Fünf Egos, aber nur ein Ball – das Dilemma der neuen NBA-Zirkustruppe
Optisch hatten die Philadelphia 76ers schon immer ein bisschen was von Evel Knievel, jenem sagenumwobenen Stuntman, der während der Sechziger- und Siebzigerjahre in seinen Stars-and-Stripes-Anzügen auf dem Motorrad zu tollkühnen Sprüngen über Schluchten, Häuser und Lastkraftwagen ansetzte.
Nun könnten die Sixers wie einst der Hasardeur auf zwei Rädern auch endlich mal wieder für Furore sorgen. Das Team von der Ostküste verspricht wenige Tage vor dem Auftakt in die neue Spielzeit großes Spektakel. In Philadelphia wurde in diesem Sommer eine Truppe zusammengebastelt, die reichlich Raum für Spekulationen und Träume lässt.
Es ist noch gar nicht lange her, da galten Sixers-Sympathisanten als bemitleidenswerteste Spezies unter den NBA-Fans. Seit der letzten Meisterschaft im Jahr 1983 schaffte es die Franchise gerade zweimal in die Conference Finals: 1985 unterlag man Boston 1:4, vor 25 Jahren ging es in der Ära von Allen Iverson sogar noch in die NBA-Finals (1:4 gegen die Lakers). Ansonsten galt stets: viel erwartet, wenig gewonnen.
Ein Geschenk namens Jaylen Brown
Nun scheint sich das Barometer zu drehen. Vielleicht. Zumindest haben die Sixers – durchaus überraschend – schon mal die Schlagzeilen in der NBA übernommen. Seit die Knicks-Meisterfeierlichkeiten in New York im Juni ausklangen, gibt es kaum ein anderes großes Thema mehr.
Okay, der Vertragspoker der Detroit Pistons mit ihrem aufgrund einer Körpergewichtsklausel beleidigten Center Jalen Duren war ein nettes Sommerloch-Thema. Ja, der einstige Lebemann Luka Doncic sieht noch fitter aus als im vergangenen Jahr. Und das sich abzeichnende Duell um die Krone der Western Conference zwischen den entthronten Oklahoma City Thunder und den verheißungsvollen San Antonio Spurs um das Naturwunder Victor Wembanyama verspricht tatsächlich großartigen Sport. Letztlich aber drehte sich in den Medien doch fast alles um die neue Startruppe der Liga: die Philadelphia 76ers.
Verschlankt: Luka Doncic und die Los Angeles Lakers müssen fortan ohne LeBron James auskommenSind sie der neue Favorit im Osten? Oder vielleicht sogar darüber hinaus? Kein Team steht momentan so sehr unter Beobachtung, und es ist alles andere als ein Zufall, dass die Liga dem amtierenden Meister New York Knicks zur Saisoneröffnung am 20. Oktober im Madison Square Garden die Sixers in den Spielplan geschrieben hat.
Mit Tyrese Maxey haben sie bereits seit sechs Jahren einen der besten Spielmacher der Liga in ihren Reihen. Maxey ist bemerkenswert schnell, athletisch und mit 25 Jahren noch in der ersten Hälfte seiner Karriere. Maxey konnte seine Werte in bislang jedem Karrierejahr steigern. 2025/26 waren es durchschnittlich 28,3 Punkte pro Spiel. Vor einem Jahr hatte Philadelphia zudem Glück im Draft und sicherte sich mit VJ Edgecombe ein echtes Supertalent. Nicht wenige finden, dass der Titel „Rookie of the year“ 2026 zu Unrecht an Cooper Flagg nach Dallas ging.
Hinzu kamen in diesem Sommer nun zwei Spieler, die unter normalen Umständen kaum erhältlich gewesen wären. Aufgrund eines selbst auferlegten Sparzwangs und zwischenmenschlicher Spannungen trennte sich Boston von Allstar Jaylen Brown. Der 29-Jährige war beim Titelgewinn 2024 noch zum Finals-MVP gekürt worden, jedoch mit seiner Rolle unzufrieden. Für den fünfmaligen Allstar gaben die Sixers den alternden und verletzungsanfälligen Star Paul George plus einiger Draft-Picks nach Boston ab. Ein Tausch wie ein Geschenk – mancher Sixers-Fan klatscht sich noch heute vor Freude auf die Schenkel.
Will es mit Meister New York aufnehmen: Jaylen Brown spielt fortan für die 76ersEine Personalie, die eine Kettenreaktion auslöste. Mit Brown sah LeBron James die Basis für einen Titelkandidaten gelegt – und entschied sich nach seinem Abschied von den Los Angeles Lakers für die Sixers als neues und wohl auch letztes Team. Der 41 Jahre alte Superstar, der mit Cleveland, Miami und den Lakers vier Meisterschaften gewann, hatte zuvor erklärt, im Spätherbst seiner beispiellosen Karriere für vergleichsweise wenig Geld noch einmal um den Titel mitspielen zu wollen. Da man ihn in New York nicht wollte, wechselte er somit nur privat nach Manhattan. Zu Spielen und Terminen fliegt er regelmäßig mit dem Hubschrauber ins 130 Kilometer entfernte Philadelphia ein.
Spätestens durch King James ist den Sixers die mediale Aufmerksamkeit sicher, und auch in Spielerkreisen erlebte die Franchise dank des prominenten Zugangs eine Aufwertung: Wenn der GOAT das so sieht, muss es ja stimmen: In Philadelphia kann man die Meisterschaft gewinnen. Also kamen auch noch Anfernee Simons und Kentavious Caldwell-Pope, die den Kader auch in der Breite zu einem potenziellen Titelkandidaten machen. Viele glückliche Fügungen also, letztlich alle basierend auf Unstimmigkeiten in Boston.
Erste Gerüchte um Joel Embiid
Die zwei großen alten Probleme allerdings bleiben: Joel Embiids Körper und Joel Embiids Kopf. Und ein paar neue knifflige Fragen sind noch hinzugekommen: Wie schnell findet das Team zusammen? Und ist eine Einheit in der Konstellation überhaupt möglich? Alle fünf Startspieler beanspruchen den Ball für sich. Maxey ist der beste Spieler im Kader, Embiid der langjährige Star der Franchise, James der große Superstar der Liga, Edgecombe eines der größten Talente der NBA, das sich in dieser Saison zudem für einen neuen Vertrag empfehlen muss. Und Brown fühlte sich vor allem deshalb in Boston nicht wohl, weil er hinter Jayson Tatum nicht die Nummer zwei sein wollte. Nun hat er in der Hierarchie mindestens zwei, vielleicht drei oder gar vier Teamkollegen über sich. Fünf große Egos, fünf herausragende Charaktere und Spieler – aber nur ein Ball.
Hat gern den Ball: Basketball-Legende LeBron JamesEin kluges Management von Chefcoach Nick Nurse sowie Demut, Geduld und Gemeinschaftssinn jedes einzelnen werden also die Frage beantworten, ob die Mannschaft tatsächlich weit kommen kann, oder am Ende nur ein Quintett eigensinniger Individualisten bleibt. Wie hoch können Zirkuspferde springen? Wenn denn überhaupt alle fit bleiben.
In den vergangenen Jahren stand Joel Embiid zuverlässig als Sinnbild des Dilemmas. Der in Kamerun geborene Center personifizierte seit seinem Draft 2014 Jahr für Jahr die großen Hoffnungen in Philadelphia, um dann doch wegen mangelhafter Fitness und gesundheitlicher Probleme zu enttäuschen. Embiid sollte eine Ära prägen, doch zu mehr als den Conference-Halbfinals reichte es eben nie.
Schon sein Start in die Profiliga war bezeichnend. Eine Fußverletzung hinderte ihn in den ersten beiden Jahren am Mitwirken, und auch Spielzeit Nummer drei endete für ihn verletzungsbedingt bereits im März. Anschließend sorgte er immer wieder für Highlights wie seine 59 Punkte gegen den Utah Jazz 2022 oder 70 Punkte gegen San Antonio 2024. Embiid wurde siebenmal ins All-Star-Team berufen, 2023 zum MVP der Liga gewählt, kam aber nur viermal auf mehr als 60 Einsätze in der 82 Spiele langen regulären Saison. In den vergangenen drei Jahren waren es insgesamt nur 96.
Hinzu kamen Eskapaden abseits des Courts. Disziplinlosigkeiten, Ärger mit Teamkollegen, Streit mit Journalisten und die latente Diskussion um seinen mangelhaften Fitnesszustand begleiten seine gesamte Karriere.
Die ersten frischen Gerüchte ließen dann auch in diesem Sommer nicht lange auf sich warten. LeBron James habe Embiid eine Standpauke gehalten, will Reporter-Legende Mike Breen während der Saisonvorbereitung gehört haben. Eigentlich eine Nachricht der Kategorie „Hund beißt Mann“, erwartbar, eingepreist. Doch Breen, eingefleischter Knicks-Fan, teilte sie mit seinem TV-Publikum während eines Testspiels beider Teams. „Die Mannschaft war bereits zum Training auf dem Court, als Joel Embiid ein paar Minuten zu spät auftauchte. LeBron machte ihm daraufhin unmissverständlich klar, was er davon hielt“, hatte Breen erzählt. Beide Beteiligten dementierten den Vorfall.
Unabhängig vom Wahrheitsgehalt verdeutlicht der Vorfall aber, dass die Augen neben James vor allem auf Embiid gerichtet sind. Auf sein Verhalten und seine Gesundheit. Die beschädigten Knie werden ihm keine Saison mit voller Belastung zugestehen. Doch selbst bei kluger Dosierung bleibt offen, wie ernst es Embiid ist, am Ende seiner Karriere noch einmal richtig anzugreifen. Hunger, Biss und Leidensfähigkeit wurden in der Vergangenheit eher anderen zugeschrieben.
Das muss sich diesmal ändern, denn viel Geld blieb den Bossen nicht, um die Lücke hinter Embiid adäquat zu schließen. Nach dem Achillessehnenriss des deutschen Ariel Hukporti im ersten Vorbereitungsspiel steht Nurse mit dem allenfalls durchschnittlichen Adem Bona nur noch ein weiterer Center zur Verfügung.
Verletzte sich im ersten Testspiel mit den alten Kollegen aus New York: Ariel HukportiWie groß die Not ist, verdeutlichte ein Post in den sozialen Netzwerken vom vergangenen Wochenende. Dwight Howard meldete sich aus Georgien, wo er aktuell für Tbilisi aufläuft. Howard ist 40 Jahre alt, sein letztes NBA-Spiel liegt mehr als vier Jahre zurück. Der Exzentriker spielte seitdem in Taiwan, Dubai und Georgien. An Lust, selbst noch mal eine Nummer im Zirkus aufzuführen mangelt es offenbar nicht. Er teilte Highlights seines ersten Spiels, ergänzt um die Frage: „Philly, was machen wir?“
Embiid und die Sixers werden leiden müssen, um wirklich glänzen zu können, nicht nur ihre Egos zurückstellen, auch physisch darben. Vielleicht hilft ja die Erinnerung an Evel Knievel. Der Stuntman bezahlte Bewunderung und Ruhm teuer. Er erlitt 433 Knochenbrüche.
Wenn Lutz Wöckener nicht gerade irgendeinen Sport im Selbstversuch ausprobiert, schreibt er über Darts und Sportpolitik, manchmal aber auch Abseitiges wie Fußball.
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