Es ist nicht neu, aber doch immer wieder aufs Neue verblüffend, wie schnell sich die Wahrnehmungen verändern. Nachdem der BVB vor zweieinhalb Wochen in der Champions League mit 0:1 bei Bodö Glimt verloren hatte und drei Tage später bei Union Berlin über ein 0:0 nicht hinausgekommen war, stand das Urteil fest: Diese Mannschaft werde es nie lernen – und schon gar nicht von diesem Trainer. Niko Kovac, der kurz zuvor seinen Vertrag bis 2029 verlängert hatte, sei eine Fehlbesetzung: nicht innovativ genug, zu altbacken – genau wie der Fußball, den er spielen lasse.

So apodiktisch haben es zwar nicht alle BVB-Fans formuliert, aber einige schon. Und viele andere hatten Zweifel, ob der eingeschlagene Weg des Klubs in dieser Besetzung so noch der richtige sei.

Nach dem sogenannten deutschen Klassiker gibt es nun viel Lob für Kovac. Seine taktische Umstellung sei entscheidend gewesen, dass der BVB zu einem 2:2 in München gekommen ist. Die Vierkette in der Abwehr, mit der die Dortmunder in der Bundesliga seit eineinhalb Jahren nicht mehr gespielt haben, sei das richtige Signal gewesen. Es habe der Mannschaft Mut gemacht.

Da ist etwas dran. Denn so couragiert ist schon lange keine Dortmunder Mannschaft mehr in München aufgetreten. Und die Tatsache, dass ein – wenn auch glücklicher – Punkt geholt werden konnte, nährt die Fantasie, dass es in dieser Saison etwas werden könnte mit einem Kampf um den Titel. Sollte es so kommen: Die deutsche Fußballwelt wäre den Borussen unendlich dankbar – nach den vielen Jahren in der Bundesligahistorie, in denen die Vergabe der Meisterschaft von gähnender Langeweile geprägt war.

BVB und FCB: Gigantische Unterschiede

Wer allerdings glaubt, dass die Entwicklung der Dortmunder, die am Samstag erkennbar wurde, bereits eine Garantie dafür ist, begeht gleich mehrere Denkfehler. Zum einen – und dies ist der entscheidende Faktor: Die Rahmenbedingungen, unter denen die beiden deutschen Vorzeigevereine arbeiten, sind in jedem einzelnen Faktor gigantisch unterschiedlich: Umsatz, Gewinn und Marktwerte. Und die Schere wird in den kommenden Jahren noch weiter aufgehen. Wenn die Bayern, wie geschehen, rund 250 Millionen Euro einnehmen, wenn sie nur fünf Prozent ihrer Anteile an die Viessmann-Gruppe verkaufen, zeigt das, dass sie nicht nur ein deutsches, sondern auch ein internationales Schwergewicht sind. Davon können die Dortmunder nicht einmal träumen.

Viel kritisiert, nun gelobt: Niko Kovac

Der andere Aspekt, den es zu berücksichtigen gilt: Der BVB befindet sich in einer sportlich zwar spannenden, aber auch von Unwägbarkeiten geprägten Phase. Kovac, Sportgeschäftsführer Lars Ricken und Sportdirektor Ole Book versuchen seit dem vergangenen Sommer, die Mannschaft neu auszurichten: weg vom pragmatischen Ergebnisfußball – hin zu mehr Spielkultur, Offensivgeist und idealerweise auch Spektakel. Dafür wurden kreative Spieler wie Karetsas, Konstantelias oder Nwanery geholt.

Diese Transformation brauchte Zeit – und wird sie auch weiterhin benötigen. Sie lässt sich nicht erzwingen. Wer zu früh zu viel riskiert, würde dafür einen Preis bezahlen – den, dass das defensive Fundament, auf dem die Entwicklung seit dem Dienstbeginn von Kovac im Februar 2025 aufbaut, bröckeln könnte. Denn die Offensivkräfte der Dortmunder sind, abgesehen von Serhou Guirassy und im Gegensatz zu den Bayern-Superstars wie Kane, Olise, Saibari oder Luis Diaz, immer noch Talente. Ihnen fehlt noch die taktische Reife. Selbst die individuelle Fehlerquote des mittlerweile einigermaßen erfahrenen Dortmunder Schlüsselspielers Felix Nmecha ist ungleich höher als beispielsweise die eines Joshua Kimmich. Das sind die Realitäten.

Dortmunder Mentalitätsprobleme? Das war gestern

Trotzdem stimmt es hoffnungsfroh, dass sich der BVB und auch Kovac mittlerweile wieder mehr zutrauen. Die mutige Herangehensweise hatte vielleicht auch damit zu tun, dass es in vergangenen Jahren oftmals klare Niederlagen in München gegeben hatte – trotz vermeintlicher Risikovermeidung.

Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass die Dortmunder auch diesmal nicht komplett davor gefeit waren. Die Bayern hatten ein großes Chancenplus. Dennoch: Die Mannschaft von Kovac ließ sich selbst von zwei Rückständen nicht beeindrucken. Sie präsentierte sich resilient. Dortmunder Mentalitätsprobleme? Das war gestern. Es könnte tatsächlich eine spannende Saison werden.

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