Sie drehen sich scheinbar lautlos am Horizont. Doch für manche Menschen, die in ihrer Nähe leben, sind Windräder mehr als ein Anblick in der Landschaft: Sie fürchten, die Rotoren machen krank. Sie würden ihnen den Schlaf rauben, Kopfschmerzen auslösen, die Psyche belasten. Besonders der Infraschall – Schallwellen mit Frequenzen unterhalb von 20 Hertz – steht bei ihnen im Verdacht, den Körper zu belasten.

Doch was ist dran an diesen Sorgen? Werden Menschen tatsächlich kränker, wenn in ihrer Nachbarschaft Windkraftanlagen stehen?

Dieser Frage sind drei Wissenschaftler um den Ökonomen Niklas Rott von der Universität Augsburg nachgegangen. Sie werteten dafür die Daten von mehr als 120.000 US-Haushalten aus den Jahren 2011 bis 2023 aus, verknüpften Angaben zur Gesundheit mit den Standorten und dem Start der Anlagen und untersuchten, ob die Personen mehr Schlafmittel oder Schmerztabletten kauften. Das Ergebnis, veröffentlicht im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“: Es gibt keine messbaren Folgen.

Weder Schlafprobleme noch Depressionen, Angstzustände oder Kopfschmerzen traten signifikant häufiger auf. Noch zeigte sich bei den Schlaf- und Schmerzmitteln ein entsprechendes Muster. Bei den typischen Entfernungen zu den Anlagen, so schreiben die Autoren, gäbe es keinen Beleg, dass die irgendwelche erheblichen Schäden verursachen. Kleine Effekte, so machen sie deutlich, könnten sie allerdings nicht ausschließen.

Das Besondere an dieser Studie: Sie vergleicht nicht nur Menschen, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu Windrädern leben, mit anderen, die weit entfernt leben. Sie betrachtet auch, wie sich die Angaben in den betroffenen Regionen veränderten – vor und nachdem neue Anlagen in Betrieb gingen. Treten Beschwerden erst danach häufiger auf, könnte das auf einen Zusammenhang hindeuten. Blieben die Werte stabil, spräche das dagegen.

Ganz so einfach ist die Sache allerdings nicht. Denn die Daten haben eine Schwachstelle: Die Wissenschaftler konnten nicht für jeden Einzelnen exakt bestimmen, wie nah er dem nächsten Windrad kam. Weil sie die genauen Adressen nicht kannten, berechneten sie für jede Postleitzahl einen Mittelpunkt, der die Verteilung der Bevölkerung berücksichtigte. Jemand konnte also deutlich näher an einer Anlage wohnen als der Mittelpunkt seines Gebiets – oder wesentlich weiter entfernt.

Die Umweltpsychologin Gundula Hübner von der Medical School Hamburg und der Universität Halle sieht darin ein methodisches Problem. Gegenüber tagesschau.de sagte sie: „Da der überwiegende Anteil der Teilnehmenden in großen Entfernungen zu den Windenergieanlagen lebt, überrascht es dann eben nicht, dass wir hier keinerlei Effekte finden.“ Rott hält dagegen, dass die Studie genau diese Einschränkung auch berücksichtigt: „Ein Teil der Haushalte kann zwar weiter entfernt liegen, ein Teil aber auch näher.“

Wer eine Wirkung erwartet, spürt sie auch oft

Was die Ergebnisse hingegen nicht bedeuten: dass sich niemand von den Rotoren belästigt fühlt. Geräusche, Blinker, periodische Schatten oder ihr Anblick können durchaus als störend empfunden werden. Psychologin Hübner unterscheidet deshalb zwischen einer tatsächlichen Erkrankung und dem Gefühl, durch eine Anlage beeinträchtigt zu werden. In einer ihrer früheren Untersuchungen mit Befragten aus Deutschland und der Schweiz störten sich 4,3 Prozent stark an deren Geräuschen. Hübners Fazit daher: „Es gibt keine Krankheiten, sondern Belästigung.“ Aber selbst die betreffen nur wenige.

Auch Erwartungen können eine Rolle spielen. In der Medizin ist der sogenannte Nocebo-Effekt bekannt: Wer eine schädliche Wirkung erwartet, kann tatsächlich Beschwerden entwickeln oder körperliche Empfindungen stärker wahrnehmen. Das heißt nicht, dass Betroffene sich ihre Symptome einbilden. Es bedeutet aber, dass Beschwerden allein noch nicht beweisen, dass sie durch Infraschall oder andere Emissionen verursacht wurden.

Die Studie passt damit zu zahlreichen früheren Untersuchungen. Auch die fanden keinen eindeutigen Zusammenhang zu bestimmten Krankheiten. Ökonom Rott plädiert bei der Planung neuer Windparks dennoch für eines: Die Anwohner sollten frühzeitig beteiligt, und mögliche Belastungen sorgfältig geprüft werden. Die Akzeptanz, so gibt er zu verstehen, steige auch, indem man die Gemeinden finanziell an den Anlagen beteiligt.

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