„Er war ein wunderbarer Mensch, der das Leben umarmte“
Die See war eigentlich die große Liebe von Jochen Mass. „Schiffe geben mir viel, sie haben Seele“, sagte der einstige Rennfahrer aus der Formel 1 einmal. Mass wollte nämlich ursprünglich Kapitän werden. „Ich hatte aber eine überzogene Vorstellung von der Seefahrt“, räumte er ein. Mass, dessen Großvater Kapitän war, arbeitete in jungen Jahren dennoch erst einmal als Seemann bei der Handelsmarine.
Mit einer Lehre als Mechaniker nahm aber seine Karriere im Motorsport ihren Lauf – und was für eine. Insgesamt 105 Rennen in der Formel 1 bestritt der Mann aus Dorfen bei München, acht Podiumsplätze und sogar einen Sieg fuhr er ein. „Das ist so, als ob man ein Tor in seiner Länderspielkarriere geschossen hat“, erklärte Mass, der 1975 erst der zweite deutsche Grand-Prix-Sieger nach Wolfgang Graf Berghe von Trips war.
Am Sonntag starb der frühere Rennfahrer, der im Februar einen Schlaganfall erlitten hatte, im Alter von 78 Jahren im Kreis seiner Familie im französischen Cannes. Dies bestätigte die Familie der Deutschen Presse-Agentur. Mass hinterlässt seine Ehefrau Bettina, vier Kinder und fünf Enkelkinder.
„Ich bin zutiefst traurig über die Nachricht, dass mein Freund Jochen Mass gestorben ist“, sagte Stefano Domenicali, Geschäftsführer der Formel 1, und fügte an: „Er hatte ein unglaubliches Leben im Herzen unseres Sports und er war ein wunderbarer Mensch, der das Leben umarmte und die Formel 1 liebte.“
„Die Gefahr gehörte für einen Rennfahrer dazu“
Mass erlebte im Jahr 1973 zunächst einen kurzen Einstand in der Formel 1. In seinem Surtees-Rennwagen schied der Debütant nach einer Massenkollision bereits in der ersten Runde aus. Auch sein einziger Sieg in der Königsklasse war überschattet von einem schweren Unfall. Auf dem Stadtkurs von Montjuic in Barcelona kam Rolf Stommelen im April 1975 mit seinem Hill-Boliden von der Strecke ab und schoss in die Zuschauermenge. Mehrere Menschen starben – es war eine hochgefährliche Zeit im Motorsport.
„Es klingt natürlich ein wenig blöd, aber die Gefahr gehörte für einen Rennfahrer dazu. Man hat es getan, weil man es so wollte“, betonte Mass, der 1989 in einem Sauber-Mercedes zusammen mit Manuel Reuter und Stanley Dickens auch den Langstreckenklassiker von Le Mans gewann. „Ich würde das Gefühl der Gefahr nicht als rein negativ beschreiben.“ Durch das Bewusstsein für Gefahr ließen sich gewisse Aufgaben überhaupt erst umsetzen.
„Wieso habe ich das überlebt?“
Gilles Villeneuves Tod schmerzte Mass lange. Der Kanadier starb im Mai 1982 bei einem Horrorunfall im belgischen Zolder. Der vorausfahrende March-Pilot Mass wollte Villeneuve Platz machen, wählte jedoch jene Spur, auf der sein Rivale vorbeiziehen wollte. Villeneuve fuhr auf, überschlug sich mit seinem Ferrari und wurde folgenschwer aus seinem Wagen geschleudert.
„Ich wusste, ich bin nicht wirklich schuld, weil er ein übertriebenes Risiko eingegangen ist“, sagte Mass, der im südfranzösischen Le Castellet einen ähnlichen Unfall wie Villeneuve gehabt hatte. Auch viele Jahre danach fragte sich der frühere McLaren-Pilot: „Wieso habe ich das alles überlebt?“ Solch eine „schlimme Erinnerung vergeht aber nicht mehr“, befand Mass. Die Kollision mit Villeneuve war einer der Gründe, warum er kurz darauf aus der Formel 1 ausstieg.
Mass hatte zwei Söhne aus erster Ehe mit Esti und zwei Töchter aus seiner zweiten Ehe mit Bettina, mit der er seit 1994 verheiratet war. „Was ich rings um mich herum habe, darüber kann ich mich sehr, sehr glücklich schätzen“, sagte Mass mit Blick auf seine Liebsten. Bis zuletzt fuhr er Oldtimer- und Klassikerrennen.
Sein Rat an Michael Schumacher
Die Formel 1 verfolgte der frühere TV-Experte mit „kritischem Interesse“ – und auch als Ratgeber. So empfahl Mass sogar Michael Schumacher, 1996 zu Ferrari und nicht zum damals überlegenen Williams-Team zu wechseln. „Wenn du Ferrari wieder stark machst, dann wirst du der König von Italien“, erinnerte sich Mass an seine Worte. Zu gemeinsamen Zeiten im Mercedes-Sportwagen hatte er zuvor sein Wissen mit dem jungen Schumacher geteilt.
Trotz seines Hochgeschwindigkeitslebens wusste Mass die Muße stets zu schätzen. „Ich konnte Ruhe und Stille immer schon genießen, das war ein absolutes Muss“, betonte der Mann, der seinen Lebensmittelpunkt im französischen Grasse hatte. „Nur hektisches Treiben geht nicht. Wir leben ja in einer Welt, in der es niemals ganz ruhig ist.“
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