„Mein Ziel war und bleibt es immer, das Establishment aufzumischen“
Lange 20 Jahre war Christian Horner Teamchef bei Red Bull, bis er 2025 gefeuert wurde. Im Interview spricht der 52-Jährige über das unrühmliche Aus, die Zeit danach und seine Zukunft.
Frage: Herr Horner, Sie wurden im Juli 2025 nach 20 Jahren im Amt als Teamchef und CEO von Red Bull entlassen. Seitdem wurde es ruhig um Sie. Was haben Sie gemacht?
Christian Horner: Viele vermuten wahrscheinlich, dass ich viel Zeit hatte und die Beine hochgelegt habe, aber das war nicht der Fall. Im Gegenteil! Ich war sehr beschäftigt. Zuallererst habe ich mich um meine Tochter aus einer früheren Beziehung gekümmert, deren Mutter quasi zeitgleich mit meinem Aus bei Red Bull gestorben ist. Das war keine leichte Zeit, aber wir haben sie gemeinsam durchgestanden. Meine Frau Geri (Ex-Spice-Girl Geri Halliwell; Anm. d. Red.) war eine enorme Stütze. Mittlerweile können wir uns wieder an den schönen Dingen des Lebens erfreuen.
Frage: Zum Beispiel?
Horner: Ich habe erstmals Hockeyspiele meiner Kinder besuchen können. Oder war bei Aufführungen in ihrer Schule. Die Lehrer müssen sich gefragt haben, wer ich eigentlich bin. Früher habe ich all diese Events verpasst.
Geri Halliwell (2.v.r.) mit den Spice Girls im Jahr 1997...... und heute als Geri Halliwell-HornerFrage: Sie haben auch ein Buch geschrieben. Ihre Autobiografie „Drive“ erscheint am Mittwoch …
Horner: Genau für solche Sachen hat man dann auch Zeit. (lacht). Sonst war man immer nur mit dem nächsten Rennen oder dem nächsten Upgrade beschäftigt. Alles, was zählte, war morgen, war Fortschritt. Zeit, um mal in den Rückspiegel zu schauen, hatte ich nicht. Umso mehr Spaß hat es gemacht, durch das Buch mit einer neuen Sichtweise auf mein bisheriges Leben zurückzublicken. Es war, als würde man in einer Kiste voller Erinnerungen stöbern.
Frage: In 19 Kapiteln geht es dort um Ihre Anfänge im Motorsport und die 20 Jahre bei Red Bull. Ist Ihr letztes Kapitel in der Formel 1 schon geschrieben?
Horner: Das kann ich nicht beantworten. Ich habe keinen Masterplan für meine Zukunft. Nach über zwei Jahrzehnten mit einem durchgetakteten und immer nach Plan laufenden Leben ist das sehr aufregend. Ich kann nur so viel sagen: Ich bin in der privilegierten Situation, dass ich nichts mehr machen muss – aber kann, wenn ich möchte.
Frage: Klingt nicht nach Rente …
Horner: Nein, in Rente bin ich nicht. Ich bin noch nicht fertig! Aber ich weiß auch, dass ich nach 14 Weltmeisterschaften, 124 Siegen und 287 Podien niemandem mehr etwas beweisen muss. Alles, was ich vielleicht in Zukunft mache, mache ich aus Freude und Überzeugung an der Sache. Ich werde kein Projekt übernehmen, das bei mir nicht auf Anhieb diesen Funken auslöst, der sich dann zum lodernden Feuer entwickeln kann.
Frage: Was wirkt bei Ihnen wie ein Brandbeschleuniger?
Horner: Das ist wie mit meiner Zukunft: Es gibt keinen genauen Plan oder eine Liste an Teams, bei denen ich sofort zusage, wenn sie anrufen. Jede Entscheidung wird individuell getroffen. Es muss das richtige Projekt mit den richtigen Leuten sein.
Frage: Erklären Sie das bitte.
Horner: Ich will nicht zu irgendeinem Mittelfeld-Team, nur damit ich wieder jedes Wochenende im Fahrerlager bin. Dann mähe ich lieber zu Hause den Rasen, verbringe Zeit mit der Familie und schaue das Rennen von der Couch. Mittelmaß ist nicht meins! Mein Ziel war und bleibt es immer, das Establishment aufzumischen und zu gewinnen.
Frage: Wie wichtig ist es Ihnen, Anteilseigner zu sein?
Horner: Das wäre für mich eine der Grundbedingungen. Aber auch da gibt es Unterschiede zu machen. Ein paar Prozente an einem Team, sprich eine Minderheitsbeteiligung, bringen nichts. Wenn, würde ich das Heft des Handelns in der Hand haben wollen. Denn man kann einen Formel-1-Rennstall nicht demokratisch führen. Wer das tut, ist immer zu langsam und wird niemals Rennen gewinnen, geschweige denn Weltmeister werden.
Frage: Formel-1-Teams kosten mittlerweile mittlere einstellige Milliardenbeträge …
Horner: Ich habe in den vergangenen zwölf Monaten viele tolle Investoren kennengelernt, die unheimlich gerne in die Formel 1 wollen. Das Interesse ist nach wie vor ungebrochen. Heißt: Sobald sich eine Chance auftut, wären wir bereit.
Frage: Zuletzt gab es Gerüchte, Sie könnten Teamchef bei Ferrari werden.
Horner: Ja, aber das wurde in den Medien heißer gemacht, als es war und ist.
Frage: Inwiefern?
Horner: Das Interview, aus dem die Zitate stammen, war das erste für mein Buch. Zwischen dem Gespräch und der Veröffentlichung lag ein Monat. Ein Monat, in dem sich die Krise bei Ferrari verschärfte. Dass die Zitate veröffentlicht wurden, als Teamchef Fred Vasseur ohnehin öffentlich angezählt wurde, war nicht ideal. Aber ich habe auch nie gesagt, dass Ferrari mein Traum ist.
Frage: Sondern?
Horner: Der Journalist, ein Fan von Lewis Hamilton, fragte mich damals, ob ich jemals bei Ferrari anheuern würde. Die Frage ist obsolet. Jeder, der in der Formel 1 arbeitet, würde das tun. Ferrari ist Ferrari. Dieses Team ist mit keinem anderen zu vergleichen. Der Rennstall ist eigentlich ein Nationalteam. Italien und die ganze Motorsportnation stehen hinter Ferrari. Dieses rote Auto, die Historie… Es ist einfach Ferrari.
Frage: Klingt, als wenn Sie nicht abgeneigt wären?
Horner: Ich habe damals gesagt, dass Ferrari „ein Traum“ vieler ist. Daraus wurde dann „mein Traum“. Ich mache keinen Hehl daraus, dass Ferrari immer eine reizvolle Aufgabe ist, aber der Konzern würde niemals Anteile am Team verkaufen. Geschweige denn die Minderheit haben. Insofern passt das nicht.
Frage: Vermissen Sie die Formel 1?
Horner: Ja und nein. Ich vermisse natürlich viele Leute, die über die Jahre zu einer zweiten Familie geworden sind. Und das Adrenalin, das durch deinen Körper pumpt beim Start, gibt es so kein zweites Mal. Aber es gibt auch viele Dinge, die ich überhaupt nicht vermisse.
Frage: Zum Beispiel?
Horner: Die vielen Reisen und die Politik.
Frage: Das überrascht. Sie schienen immer an den Machtspielen Gefallen zu finden…
Horner: Natürlich macht es Spaß, wenn man sich mit seinen Rivalen auf und neben der Strecke duelliert. Aber es ist auch zermürbend, wenn man konstant auf der Hut sein muss.
Frage: Gutes Stichwort. Ihre letzten Jahre bei Red Bull waren geprägt durch interne Machtkämpfe. Wie ist Ihr Verhältnis zum Team?
Horner: Gut. Red Bull wird immer ein Teil von mir sein und ich fiebere noch immer bei den Rennen mit. Wenn du 20 Jahre Teil davon warst, geht das nicht anders.
Frage: Sie waren in Silverstone erstmals seit ihrer Entlassung wieder im Fahrerlager.
Horner: Das war ein Gefühlschaos. Dort zu sein, ohne eine Aufgabe oder Zugehörigkeit zu einem Team zu haben, war komisch. Es war wie nach Hause kommen – nur dass es eben nicht mehr dein Zuhause ist.
Frage: Mit wem von Red Bull haben Sie noch Kontakt?
Horner: Max Verstappen und ich schicken uns noch immer regelmäßig Nachrichten bei WhatsApp. Kürzlich hat er mir nach seinem ersten Saisonsieg in Singapur für den Motor gedankt. Genau wie Sportboss Oliver Mintzlaff, Mehrheitseigner Chalerm Yoovidhya und Red-Bull-Erbe Mark Mateschitz.
Max Verstappen feiert mit Red-Bull-Teamchef Christian Horner (rechts) die Weltmeisterschaft 2021Frage: Red Bull entschied sich unter Ihrer Führung zum Bau des ersten eigenen Motors, der laut Weltverband Fia auf Anhieb der beste der Formel 1 ist.
Horner: Das ist schon verrückt und eine Tatsache, auf die ich immens stolz bin. Dieser Erfolg wirkt fast so doll wie der Gewinn einer WM. Als Energydrinkkonzern etablierte Marken wie Mercedes und Ferrari in ihrem Metier zu schlagen, ist etwas, das ich nicht für möglich gehalten habe. Zumindest nicht in der ersten Saison. Man darf nicht vergessen, dass wir die Fabrik in 55 Wochen gebaut haben und der Motor nach 15 Monaten zum ersten Mal angefeuert wurde. Wir haben damals über 200 Leute angeheuert, die zu einer echten Einheit gewachsen sind. Dietrich (Red-Bull-Gründer Mateschitz; d. Red.) hat das mit seinem Mut ermöglicht, weil er uns vertraut hat. Das zahlt sich jetzt aus. Red Bull kann mit diesem Motor Top-Ergebnisse einfahren. Ich habe das Team in einem guten Zustand übergeben.
Frage: Red Bull zeigte eine überragende zweite Saisonhälfte 2025, Verstappen gewann 6 von 10 Rennen. War das der Verdienst der neuen Führung?
Horner: Das würde ich nicht sagen, nein. Alles, was zu dem Erfolg geführt hat, war bereits vor meiner Entlassung angestoßen worden. Deswegen bin ich überzeugt, dass sie – egal wer Teamchef gewesen wäre – diesen Erfolg eingefahren hätten. Selbst wenn ich noch im Amt gewesen wäre, aber alle Rennen krankheitsbedingt verpasst hätte, wäre Max sechsmal Erster geworden. Ein Formel-1-Team ist wie ein Segelschiff. Wenn man das Ruder herumreißt, dauert es, bis man auf dem neuen Kurs ist. Red Bull hat aber zehn Tage nach meiner Entlassung wieder gewonnen … Nicht einmal Jesus Christus hätte so schnell Besserung bringen können. (lacht)
Frage: Wie ist Ihr Verhältnis zu den verbliebenen Leitbullen um Mintzlaff?
Horner: Wir pflegen einen guten Austausch. Am Ende ist die Formel 1 ein Geschäft. Da ist kein böses Blut. Red Bull hat sich damals dafür entschieden, dass sie den Weg ohne mich weitergehen möchten, und das galt es zu akzeptieren. Auch wenn die Trennung brutal war.
Frage: Wie haben Sie damals von Ihrem Aus erfahren?
Horner: Nach dem Silverstone-Rennen war ich mit Oliver (Mintzlaff; Anm. d. Red.) zu einem Gespräch in einem Londoner Hotel verabredet. Als ich mich an der Rezeption meldete, sagte man mir, dass die Teilnehmer bereits auf mich warten würden. Da wusste ich sofort: „Es ist vorbei!“
Frage: Warum?
Horner: Horner: Weil es eigentlich nur Oliver und ich sein sollten. Als es plötzlich mehr Leute zu sein schienen, war klar, dass die Personalabteilung und auch Helmut Marko, der damalige Motorsportberater, vor Ort sein würden, um mir meine Entlassung mitzuteilen.
Frage: Sie haben in den 20 Jahren als Teamchef über rund 1000 Personalien entschieden. Hätten Sie sich selbst auch entlassen?
Horner: In diesem Sport geht es um Ergebnisse. Unter meiner Führung haben wir 14 Weltmeisterschaften gewonnen. Ich hätte mir nach einer unterdurchschnittlichen ersten Saisonhälfte ein bisschen mehr Zeit gewünscht, um die nötigen Korrekturen vorzunehmen. Zumal das Auto die Woche zuvor noch auf der Pole Position stand. Leider war mir das nicht vergönnt. Aber nach dem Tod von Dietrich Mateschitz 2022 hat sich ohnehin viel verändert im internen Umgang.
Frage: Warum?
Horner: Dietrich war die letzte Instanz. Er hat alles Wichtige abgenickt, uns aber das Vertrauen geschenkt und erst einmal machen lassen. Nach seinem Tod hat der Konzern probiert, wieder mehr Macht an sich zu ziehen. Da habe ich nicht reingepasst.
Frage: Aus Österreich lautet der Vorwurf genau andersherum. Vor allem Helmut Marko warf Ihnen vor, ein Machtvakuum zu schaffen.
Horner: Helmut und ich haben 20 Jahre Seite an Seite gearbeitet. Ich habe ihm viel zu verdanken, weil er sich damals bei Dietrich für mich eingesetzt hat, als es darum ging, einen Anfang-30-Jährigen zum Teamchef zu machen. Aber mit der Zeit wurde unser Verhältnis schwieriger. Der Bruch kam mit dem Tod von Dietrich. Helmut hatte keine Funktion mehr, weil er zuvor Dietrich im Bilde hielt und von unserem Weg überzeugte. Das war nicht mehr nötig, sodass er sich mehr auf andere Dinge konzentrierte. Zum Beispiel die Jungpiloten. Ich fand, dass er zu denen immer viel zu hart war, und es nervte, dass er andauernd Interna wie Rennstrategien und Fahrer-News an die Medien durchsteckte. Aber es gab sicherlich auch Dinge an mir, die ihn zur Weißglut getrieben haben.
Frage: Wie ist Ihr Verhältnis heute?
Horner: Wir haben keins.
Frage: Wann war Ihr letzter Kontakt?
Horner: An meinem letzten Arbeitstag bei Red Bull. Wir saßen zu zweit in meinem Büro und haben uns am Ende die Hand gegeben. Seitdem herrscht Funkstille. Aber das ist auch in Ordnung. Es hat mich getroffen, dass er so an meinem Rausschmiss gearbeitet hat, während meine Ex-Frau und die Mutter meiner Tochter kurz zuvor verstorben war. Er hat nicht einmal sein Beileid ausgesprochen. Das war nicht die feine englische Art.
Das Interview wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT, Bild, Sport Bild) geführt und erschien zuerst in Bild am Sonntag.
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