Er ist früh aufgestanden. Tom Bischof hat an diesem Vormittag bereits ein individuelles Training hinter sich, als er zum Gespräch mit WELT AM SONNTAG Platz nimmt. Später wird der 21-jährige Nationalspieler des FC Bayern die Übungseinheit mit seiner Mannschaft absolvieren. Am Samstag (18.30 Uhr, Sky) empfängt er mit dem deutschen Fußball-Rekordmeister im Topspiel der Bundesliga Borussia Dortmund.

WELT AM SONNTAG: Herr Bischof, aktuell steht beim FC Bayern über allem die Frage, wie es dem erkrankten Trainer Vincent Kompany geht. Wie erleben Sie die Situation?

Tom Bischof: Ich finde diese Bayern-Familie phänomenal. Wie hier jeder für jeden da ist. Wie sich jeder auf jeden verlassen kann. Dieses Füreinander ist absolut bemerkenswert und gibt mir ein sehr gutes Gefühl. Hier ist man viel mehr als ein Mitarbeiter. Das habe ich gemerkt, als Joshua Kimmich diesen schrecklichen Verlust erlebt hat (Kimmichs Vater starb kürzlich im Alter von 57 Jahren, d. Red.), bei Jamal Musiala, und das erlebe ich jetzt bei Vincent Kompany. Hier wird niemand alleingelassen. Und es macht mich schon auch stolz, Teil dieser besonderen Gemeinschaft zu sein. Wir spielen nie nur für uns, sondern immer für alle.

WAMS: Es heißt, Sie wären als Kind jeden Tag unter etwas ganz Besonderem aufgewacht, das mit Ihrem Klub zu tun hat.

Bischof: Stimmt, unter einem Bayern-Gemälde in meinem Kinderzimmer. Es ist riesig, rund drei Meter hoch. Mein Vater ist großer Fan des FC Bayern und hat es mir zur Einschulung geschenkt. Einer seiner Freunde ist Maler und hat mich damals im Trikot meines Heimatvereins TSV Amorbach gezeichnet: Ich bei einem Seitfallzieher, über mir das Logo des FC Bayern. Das Gemälde ist bis heute in meinem früheren Kinderzimmer. Ich war dank meiner Familie auch schon Mitglied in einem Fanklub des FC Bayern, bevor ich geboren war (lacht).

Tom Bischof als Junge in seinem Kinderzimmer

WAMS: Insofern sind mit Ihrem Wechsel zum FC Bayern vor eineinhalb Jahren der Traum Ihres Vaters und Ihr Kindheitstraum wahr geworden?

Bischof: Ich lebe wirklich meinen Traum. Bereits als Kind habe ich gespürt, dass es mein Traum und mein Ziel ist, Fußballprofi zu werden. Ich liebe den FC Bayern. Das war als Junge so – und ist immer noch so. Ich hatte bestimmt 30 Trikots: Bastian Schweinsteiger, Franck Ribéry, Arjen Robben. Thiago fand ich auch super, ein unfassbarer Spieler. In jedem Urlaub habe ich meine Eltern angebettelt, mir ein neues Trikot zu kaufen.

WAMS: Sie haben bereits mit 16 Jahren im Trikot der TSG Hoffenheim in der Bundesliga debütiert. Welchen Beruf hätten Sie wohl ergriffen, wenn es mit dem Fußball nicht geklappt hätte?

Bischof: Ich kann mir vorstellen, dass ich dann in das Unternehmen meines Vaters eingestiegen wäre. Er hat eine Baufirma. Früher habe ich dort in den Ferien oft ausgeholfen, immer mal wieder eine Woche.

WAMS: Was haben Sie konkret gemacht?

Bischof: Alles Mögliche, was auf einer Baustelle anfällt. Ich saß zum Beispiel im Bagger und habe die Schaufel bedient. Es war anstrengend, hat aber Spaß gemacht. Seit dieser Zeit weiß ich, wie intensiv und spannend die Arbeit in dieser Branche ist.

WAMS: Sie haben mal gesagt: „Beim FC Bayern musst du hinter jedem Pass eine Message haben.“ Wie lernt man das?

Bischof: Ich hatte bei Hoffenheim eine super Ausbildung. Heutzutage ist es wichtiger denn je, ein cleverer Fußballer zu sein. Beim FC Bayern haben mir Mitspieler und Trainer sofort klargemacht, wie entscheidend es ist, Pässe mit einem klaren Plan dahinter zu spielen. Nach und nach entwickelt man ein Gefühl dafür und verbessert sich weiter. Zudem arbeite ich in Rücksprache mit dem Verein auch außerhalb des Klubgeländes mit einem tollen Team an mir.

WAMS: Sie treffen sich regelmäßig mit einem Mentaltrainer.

Bischof: Und mit einem Performancecoach. Das gibt mir viel. Es geht darum, an seinen Schwächen zu arbeiten. Und meine Stärken weiter auszubauen. Mein Mitspieler Jonathan Tah hat mich hier inspiriert, er arbeitet in Teilen mit demselben Team. Mit der Zeit habe ich Routinen entwickelt, die mir sehr guttun. Ich meditiere zum Beispiel.

Tom Bischof beim Interview in München mit WAMS-Reporter Julien Wolff

WAMS: Von welchem erfahrenen Spieler haben Sie beim FC Bayern bislang am meisten gelernt?

Bischof: Von Jo (Joshua Kimmich, d. Red.). Er hat eine enorme Qualität. Wir beide sind sehr ehrgeizig. Er hilft mir sehr und ist immer für mich da. Als mein Wechsel zum FC Bayern feststand, war er einer der ersten, der mir eine Nachricht schrieb. Darin betonte er, wie er sich auf mich freut. Das hat mir ein super Gefühl gegeben.

WAMS: Kimmich sagt, mit Harry Kane hätten Sie die beste Schusstechnik aller Bayern-Spieler. Stimmt das?

Bischof: Wenn er das sagt (lacht). Über Harry muss ich nicht viel sagen, seine Abschlüsse im Strafraum sind Weltklasse. Ich schieße meist eher von außerhalb des Sechzehners. Für die richtige Technik habe ich sehr lange und viel trainiert.

WAMS: Haben Sie schon immer Extratraining gemacht?

Bischof: In den letzten Jahren bei Hoffenheim hatte ich einen Offensivtrainer, mit dem ich viel an meinem Abschluss gearbeitet habe. Wiederholung ist hier entscheidend. Sobald ich sehe, wie der Ball liegt, weiß ich, ob ich in die kurze oder die lange Ecke schieße. Und wie viel Kraft ich am besten in den Schuss lege.

Vincent Kompany befindet sich nach seinem Zusammenbruch weiter im Krankenhaus. Eine Diagnose wurde bislang nicht bekanntgegeben, berichtet Walter M.Straten. Wer den Trainer des FC Bayern besuchen möchte, müsse sich an eine klare Regel halten.

WAMS: In der Jugend haben Sie als „Zehner“ gespielt. Ein Vorteil für Ihr heutiges Spiel?

Bischof: Ich glaube, das hilft mir bis heute. Im Profifußball liegt mir die Sechs deutlich mehr als die Zehn. Mein Torabschluss, mein Offensivdrang, das Gefühl und das Verständnis für das Spiel – ich profitiere von der Erfahrung, die ich als Zehner und später als Außenverteidiger gesammelt habe.

WAMS: Jetzt spielen Sie auf einer sehr verantwortungsvollen Position im zentralen Mittelfeld. Inwiefern hat sich Ihre Rolle seit Ihrem Wechsel zu den Bayern verändert?

Bischof: Von Beginn an habe ich gespürt, dass Vincent Kompany mir vertraut. Am Anfang habe ich Außenverteidiger gespielt, da wurde ich quasi ins kalte Wasser geworfen. Seit Beginn dieser Saison spüre ich noch mal mehr Verantwortung. Dass ich im Mittelfeld spielen kann, fühlt sich sehr gut an. Ich trage sehr gern Verantwortung.

WAMS: Viele Experten sehen Sie als neuen Kimmich, nach dem 2:2 gegen den FC Arsenal in der Champions League bezeichnete Sie die englische Fußballlegende Steven Gerrard als „herausragend.“ Sehen Sie sich als neuen Kimmich?

Bischof: Ich nehme es als großes Lob, mit solch einem tollen Spieler verglichen zu werden. Gleichzeitig mag ich Vergleiche generell nicht sonderlich. Denn ich möchte meinen eigenen Weg gehen. Ich bin Tom Bischof, und ich werde alles dafür geben, beim FC Bayern eine erfolgreiche Karriere hinzulegen. Ich habe mit dem Verein Großes vor.

WAMS: Was genau haben Sie vor? In zwei Jahren steigt in München das Finale der Champions League…

Bischof: … und das möchte ich auf jeden Fall gewinnen. Zuhause hier in München, das wäre etwas ganz Besonderes. Ich hätte auch nichts dagegen, die Champions League bereits dieses Jahr zu gewinnen. Zwei Mal in Folge – das wäre ein Traum.

WAMS: Die internationale Konkurrenz ist enorm. Ist Ihre Mannschaft gut genug für den Triumph?

Bischof: Davon bin ich überzeugt. Wer für den FC Bayern spielt und für Titel nicht bereit ist, der ist hier falsch. In diesem Klub will und muss man Titel gewinnen.

Zwei Jungstars in Topform: Tom Bischof (r.) mit Michael Olise vom FC Bayern

WAMS: In der Nationalmannschaft gehörten Sie zuletzt zur Startelf. Was erwartet der neue Bundestrainer Jürgen Klopp von Ihnen?

Bischof: Dass ich Spaß habe am Fußball und befreit spiele – das war seine erste Message an mich. Er hat uns beim ersten Lehrgang gar nicht so viele Vorgaben gemacht. Wir sollen und wollen als Team auftreten und sind meiner Meinung nach auf einem guten Weg. Natürlich braucht es Zeit. Der Trainer hat ein sehr gutes Gefühl für uns Spieler.

WAMS: Was sind Ihre Ziele für die kommenden Monate und Jahre?

Bischof: Ich möchte die Einsatzzeiten, die ich bekomme, nutzen. Ich will noch mehr Verantwortung übernehmen. In der U21-Nationalelf bin ich Kapitän, ich mag die Führungsrolle sehr, das liegt mir als Typ. Diese Qualität möchte ich beim FC Bayern noch mehr einbringen, obwohl ich noch jung bin. Das wird auch von den Trainern und der Mannschaft von mir verlangt. Ich möchte konstant Startelfspieler sein. Und so viele Titel wie möglich gewinnen.

WAMS: Sie erwähnten Ihre Jugendidole Schweinsteiger und Thiago. Im Mittelfeld der Bayern und der Nationalelf spielen Sie immer wieder Aleksandar Pavlovic. Inwiefern spielen Sie als junges Mittelfeldduo anders als die Sechser in den Generationen vor Ihnen?

Bischof: Der Fußball entwickelt sich immer weiter. Er ist noch schneller geworden. Unsere Trainer sind taktisch sehr raffiniert und haben klare Vorstellungen von unserem Fußball, wir spielen permanent nach vorn. Unsere Außenverteidiger stehen oft sehr zentral. Wir im Mittelfeld haben viele Freiheiten, auch wenn die Mitte immer mindestens mit einem Spieler besetzt sein muss. Wir stehen für mutigen Fußball. Mitunter verteidigen wir Eins-gegen-Eins über das gesamte Spielfeld. Das funktioniert, weil wir uns gegenseitig vertrauen.

WAMS: Menschen in Ihrem Alter werden oft als „Generation TikTok“ bezeichnet, die sehr viel Zeit am Smartphone verbringt. Trifft das zu?

Bischof: Auf mich persönlich trifft das nicht zu, finde ich. Ich verbringe auch Zeit bei TikTok oder YouTube. Doch ich weiß sehr genau, wie viel mir da guttut und wann ich mich auf die wichtigeren Dinge konzentrieren muss und möchte. Insgesamt mag ich es sehr, Dinge offline zu erleben, in der echten Welt.

WAMS: Sie absolvieren oft alle paar Tage ein Spiel. Wie entspannen Sie?

Bischof: Ich liebe die Natur und gehe gern raus. Zudem spiele ich gern Karten, zum Beispiel Uno oder Wizard. Das entspannt mich sehr. Und ich koche gern, auch mit meiner Familie und meiner Freundin. Kürzlich hat meine Mutter mir ein Kochbuch geschenkt. Ich probiere gern neue Rezepte aus.

WAMS: Haben Sie ein Signature Dish?

Bischof: Ich mache ein ganz gutes Hähnchengericht mit einer scharfen Soße, gebratenen Kartoffeln und Brokkoli.

WAMS: Herr Bischof, auf was blicken Sie heute als Erstes an Ihrer Wand, wenn Sie aufwachen?

Bischof: An der Wand in meinem Zuhause in München ist noch Platz (lacht). Ein Bild des gewonnenen Champions-League-Pokals würde dort sehr gut hinpassen. Ich tue alles dafür, damit es klappt.

Tom Bischof vom FC Bayern beim Besuch des Vereins Glücksmomente

WAMS: Welche Träume haben Sie für Ihr Leben abseits des Fußballs?

Bischof: Ich engagiere mich für Kinder, denen es nicht gut geht. Das gibt mir sehr viel, und das finde ich ganz wichtig, gerade weil wir sehr privilegiert sind. Seit einiger Zeit unterstütze ich den Verein „Glücksmomente“, der sich für schwer erkrankte Kinder und deren Familien einsetzt. Ich besuche die Kinder immer wieder, im Krankenhaus oder in einer Sporthalle zum Beispiel, zuletzt am Montag. Kinder lächeln zu sehen ist für mich das Größte. Dazu noch mehr beizutragen – das bezeichne ich als Traum und Ziel für mein Leben.

Julien Wolff ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren über den FC Bayern, die Nationalmannschaft sowie über Fitness-Themen. Er wird Samstagabend beim Topspiel im Münchner Stadion auf der Medientribüne sitzen.

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