Als ihr der Abgang vom Stufenbarren perfekt in den Stand gelungen war und das Publikum in der Rotterdamer Turn-Arena jubelte, zeigte Helen Kevric kaum eine Regung. Kein Schrei, keine Geste, kein Lächeln. Für die 18-Jährige, die als sechste von acht Athletinnen in das Stufenbarren-Finale der Weltmeisterschaften gegangen war, begann das Warten auf die Wertung.

Was war ihre Weltklasseleistung wert? Die Anzeigetafel schuf Fakten: 14,833 Punkte und damit vorerst Platz zwei hinter Olympiasiegerin Kaylia Nemour aus Algerien. Kevric wagte ein Lächeln, erst zaghaft, dann erleichtert und glücklich. Und als dann auch die letzte Turnerin des Finals ihre Übung gezeigt hatte und Kevric immer noch auf dem Silberrang stand, schien alle Anspannung von der Schülerin aus Stuttgart abzufallen. Mit der deutschen Fahne um die Schultern feierte sie im Scheinwerferlicht der Arena ihr herausragendes WM-Debüt.

Kevric, die im August bereits den EM-Titel am Stufenbarren geholt hatte, war als Zweitbeste der Qualifikation in das Finale gegangen. Eine Medaille war die Hoffnung und das Ziel gewesen. Fabian Hambüchen, Reck-Olympiasieger von 2016, hatte vorher gesagt: „Auf der Weltbühne ist die Luft oben ganz schön dünn, aber Helen kann um die Medaillen kämpfen.“ Dass es am Ende tatsächlich glückte, ist vor allem mit Blick auf ihre lange Leidenszeit nach einer schweren Verletzung bemerkenswert und sensationell.

Voller Fokus: Helen Kevric

Kevric musste nur der Olympiasiegerin, die als erste Starterin des Finals 15,333 Punkte vorgelegt hatte, den Vortritt lassen. Bronze ging an die Amerikanerin Skye Blakely (14,600), die am Vortag Mehrkampf-Gold gefeiert hatte. „Es ist einfach extrem krass. Ich kann das noch nicht so richtig glauben. Irgendwie ging das alles super schnell. Das zeigt mir, dass ich nach meiner Verletzung den richtigen Weg gegangen bin, dass ich Gas gegeben habe – und jetzt stehe ich hier und bin Vize-Weltmeisterin. Das ist sehr krass. Ich bin richtig glücklich“, sagte Kevric unmittelbar nach dem Wettkampf.

Die bislang letzte deutsche Turnerin, die eine WM-Medaille gewonnen hatte, war vor fünf Jahren Pauline Schäfer-Betz gewesen. Sie hatte damals Silber am Schwebebalken geholt. Nun legte Kevric nach. Die 18-Jährige gewann damit zugleich die erste und einzige Medaille für den Deutschen Turner-Bund (DTB) bei dieser WM.

Verletzungsdrama 2025 und ein langer Weg zurück

Kevric gilt schon lange als Riesentalent, hatte erstmals bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris für Aufsehen gesorgt – zum einen als jüngste Sportlerin des gesamten deutschen Teams und dann durch zwei Final-Teilnahmen. Mit Rang acht im Mehrkampf und Platz sechs am Stufenbarren zeigte sie dort bereits, welch großes Potenzial in ihr steckt.

Dann aber der Rückschlag: Im Mai 2025 zog sie sich bei der Heim-EM in Leipzig eine schwere Verletzung am linken Knie zu, musste operiert werden und kämpfte mehr als ein Jahr um ihr Comeback. Mental sei es noch härter gewesen als körperlich, sagte sie vor der WM im WELT-Gespräch. „Ich bin super dankbar, dass mir die Menschen um mich herum so viel Kraft gegeben haben. Es war auch nicht einfach, meinem Körper wieder vertrauen zu können.“

Die Rückkehr gelang ihr dann in diesem Sommer auf beeindruckende Weise: erst zwei Titel bei den Deutschen Meisterschaften im Juli in Hannover, dann EM-Gold im August in Zagreb – und nun der Erfolg in Rotterdam.

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