Er fährt wie von einem anderen Stern. Wenn Kimi Antonelli diese Saison in seinen Mercedes-Boliden steigt, gibt er meist die Richtung vor. Wie der Polarstern prangt er dann am Dachhimmel der Formel 1. „Es ist beeindruckend, wie er bereits in seinem Alter konstant solche Leistungen abrufen kann. Kimi scheint aus einer anderen Galaxie“, sagte Reid Wiseman im Gespräch mit WELT AM SONNTAG über den 20-Jährigen vergangene Woche in Austin/Texas.

Der Amerikaner muss es wissen. Er war Kommandant der Mondmission Artemis 2 und kennt sich von Berufs wegen mit Galaxien und Sternen aus. Der Stern von Antonelli ist in der laufenden Saison aufgegangen und wird an diesem Wochenende beim Großen Preis von Mexiko mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit seinen vorzeitigen Höhepunkt erreichen – auch wenn er sich noch von einer Viruserkrankung erholen muss und nicht ganz fit ist. Platz neun genügt, dann ist der Italiener Weltmeister. Gewinnt weder Teamkollege George Russell noch Ferraris Lewis Hamilton, würde ihm auch ein punktloser Grand Prix für das Erklimmen des Throns der Königsklasse des Motorsports genügen.

Der Kronprinz von Mercedes wird zum König der Formel 1 – und zwar zum jüngsten der Geschichte. Krönt sich Antonelli in Mexiko zum Champion (Sonntag (ab 21 Uhr MEZ/Sky), ist er 20 Jahre und 68 Tage jung. Bisheriger Rekordhalter ist Sebastian Vettel. Der Deutsche fuhr seinen ersten Titel 2010 mit Red Bull im Alter von 23 Jahren und 134 Tagen ein. Dass der Silberpfeil-Star ihm die Bestmarke abnehmen wird, weiß Vettel längst. „Er hat ein unglaubliches Jahr“, attestierte er Antonelli. Nach 18 Grands Prix stehen neun Siege, sieben Polepositions und 123 Punkte Vorsprung in der WM-Fahrerwertung zu Buche. Eine beeindruckende Bilanz.

Antonelli: jung, humorvoll und unverbraucht

Alles gelingt Antonelli hinter dem Steuer aber nicht. Anfang Februar verursachte er in der Nähe seiner Heimat San Marino einen Unfall. Laut Medienberichten soll er dabei mit hoher Geschwindigkeit unterwegs gewesen sein und eine 144 Meter lange Schneise der Verwüstung hinterlassen haben. Andere Verkehrsteilnehmer waren nicht beteiligt, und auch Antonelli blieb ohne Verletzung. Sein Dienstwagen aber, ein auf 200 Stück limitierter Mercedes AMG GT 63 Pro 4Matic, der rund 230.000 Euro kostet, wurde zum Totalschaden.

Der erste, aber nicht der letzte Unfall Antonellis. Vor dem Großen Preis der Vereinigten Staaten in Austin touchierte der Italiener bei einem Marketingtermin eine Holzwand mit dem Heck. Ob sein Mercedes Schaden nahm, ist unbekannt, aber Videoaufnahmen zeigen, dass eine der Holzlatten aus dem Gerüst fiel. Auslöser des Unfalls? Jugendlicher Leichtsinn. Antonelli hatte schlichtweg vergessen, dass er den Rückwärtsgang eingelegt hatte.

Fan-Liebling: Die Formel-1-Liebhaber in Mexiko sind vorbereitet

Verbreitet hat das Material ausgerechnet Mercedes. Es passt zu dem Image, das der deutsche Rennstall seit Jahren um Antonelli aufbaut. Der 1,72 Meter große Italiener mit dem Surfer-Look ist jung, humorvoll und unverbraucht. Das wird mittlerweile auch fast wöchentlich im Fahrerlager sichtbar. Regelmäßig schmiert Antonelli Teammitgliedern an ihrem Geburtstag Rasierschaum ins Gesicht, liefert sich Kämpfe mit Wasserpistolen oder deaktiviert den Pass seines Renningenieurs Peter „Bono“ Bonnington für das Fahrerlager.

Aktionen, die nicht bei jedem im Rennstall gut ankommen. Allen voran Teamkollege George Russell scheint von den oft lautstarken Spielchen immer genervter. Kein Wunder, ist Antonelli doch das komplette Gegenteil des Briten, der im Fahrerlager den Ruf eines biederen Models des ehemaligen Mercedes-Ausstatters Tommy Hilfiger hat.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Russell unter seinem derzeitigen Status als Nummer zwei leidet. Ursprünglich war er es, der in Lewis Hamiltons Fußstapfen treten sollte, als der Anfang 2025 zu Ferrari wechselte. Er war es, der der vierte Weltmeister in der Geschichte des deutschen Rennstalls werden sollte. Und er war es, der zum weltweiten Aushängeschild der Formel 1 aufsteigen sollte.

Selbst die Ferrari-Fans feiern Antonelli

Der Traum, er scheint geplatzt. Egal bei welchem Fanfest die Mercedes-Piloten auftauchen, halten die Fans vorrangig Pappschilder mit „Kimi“ in die Luft. Wenn sein Name, den Freunde seiner Eltern vorschlugen, genannt wird, brandet lauterer Jubel auf als bei Russell. Selbst die immer treuen Ferrari-Fans sehen nicht mehr nur Rot. Als die Scuderia beim Heimrennen in Monza mal wieder den Sieg verpasste und Antonelli ganz oben auf dem Treppchen stand, wurde der von den Tifosi wie einer der ihren gefeiert.

Leistungstechnisch ist Antonelli in dieser Saison abgehoben. Dass das privat nicht passiert, darauf achtet vor allem Vater Marco. Der begleitet seinen Sohn zu einem Großteil der Rennen. Teilweise schlafen sie dabei in einem Hotelzimmer. Familie steht bei Antonelli an erster Stelle.

Enge Familienbande: Kimi Antonelli mit seinem Vater Marco

Zu der gehört mittlerweile auch Teamchef Toto Wolff. In der Vergangenheit kam es bereits vor, dass der Österreicher auf Einladung der Antonellis GT3-Autos auf dem Kurs von Imola testete. Als Wolff einen Unfall hatte und seinen Boliden mit mittelschwerem Schaden zurückließ, war es Marco Antonelli, der ihm versicherte, er solle sich keine Gedanken machen. Er würde sich um die Sache kümmern.

Zwar ist der Italiener kein Milliardär wie Wolff, aber die abgenutzten Reifen anderer Piloten musste Antonelli nie wie einst Michael Schumacher in seinen Kartzeiten aus dem Müll fischen. Im Gegenteil. Für den Motorsport war das Beste gerade gut genug. Marco Antonelli ist selbst Ex-Rennfahrer und Besitzer des Teams AKM Motorsport, das unter anderem in der Formel 4 startet.

Wolff: Fokus auf behutsamem Aufbauen von Antonelli

Zahlen muss er für die Karriere seines Sohnes aber schon lange nicht mehr. Kimi ist seit 2019 Teil der Mercedes-Familie. 20 Millionen Euro hat der deutsche Rennstall von damals an bis Anfang 2025, als Antonelli in die Formel 1 befördert wurde, in die Entwicklung des Jungpiloten investiert. Vor allem für TPC-Tests (Probefahrten mit älteren F1-Modellen) quer durch Europa. Eine immense Summe, doch intern gibt es die Überzeugung, dass Antonelli über ein Talent verfügt, wie es das nur einmal im Jahrzehnt gibt. Ein Fahrer vom Kaliber Schumacher, Hamilton oder Max Verstappen.

Wolff legte deshalb früh fest, dass neben der sportlichen Förderung vor allem der Fokus auf dem behutsamen Aufbauen des Nachwuchsfahrers liegt. Antonelli soll keinen Druck verspüren. Wolff will, dass er die Leichtigkeit behält. Mit Erfolg. Der Österreicher verrät WELT AM SONNTAG: „Kimi weiß gar nicht, was gerade alles um ihn herum passiert. Kurz vor dem Start des Rennens in Austin kam er in mein Büro und ließ sich auf die Couch plumpsen. Er hat mich angeguckt und gesagt, dass er keinen Druck verspüre und gar nicht an die WM denke. Er würde einfach nur Spaß haben wollen.“

Den hatte er. Antonelli fuhr mit 13 Sekunden Vorsprung ins Ziel. Es war (mal wieder) eine Fahrt wie von einem anderen Stern.

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