisenmanagement sei das Land zuständig. Für Schulsozialarbeit und Integrationshilfen wende das finanziell stark angeschlagene Ludwigshafen jährlich bereits „mehr als zehn Millionen Euro pro Jahr“ auf.
Auf WELT-Anfrage verweist das Bildungsministerium von Rheinland-Pfalz darauf, dass es nach Bekanntwerden der Vorfälle „unverzüglich und abgestimmt gehandelt“ habe. Bildungsminister Sven Teuber (SPD) sei persönlich vor Ort gewesen und stehe „seither im engen Austausch mit Schulleitung und der Schulaufsicht“.
Teuber sagt: „Jedes Kind hat das Recht auf einen sicheren Lernort. Wo besondere Herausforderungen auftreten, handeln wir entschlossen und stärken die Schulen mit noch gezielteren, passgenauen Strukturen und professioneller Unterstützung. Lehrkräfte leisten täglich Enormes, ihnen gilt unser Dank, und sie genießen unsere volle Rückendeckung.“ Zudem habe das Land zusätzliche Maßnahmen ergriffen: Eine neue Vollzeitkraft aus dem „Startchancen“-Programm für Brennpunkt-Schulen, mehr Personal zur Unterrichtsversorgung, erweiterte Schulsozialarbeit sowie schulpsychologische Unterstützung und eine anonyme Vertrauensstelle sollten das „multiprofessionelle Team“ stärken. Auch die „enge Zusammenarbeit mit der Polizei“ trage zur Stabilisierung der Situation bei.
Im Januar stellte die von Ministerpräsident Albert Schweitzer (SPD) geführte Landesregierung aus SPD, Grünen und FDP ein Maßnahmenpaket für mehr Sicherheit an Schulen vor. Ein zentraler Bestandteil ist stärkere Polizeipräsenz an Brennpunkt-Schulen wie der in Ludwigshafen. Dort sollen Polizisten regelmäßig, anlasslos und zeitlich befristet auf dem Schulgelände präsent sein. Der Innenminister von Rheinland-Pfalz, Michael Ebling (SPD), machte bei der Vorstellung deutlich: „Gewalt hat in unserer Gesellschaft keinen Platz – und erst recht nicht an unseren Schulen.“
Wie reagieren die Fraktionen im rheinland-pfälzischen Landtag auf die Missstände an der Schule und das Krisenmanagement?
Grüne plädieren vor allem für „mehr Prävention“
Grünen-Fraktionschefin Pia Schellhammer nennt die Entwicklungen „alarmierend“. Schulen seien „Orte des sozialen Miteinanders und damit auch ein Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen“. Verrohung oder wachsende soziale Spannungen machten sich auch im Schulalltag bemerkbar. Repressive Maßnahmen allein bekämpften „nur Symptome“, deshalb brauche es „vor allem mehr Prävention“. Ziel sei es, die Schulsozialarbeit flächendeckend zu stärken und die psychologische Unterstützung auszubauen.
FDP-Fraktionschef Steven Wink sagt: „Gewalt darf niemals zum Alltag gehören.“ Wenn Schulen wiederholt Alarm schlügen, dürfe es „keine monatelangen Prüfverfahren geben“. Es brauche „klare Mechanismen und verbindliche Reaktionsfristen“. Zugleich betont er: „Schulen sind kein Reparaturbetrieb für gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Eltern stehen ebenso in der Verantwortung.“
Scharfe Kritik an der Ampel kommt von der CDU-Opposition. Jenny Groß, bildungspolitische Sprecherin und stellvertretende Fraktionschefin, spricht von einer „tiefen Krise“ des rheinland-pfälzischen Schulsystems. Was in Ludwigshafen geschehe, sei „kein Einzelfall“ – auch aus Bad Kreuznach und Neuwied seien Brandbriefe bekannt geworden. Es sei „nicht hinnehmbar, dass eine Schule faktisch erst ‚am Limit‘ stehen muss, bevor vonseiten des Bildungsministeriums ernsthafte Konsequenzen gezogen werden“.
Groß kritisierte: Die Zustände seien ein „Offenbarungseid für die Landesregierung und Ministerpräsident Schweitzer“ und „ein echtes Armutszeugnis sozialdemokratischer Bildungspolitik“. Die CDU fordert unter anderem eine landesweite Gewalt-Taskforce, ein verbindliches Frühwarnsystem sowie mehr Personal und kleinere Klassen an besonders belasteten Standorten.
Der AfD-Landes- und Fraktionsvorsitzende Jan Bollinger spricht von einem „vollständigen Versagen“ der Landesregierung. „Unsere Warnungen wurden viel zu lange überhört und verhöhnt.“ Man müsse nun „mit aller Konsequenz des Rechtsstaates durchgreifen“ und Integration „in unsere Leitkultur aktiv einfordern“. Seine Partei sehe die Ursachen auch in der Zuwanderungspolitik seit 2015.
Maximilian Heimerzheim ist Volontär im Innenpolitik-Ressort.
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