Eine Niederlage vor den Augen Hitlers wurde dem ersten Bundestrainer zum Verhängnis
Schon vor 100 Jahren war ein Länderspiel gegen die Niederlande keins wie jedes andere. Amsterdam soll aus allen Nähten geplatzt sein, als die Deutschen am Reformationstag 1926 für ein Spiel auftauchten, in dem es doch lediglich ums Prestige ging. Es gab ja noch keine Welt- oder Europameisterschaften.
Und doch herrschte wie schon ein halbes Jahr zuvor beim 4:2-Sieg in Düsseldorf Großkampfstimmung. In einer Länderspielchronik heißt es: „40.000 Zuschauer von nah und fern hatten eine solche Überfüllung gebracht, dass es in Amsterdam keine Badewanne geschweige denn ein Zimmer zum Übernachten mehr gab.“
Das Spiel wurde den Ansprüchen nicht ganz gerecht. „Ein verdienter Sieg, ein harter spannender Kampf – und doch etwas Enttäuschung“, stand in der Zeitschrift „Fußball und Leichtathletik“ nach dem mühsamen 3:2, das nicht frei von Kapriolen war. So liefen die Deutschen 18-mal ins Abseits, und einmal unterbrach der englische Schiedsrichter Cox das Spiel, um dem Debütanten Karl Scherm die Abseitsregel zu erklären.
Die Anzeigetafel im Het Nederlandsch Sportpark zeigt das Endergebnis von 3:2 für die deutsche Fußballnationalmannschaft anAmüsant war auch, dass Ersatztorwart Heiner Stuhlfauth nach der Pause den Linienrichter gab. Grund: Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hatte vergessen, einen mitzubringen. Bei den Niederländern galt damals das Prinzip: Der Schiedsrichter ist unparteiisch, die Linienrichter sind es weniger, jedes Land musste einen stellen.
Historisch aber brachte Länderspiel Nummer 59 eine Zäsur: Heute vor 100 Jahren wurde die deutsche Nationalmannschaft, die seit 1908 Länderspiele bestritt, erstmals von einem Bundestrainer angeführt. Bis dahin hatten Männer aus dem vielköpfigen Spielausschuss des DFB die Mannschaft aufgestellt – und bei der Nominierung ging es weniger nach Leistung als nach Herkunft. Motto: kein Länderspiel ohne Lokalmatadoren. Der Erfolg dieses föderalen Prinzips hielt sich in Grenzen: Nie hatte es ein Jahr mit einer positiven Bilanz gegeben.
Dass Nerz auf der Bank sitzt, stand nirgends zu lesen
Nun aber standen die Olympischen Spiele 1928 in Amsterdam an, erstmals nach dem Ersten Weltkrieg war Deutschland zugelassen, und der DFB wollte sich nicht blamieren. Die Mannschaft bekam einen Trainer, so wie es in anderen Ländern längst üblich war. Im DFB-Jahrbuch 1926/1927 ist zu lesen: „So wurde für die Vorbereitung der Olympischen Spiele und die damit von selbst verbundene Ausbildung der deutschen Ländermannschaft der bei der Deutschen Hochschule für Leibesübungen beschäftigte Herr Otto Nerz als Bundessportlehrer verpflichtet.“
Die Zäsur wurde freilich weder angekündigt noch gewürdigt. Wenn Deutschland heute einen neuen Trainer bekommt, gibt es wochenlang Berichte, Interviews oder wie jüngst im Fall Jürgen Klopp Pressekonferenzen mit dem neuen Mann auf der Kommandobrücke. Ganz anders 1926. Dass Nerz auf der Bank sitzen würde, stand nirgends zu lesen, und nach dem Spiel fand sich kein Statement von ihm. Dass er vor Ort war, belegen nur Fotos. Im „Kicker“ vom 2. November 1926 stand immerhin ein Halbsatz, der die neue Zeitrechnung ankündigte: „… dann waltete Otto Nerz, der Tennis Borussia verlassen hat und haupt- und ganzamtlich vom DFB übernommen wurde, seines Amtes als technischer Beirat und Betreuer der Mannschaft.“
Erst im Laufe des Novembers 1926 sickerte die Meldung seiner Ernennung in den Tageszeitungen durch. Mehr als drei Zeilen wurden ihm nirgends gewidmet. Die Bezeichnungen für Nerz variierten von Reichstrainer über Olympiatrainer bis hin zum Bundessportlehrer. Jedenfalls war er jetzt immer da, wenn Deutschland spielte.
Wer war der erste von nunmehr 13 Bundestrainern? Der DFB hatte einen Karrieristen verpflichtet. 1892 in Hechingen geboren, war Nerz schon mit 18 der jüngste ausgebildete Hilfslehrer in Baden, danach Hauptlehrer in Mannheim. Im Weltkriegsjahr 1914 meldete er sich freiwillig an die Front, von der er 1917 verletzt in den Schuldienst zurückkehrte.
Fußball spielte er hochklassig beim VfR Mannheim und bei TeBe Berlin. Immer strebsam, absolvierte er 1921 die Turnlehrerausbildung bei der Badischen Landesturnanstalt und ging 1922 nach Berlin an die Deutsche Hochschule für Leibesübungen (DHfL), um Sportlehrer zu werden. In seiner Diplomarbeit widmete er sich dem „Fußball-Wintertraining“.
Der erste Bundestrainer arbeitete ehrenamtlich
Noch vor seinem Abschluss 1929 durfte er Studenten zu Fußballtrainern ausbilden. Auf diese Weise entstand der Kontakt zu DFB-Präsident Felix Linnemann. Die Anstellung erfolgte angeblich bereits im Juli 1926, belegt ist es nicht. Eine WELT-AM-SONNTAG-Anfrage im DFB-Archiv ergab, dass „Verwaltungsnachlässe vor 1950 nicht mehr existieren“. Gesichert ist: Der erste Bundestrainer arbeitete ehrenamtlich, ging noch zur Uni (1926 begann er ein Medizinstudium), und sein Name stand noch bis ins WM-Jahr 1934 im Berliner Telefonbuch.
Er schrieb Spielberichte und kommentierte im Radio das Meisterschaftsfinale 1929 zwischen der SpVgg Fürth und Hertha BSC. Warum auch nicht – bezahlt wurde Nerz weiterhin von der DHfL. Besonders schätzte der DFB seinen Blick über den Tellerrand, dazu zählten die Studienreisen nach England, Schottland und Österreich. Seine Erkenntnisse flossen schon bald in den deutschen Fußball ein, die Nationalelf spielte fortan „englisch“ im WM-System (3-2-2-3).
Zu viel Macht aber bekam er nicht, das Los der ersten Trainer war: Sie hatten nie das letzte Wort. Der Zeitschrift „Fußball“ sagte Nerz 1931: „Übrigens habe ich gar nichts zu sagen bei der Zusammenstellung der Länderelf. Ich bin nur der Trainer der Spieler, der Spielausschuss macht die Zusammenstellung.“ So erging es bis 1938 auch dem Nachfolger Sepp Herberger.
Nerz (r.) neben dem damaligen Nationalspieler Andreas KupferIn die Ära Nerz fallen zwei Enttäuschungen und ein Triumph. 1928 in Amsterdam und 1936 in Berlin war schon in der 2. Runde bei Olympia Schluss, bei der WM 1934 wurde die DFB-Elf in einem Feld voller Profiteams Dritter und als „Weltmeister der Amateure“ gefeiert.
Das Olympia-Aus 1936 vor den Augen des erstmals ein Fußballspiel verfolgenden Diktators Adolf Hitler wurde ihm zum Verhängnis. Zunächst beurlaubt, kehrte er nach wochenlangem Ränkespiel noch einmal zurück, doch ab November 1936 übernahm Herberger die Nationalmannschaft. Weil Nerz im Verband noch eine Lobby hatte, wurde er aber dessen unmittelbarer Vorgesetzter. Für ihn wurde der Posten des „Referenten der Nationalmannschaft“ geschaffen, nun durfte er die Aufstellungen absegnen, die ihm der quasi zum Turnlehrer degradierte Herberger vorlegte.
Nerz’ Meinung: „Feldbetten genügen“
Nerz wurde in der Rückschau meist ungnädig bewertet. Er galt als verkniffener Drillmeister, der lieber die Spieler als den Ball laufen ließ. Die von ihm abgehaltenen Kurse hatten oft etwas von militärischer Grundausbildung, seine Meinung zur Unterbringung lautete: „Feldbetten genügen.“
Fatal war seine Andienung ans NS-Regime, als sich das einstige SPD-Mitglied 1943 in einer dreiteiligen Serie im Berliner „12-Uhr-Blatt“ über den „unheilvollen und zersetzenden Einfluss“ der Juden auf das Vereinsleben ausließ. Er starb 1949 im ehemaligen KZ Sachsenhausen in russischer Gefangenschaft, im Gegensatz zu Herberger wurde ihm kein Persilschein als Mitläufer ausgestellt.
Mit dem Übergang von Nerz zu Herberger betrat der DFB einen scheinbar fest planierten Weg. Der Nachfolger des Bundestrainers war bis 1984 immer sein Assistent: Helmut Schön folgte auf Herberger, Jupp Derwall auf Schön. Als der als Erster bei einem Turnier die Vorrunde nicht überstand, zeigte sich die Macht der Boulevardpresse und statt des designierten Nachfolgers Erich Ribbeck wurde Franz Beckenbauer, ohne Trainerlizenz, inthronisiert. Denn längst war es nicht mehr egal, wer die wichtigste Trainerposition im deutschen Fußball bekleidete.
Otto Nerz, der stets als so gefühlskalt geschildert wurde, war es auch nicht. „Die Nationalmannschaft war meine Leidenschaft. Als wir verloren hatten, hätte ich weinen können“, sagte der erste Bundestrainer nach dem Olympia-Aus 1928.
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