Wer Niko Kovac kennt, konnte schnell erkennen, dass es in ihm brodelt – schon bevor der Trainer von Borussia Dortmund das erste Wort gesagt hatte. „Wir haben bis zum Gegentreffer gar nicht stattgefunden“, erklärte er, als er eine Viertelstunde nach dem Schlusspfiff im zugigen Aspmyra-Stadion stand – bei fünf Grad Celsius, die sich aber deutlich kälter anfühlten. Seiner Mannschaft habe über weite Strecken jegliche „Leidenschaft und Intensität gefehlt“. Deshalb brauche sich auch niemand zu beklagen, ließ der 55-Jährige wissen. „Wir haben das Spiel zu Recht verloren“, so Kovac im Interview mit DAZN.

Damit wäre die Geschichte vom Ausflug der Dortmunder an den Polarkreis normalerweise auserzählt. Nach mehreren europäischen Topklubs hat es auch sie auf dem Kunstrasen des norwegischen Vereins FK Bodö/Glimt eiskalt erwischt. Das 0:1 (0:0) war die erste Niederlage für den BVB seit dem Supercup gegen die Bayern. Sie war verdient, allerdings aufgrund des aufgeblähten Modus in der Champions League mit acht Spielen in der Ligaphase noch lange kein Drama.

Doch für Kovac war es eine extrem bittere Schlappe. Denn der 55-Jährige, der tags zuvor seinen Vertrag bis 2029 verlängert hatte, fühlt sich für sie persönlich verantwortlich. „Das nehme ich auf meine Kappe“, sagte er und spielte damit auf die überraschende Aufstellung an, für die er sich entschieden hatte. Sie war tatsächlich ein entscheidender Faktor. „Jeder einzelne gehört zum Kreis, hat die Möglichkeit zu spielen und hat auch die Qualität dazu. Das hat heute nicht geklappt, muss ich ganz klar sagen“, räumte er ein.

Auf Kunstrasen nicht konkurrenzfähig

Kovac hatte sich angesichts des anspruchsvollen Programms mit zwei langen Auswärtsreisen in der Königsklasse (3600 Flugkilometer nach Bodö und wieder zurück sowie 6800 Kilometer von und nach Baku am kommenden Dienstag) und dem Bundesligaspiel bei Union Berlin am Samstag (15.30 Uhr, im Sport-Ticker der WELT) innerhalb von nur sieben Tagen für Rotation entschieden. In Bodö setzte er auf fünf neue Spieler in der Startelf sowie eine komplett neue Offensive: Konstantinos Karetsas, Samuele Inacio und Fabio Silva. Die, so glaubte Kovac, hätten mit ihrer Wendigkeit und da es sich um eher kleine Spieler handelt, auf dem ungewohnten Untergrund Vorteile.

Dies war aber von untergeordneter Bedeutung. Denn ausgerechnet die Spieler, die hineinrotierten, ließen es an sämtlichen Sekundärtugenden vermissen, die auf internationalem Niveau unabdingbar sind. Statt Zweikämpfe zu führen, verzettelten sie sich auf dem norwegischen Kunstrasen in ein fast schon blutleeres Kombinationsspiel.

Deutlich über eine Halbzeit ging nichts für den BVB. Weder konnte der Spielaufbau der Norweger gestört werden, noch konnte Torgefahr entwickelt werden. Die schnell vorgetragenen Angriffe der Gastgeber wurden extrem fahrlässig verteidigt. „Wir haben es weder mit dem Ball, noch gegen den Ball gut gemacht“, so Kovac. Während Bodö immer wieder „die Tiefe attackiert hat, haben wir alles in den Fuß gespielt. Aber wenn du nicht hinter die Kette spielst, dann kannst du den Gegner auch nicht in Unordnung bringen.“ Noch gravierender sei jedoch gewesen, „was wir defensiv zugelassen haben.“

Es wirkte fast so, als würden die Dortmunder um ein Gegentor betteln. Das fiel dann in der 52. Minute. Weder wurde Bodös Chefstratege Patrick Berg bei seinem öffnenden Pass gestört, noch Sondre Auklend bei seinem anschließenden Flankenlauf oder der Hereingabe auf den einlaufenden Fredrik Sjövold, der aus acht Metern vollstreckte.

Erst danach wachte der BVB auf. Kovac wechselte mit Julian Ryerson, Serhou Guirassy, Felix Nmecha und Ethan Nwanery gleich vier Spieler ein. Mit ihnen kam endlich Struktur und Entschlossenheit ins Spiel. Da war es aber bereits zu spät: Die Möglichkeiten in der Schlussphase des Duells blieben ungenutzt.

Gestörte Abläufe waren beim BVB erkennbar

Die desillusionierende Erkenntnis, die Kovac aus Norwegen mitgenommen hat, lautet: Aus seinem Kader lässt sich zwar eine gute Mannschaft bilden, aber mehr derzeit noch nicht. Wenn Schlüsselspieler wie Nmecha und Guirassy nicht spielen, entsteht ein Vakuum. Dann fehlen der Antreiber in der Zentrale und der Mann, der in vorderster Front die Bälle festmachen kann. Und dann geraten die Abläufe schnell durcheinander.

Genau hier liegt die Herausforderung. Kovac muss vor allem die Spieler, die die Dortmunder in den vergangenen Transferperioden verpflichtet haben und von denen sie sich eine Anhebung des spielerischen Niveaus versprechen, zu vollwertigen, robusten Profis formen. Talent allein reicht nicht aus, um auf internationalem Top-Niveau zu bestehen.

Wenn Inacio (18), den der BVB 2024 Atalanta Bergamo ausgespannt hatte, oder Karetsas (18), der griechische Senkrechtstarter, der für 32 Millionen Euro aus Genk geholt wurde, nicht wissen, wann sie ins Pressing gehen oder sich fallen lassen müssen, entstehen Räume für den Gegner. Dann verliert das komplette Team die Balance.

Nicht von ungefähr hatte Kovac selbst mehrfach darauf hingewiesen, dass gerade die jungen Spieler sich an die hohen Anforderungen erst gewöhnen müssen. Bis hierhin haben sie es noch nicht geschafft, auch wenn die Chancen gegeben sind, dass sie es auf Sicht bewältigen können. Das Problem ist nur: Bei sieben Spielen innerhalb von 22 Tagen, die auf den BVB warten und in denen bereits erste Weichenstellungen über den Saisonverlauf erfolgen, bleibt wenig Zeit für nachhaltiges Training und Entwicklung. Und ohne personelle Rotation ist es auch nicht zu bewältigen.

Immerhin ging auch die Mannschaft selbstkritisch mit sich um. „Die Umstände sind keine Ausreden. Es war schon vorher klar, was auf uns zukommt. Wir haben in der ersten Halbzeit einfach nicht gut gespielt, mit Ball und auch gegen den Ball“, erklärte BVB-Abwehrchef Waldemar Anton bei Sky. „Wir waren immer einen Schritt zu spät, waren nicht griffig genug, und die Intensität hat gefehlt. Da spielt es auch keine Rolle, ob man mit einem Mann weniger anläuft oder auf einer Seite mal in Unterzahl ist. Das war deutlich zu wenig.“

Erst nach dem Gegentor habe man dann angefangen, Fußball zu spielen. „Am Ende“, so Anton, „hatten wir die Möglichkeit, das 1:1 zu machen. Da müssen wir vor dem Tor eiskalt sein, vor allem auswärts in der Champions League. Das war heute ein Problem.“

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