„Meine engsten Freunde und meine Familie haben es mir nicht zugetraut“
Anspannung liegt über dem heiligen Rasen an der Church Road. Erster Aufschlag – Fehler. Zweiter Aufschlag – Fehler. Kollektives Aufstöhnen auf der Tribüne des Centre Courts. 40:30.
Nächster Matchball. „Gott, gib mir einen ersten Aufschlag, denn ich weiß nicht, was ich mit dem zweiten tun soll“ – der Junge mit den rotblonden Haaren schickt ein Stoßgebet nach oben. Dann wippt er wieder vor dem Aufschlag vor und zurück, wirft den Ball nach oben, biegt den Oberkörper nach hinten, holt aus – und schlägt seinen Service mit hoher Geschwindigkeit nach außen ins Feld von Kevin Curren. Der Südafrikaner kommt nur noch mit dem Schlägerrahmen dran.
„Unerreichbar. Unerreichbar für Kevin Curren“, ruft ZDF-Kommentator Rainer Deike ins Mikrofon. Elf Millionen Zuschauer sehen an diesem 7. Juli 1985, wie Boris Becker die Arme hochreißt. Es ist 17.26 Uhr Ortszeit, als in der Tenniswelt nichts mehr ist wie zuvor. Ein 17-Jähriger hat alles verändert. Er ist der jüngste Sieger in Wimbledon, der erste Deutsche überhaupt, der das wichtigste Tennisturnier der Welt gewinnt.
Ikonisches Bild: Becker nach seinem Finalsieg über Kevin CurrenAber es ist noch mehr. Eine Naturgewalt. Harte Vorhand, gewaltiger Aufschlag, geblockte Returns. Aber auch gefühlvolle Volleys, spektakuläre Hechtsprünge am Netz. Energie, Emotionen, Aura. Nie zuvor ist einer so schnell in die Herzen der Fans gestürmt.
Deutschland ist elektrisiert. Die Tagesschau wird verschoben, wenn Bum-Bum-Boris spielt. Tennisklubs im ganzen Land haben Aufnahmestopps und lange Wartelisten. Dabei ist 1985 vielen Deutschen der Tennissport noch fremd. Mit dieser merkwürdigen Zählweise und der großen Tradition. Ein elitärer Sport, der plötzlich die Massen fasziniert. Die „Bild“ bringt extra eine Tennis-Fibel heraus, um den Leuten die Begriffe des Spiels zu erklären.
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Wir sitzen in einem Münchner Hotel. Becker hat sich einen Espresso und eine Flasche Wasser bestellt. 41 Jahre nach seinem Wimbledon-Triumph sagt er im Gespräch: „Das war mein öffentlicher Geburtstag. Es gibt ein Leben bis zu diesem Tag und ein Leben seitdem. Es hatte viele Vorteile, aber auch Nachteile. Eine ganz verrückte Zeit. Wenn das heute passiert wäre, wäre das Ausmaß unvorstellbar gewesen. Die sozialen Medien hätten mich über Nacht auf eine völlig andere Weise berühmt gemacht.“
Wie hat er damals dem Druck standhalten können? In so jungen Jahren? Becker: „Mit 17 habe ich Druck nicht so erlebt, wie die Menschen es sich vielleicht vorstellen. Ich war einfach auf das Tennis konzentriert, auf den nächsten Punkt, das nächste Match. Meine Mentalität war auch immer gut. Ich habe vor dem Finale sehr gut geschlafen und im Traum das Match gespielt und gewonnen. Ich habe gesehen, wie ich die Trophäe in die Höhe gereckt habe. Da war vieles in meiner DNA, was man gebraucht hat.“
Becker küsst die TrophäeGute Nerven waren nötig. „Es gab einige Matches, die ich hätte verlieren müssen. Gegen Nyström, Järryd oder Mayotte, gegen den ich mich am Fuß verletzte und schon aufgeben wollte. Ich dachte: Das war’s! Hätte Mayotte näher am Netz gestanden, hätte ich ihm wohl zum Sieg gratuliert. Aber dann riefen Tiriac und Bosch, dass ich mich erst behandeln lassen soll. Im Nachhinein nenne ich das Schicksal.“
Dass er die Welle der Euphorie, die nicht nur bei seiner Rückkehr nach Deutschland und dem Triumphzug durch seine Heimatstadt Leimen über ihn hinwegspülte, gut überstand, hat viel mit Ion Tiriac zu tun. Am Tag nach dem Wimbledon-Sieg reiste Becker mit seinem Manager nach Monte Carlo. „Wir haben dort eine Woche verbracht, in der er mir erklärt hat, was das jetzt bedeutet. Sozusagen als Lebensschule und Vorbereitung auf die Dinge, die da kommen werden. Das war sehr hilfreich.“
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1986 gewinnt Becker wieder in Wimbledon, glatt in drei Sätzen gegen Ivan Lendl. „Die Titelverteidigung war für mich deutlich mehr wert als der erste Sieg. Meine engsten Freunde, meine Familie und auch Tiriac und Bosch haben es mir nicht zugetraut. Aber das ganze Turnier lief glatt.“
Als wir auf 1987 zu sprechen kommen, nickt Becker kurz und sagt: „Ich wurde ja als Wunderkind bezeichnet. Aber Wunderkinder leben nicht lange. Was ich damit meine, ist, dass das Bild eines Wunderkindes nicht für immer bestehen kann. Irgendwann müssen die Menschen auch zulassen, dass die Person dahinter erwachsen wird.“
Der 26. Juni ist der Tag, an dem viele erkennen müssen, dass auch der junge Boris nur ein Mensch ist. Becker trifft in Runde zwei auf Peter Doohan. Einen Australier, der auf Platz 70 der Weltrangliste steht und nur als Kanonenfutter gilt. Es kommt anders: Mit 6:7, 6:4, 2:6, 4:6 verliert der neue Superstar das Spiel.
Ganz Tennis-Deutschland ist geschockt. Doch Becker rückt die Verhältnisse wieder ins rechte Licht. „Ich habe ein Tennisspiel verloren, aber es ist kein Krieg ausgebrochen. Es ist niemand gestorben“, sagt er nach seinem Aus. Heute findet Becker: „Ich konnte das vernünftig einschätzen: Ich habe nicht die Welt verändert. Ich habe keine Leben gerettet und als Wissenschaftler bahnbrechende Erfindungen gemacht. Ich war lediglich ein guter Tennisspieler.“
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In Deutschland haben mittlerweile Davis-Cup-Partien mit Becker denselben Status wie Spiele der Fußball-Nationalmannschaft. Vom 24. bis 26. Juli 1987 geht es in den USA besonders hoch her. Die „Schlacht von Hartford“ geht in die Annalen ein. Becker schlägt John McEnroe nach fünf Sätzen und 6:39 Stunden mit 4:6, 15:13, 8:10, 6:2, 6:2. Vor lauter Glück schnappt sich Becker die Deutschland-Fahne und läuft eine Ehrenrunde. „6:39? Ich meine, das waren sogar 6:42 Stunden“, sagt Boris lachend und erinnert sich: „McEnroe hat die Zuschauer aufgeheizt. Die Stimmung war sehr gegen Deutschland. Aber mich kitzelt das, ich will dann erst recht gewinnen.“
Ohne den Triumph in Hartford (Deutschland hielt so die Klasse) hätte es die Davis-Cup-Erfolge 1988 und 1989 mit Becker nicht gegeben. „Das hat meiner Anerkennung in Deutschland geholfen, dass ich mich so sehr für das Land einsetzte“, sagt er. „Aber es war nicht nur ich. Es gehörten auch Eric Jelen, Charly Steeb und Patrik Kühnen dazu. Die Jungs sind heute noch gute Freunde.“
Auch 1989 triumphiert der Deutsche in Wimbledon. Titelverteidiger Stefan Edberg ist ohne Chance. Mit 6:0, 7:6 und 6:4 holt sich Becker seinen dritten Wimbledonsieg – und seinen letzten. 1990 verliert er gegen Edberg trotz 3:1-Führung im fünften Satz. 1991 kommt es zu einem deutschen Finale. Michael Stich gewinnt 6:4, 7:6 und 6:4. Schiedsrichter John Bryson kann es nicht glauben, sagt nach dem Matchball: „Game, Set, Match, Becker!“
War das seine schlimmste Niederlage? „Nein. Klar, jede Niederlage in einem Grand-Slam-Finale tut weh. Aber die Niederlage gegen Edberg 1989 im Halbfinale der French Open war schlimmer. Da lag ich im fünften Satz mit einem Break vorn. Im Finale hätte Michael Chang gewartet. Das war die Chance, einmal die French Open zu gewinnen. Danach hatte ich ein paar schlaflose Nächte.“
Edberg war viele Jahre sein größter Widersacher. Sein größter Rivale aber war „immer der Mann im Spiegel, also ich. Ich musste meine Emotionen, meine Einstellung kontrollieren. Man darf auf dem Platz nicht überdrehen. McEnroe hat das sehr gut eingesetzt, bis er auf Gegner stieß, die das nicht beeindruckte. Zum Beispiel mich.“
Das Finale 1991 gegen Stich hätte auch das Ende der Becker-Karriere sein können. „Wenn ich gewonnen hätte, hätte ich aufgehört oder zumindest eine Pause eingelegt. Warum? Weil ich von 1985 bis 1991 funktioniert habe wie eine Maschine. Das wurde mir alles zu viel. Deshalb kann ich auch Björn Borg gut verstehen, der mit 26 Jahren aufgehört hat.“
Becker weiter: „Ich habe mich immer für andere Themen interessiert, für Politik, für Wirtschaft, andere Sportarten. In der zweiten Hälfte meiner Karriere war es für mich auch wichtig, mich als Mensch zu entwickeln. Irgendwann wollte ich meine Zeit anders nutzen als immer nur Vorhand, Rückhand und Aufschlag.“
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1996 hatte sich Becker schwer an der Sehne des rechten Handgelenks verletzt. „Ich wusste nicht mehr, ob ich noch mal stark zurückkommen kann. Wegen einer Verletzung aufhören zu müssen, wäre für mich die Höchststrafe gewesen.“
1997 in Wimbledon wollte Becker Schluss machen. „Ich habe im Viertelfinale gegen Sampras verloren und ihm dann auf dem Platz gesagt, dass ich aufhöre. Es wusste sonst nur meine Frau und es sollte geheim bleiben, doch ich hatte nicht an die Mikrofone auf dem Platz gedacht. Danach musste ich die längste Pressekonferenz meines Lebens geben.“
Das ist aber noch nicht das Ende. Becker spielt auf kleineren Turnieren und erklärt Anfang 1999, dass er noch einmal in Wimbledon antreten und dann aufhören werde. Im Achtelfinale verliert er in seinem „Wohnzimmer“, wie er den Centre Court in Wimbledon nennt, glatt in drei Sätzen gegen den Australier Patrick Rafter. „Ich hatte mit meinem Rücktritt Frieden gemacht und keine Sekunde mehr daran gedacht, dass ich noch mal zurückkommen werde.“
Beckers Bilanz: zehn Grand-Slam-Finals, sechs Siege (dreimal Wimbledon, zweimal Australian Open, einmal US Open). Insgesamt 49 Titel. 1992 Olympia-Gold im Doppel mit Stich.
Goldige Zeiten für das deutsche Tennis: Becker und Michael Stich (r.) bei Siegerehrung 19921991, nach dem Sieg bei den Australian Open im Finale gegen Lendl, war er zwölf Wochen die Nummer eins der Weltrangliste. „Ich war sogar schon 1989 der beste Spieler der Welt“, stellt Becker klar, „in der ITF-Rangliste, die alle Grand Slams und den Davis Cup berücksichtigt, stand ich auf Platz eins“. Die Davis-Cup-Bilanz des Deutschen im Einzel (38:3) wird bis heute nur von einem Spieler getoppt. Becker: „Lediglich Nadal liegt vor mir.“
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Auch nach dem Rücktritt spielt Tennis in seinem Leben eine große Rolle. „Mittlerweile bin ich länger TV-Experte als Tennisprofi“, sagt Becker. „Ich habe, unter anderem für die BBC, 16 Wimbledon-Finals kommentiert, und das nicht, weil ich blaue Augen habe und aus Deutschland komme, sondern, weil ich das wohl ganz gut beherrsche. Viel wird bei mir auf meine sportliche Karriere reduziert. Aber ich habe auch danach noch einiges gemacht, was gut war und gut ist.“
Becker ist Davis-Cup-Coach, Chairman am Rothenbaum, Head of Men’s Tennis beim DTB und Trainer von Novak Djokovic (2013 bis 2016), mit dem er sechs Grand-Slam-Titel gewinnt. „Das alles kommt mir manchmal bei der Bewertung von anderen Leuten zu kurz.“
Manche sehen nach der Karriere vor allem die Skandale wie die Verurteilung wegen Steuerhinterziehung 2002 und den Gefängnisaufenthalt 2022 in England wegen Insolvenzvergehens. „Ich habe Fehler gemacht, ich habe die Konsequenzen getragen, und ich musste mich neu aufbauen.“
Becker, der am 22. November 1967 geboren ist, sagt weiter: „Die Menschen haben sich erlaubt, mich zu beurteilen und mich zu verurteilen. Dabei kennen die mich gar nicht. Ich denke: Wenn ich erst mit 24 Jahren Wimbledon gewonnen hätte, wäre das alles nicht so extrem geworden. Es war schon eine sehr heiße Zeit. Das hat Auswirkungen bis heute. Die Menschen sehen immer noch den 17-Jährigen von Wimbledon, aber das bin ich nicht mehr. Ich habe gelebt, gelernt und mich weiterentwickelt. Mir geht es heute wieder sehr gut. Ich bin ein glücklicher Mensch.“
Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter ( WELT, „Bild“ , „Sport Bild“ ) geschrieben und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.
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