Er kam als 14-Jähriger zu Schalke. Er wurde Stammtorhüter, Kapitän, Gesicht des Klubs. Und dann ging es bergab. Chaotisch. Im Sommer 2025 war für Ralf Fährmann Schluss bei seinem Herzensklub. Nun hat der 38‑Jährige seine Biografie geschrieben. Die „Sport Bild“ hat die spannendsten Passagen aus dem Buch exklusiv veröffentlicht. WELT liefert einen Überblick.

Der magische Abend von Dortmund 2017

„Wenn ich in Dortmund zum Aufwärmen den Platz betrat, war meine erste Amtshandlung immer herzhaft Richtung Südtribüne, der ,Gelben Wand‘, zu rotzen. Auf der ,Süd‘ stehen mehr als 20.000 Wahnsinnige, die uns allen den Tod wünschen. Das Rotzen war immer mein besonderer Gruß an sie.“ Nach dem spektakulären 4:4: „Die Spieler tanzen und hüpfen, als hätten wir einen Titel gewonnen. Eine Bluetooth-Box befeuert uns mit Musik. Es ist jetzt ohrenbetäubend laut, wo in der Halbzeit noch absolute Stille war. Ich sitze alleine in der Dusche. Eine Flasche Bier in meiner Hand. Ich muss mich transformieren. Vom Psycho zurück zu Ralf Fährmann.“

Manuel Neuer

„Er hat das Torwartspiel wirklich verändert. Und es war nicht so, dass Manu nicht gerne feiern ging. Im Gegenteil: Manu war Teil der Ultras und ‚zauberte‘ auch oft mit ihnen. Er ist später als Profi sogar manchmal statt mit dem Mannschaftsbus mit dem Zug der Ultras zurückgefahren. Oder trug ein Ultra-T-Shirt unter seinem Torwarttrikot. Es gelang ihm alles. Auch in anderen Sportarten wie Tennis oder Basketball. Wir kamen mal auf den Platz und Manu sagte: ,Komm, wir schießen mit der Pike an die Latte.‘ Er legte sich den Ball rund 30 Meter vor das Tor, holte aus – und traf. So war er.“

U19-Trainer Norbert Elgert

„Norbert Elgert war immer an der Grenze. Einmal kam er mit goldenen Hanteln in die Kabine. „Ich habe mal an einem Kraftwettbewerb teilgenommen“, sagte er. Und weiter: „Ich war von allen der schmächtigste Teilnehmer. Aber ratet mal, welchen Platz ich gemacht habe?“ Youssef Yesilmen, einer meiner Mitspieler, sagte: „Sechster?“ Was auch immer Youssef zu dieser Antwort verleitet hatte, Elgert war außer sich. Er fuchtelte mit den goldenen Hanteln herum und rief: „Erster! Weil ich den größten Willen hatte.““

Elgert arbeitet seit 30 Jahren als Jugendtrainer in der Schalker Knappenschmiede. Er zählt zu den erfolgreichsten Nachwuchstrainern in Deutschland

Die erste Degradierung

„Der Cheftrainer wolle mit mir sprechen. Als es so weit war, stand Simon (Henzler, damaliger Torwart-Trainer, die Redaktion) sichtbar angespannt vor der Tür der Trainersuite. Ich spürte, dass etwas nicht stimmte, aber ich wäre nie im Leben auf das gekommen, was mich erwartete. Wir gingen hinein. Drinnen saß Domenico Tedesco entspannt auf einem Sofa. Sein Co-Trainer Peter Perchtold saß auf einem Stuhl. Tedesco fragte: ,Wie geht’s dir?‘ Antwort: ,Gut.‘ Tedesco: ,Wir werden zur Rückrunde einen Torwartwechsel vornehmen. Alex Nübel wird die neue Nummer eins.‘ Ab da übernahm mein Autopilot: ,Warum?‘ Das war alles, was ich rausbrachte. Tedesco leierte eine Litanei angeblicher Fehler von mir herunter. Blablabla, Ball ins Aus gespielt. Blablabla, Flugball nicht genau genug. Blablabla, Patzer im letzten Spiel. Ich hörte mich sagen: ,Trainer, Sie suchen aber jetzt das Haar in der Suppe.‘ ,Nee, Ralf‘, sagte er, ,bei dir ist das schon eine ganze Perücke.‘ Ich ging zurück in mein Zimmer. Man hatte mir gerade Herz und Seele herausgerissen. Ich fühlte mich, als wäre ein Teil von mir gestorben.“

Schalkes desaströser Bundesliga-Abstieg 2021

Nach der Entlassung von David Wagner nach zwei Spieltagen übernahm Manuel Baum. „Ich habe Manuel Baum als nett, aber auch ein bisschen oberlehrerhaft in Erinnerung. So betonte er mir gegenüber mal ernsthaft und ohne Augenzwinkern, dass er ja auch Torwart war. Ich musste mich mit meinen 1,97 Metern etwas runterbeugen, um ihn zu verstehen. Herr Baum ist ungefähr 1,70 Meter groß und etwas stämmig. Er hatte eine ungewöhnliche Statur für einen Torwart.“ Es übernahm Interimstrainer Huub Stevens. „Einmal im Training hörte ich hinter mir minutenlang jemanden rotzen. Krrrk-tui. Krrrk-tui. Was für ein Asi, dachte ich. Ich drehte mich um und wollte sagen: ,Kannst du das nicht zu Hause machen?’ Da sah ich, dass es unser Trainer war, der hinter mir auf einer Getränkekiste saß. Ich verkniff mir natürlich meinen Kommentar. Stevens blieb nur zwei Spiele.“ Es folgte Christian Gross. „Mit seiner Weste sah er aus wie ein Rentner, der einen Angelausflug machte. [...] Bei all dem möchte ich aber betonen, dass Herr Gross ein unglaublich netter Mensch war. Nur eben aus der Zeit gefallen. Er kündigte uns einmal mit dramatischen Worten eine Belohnung an, sollten wir im DFB-Pokal eine Runde weiterkommen. Wir hingen gebannt an seinen Lippen. ,Für jeden 50 personalisierte Visitenkarten‘, versprach er. Die Hälfte der Spieler wusste nicht mal, was Visitenkarten sind.“ Es kam Dimitrios Grammozis. „Grammozis stieg mit uns in die 2. Bundesliga ab, blieb aber zunächst im Amt. Wie kann ich ihn am besten beschreiben? Nach einem 1:2 in Düsseldorf polterte er einen Tag später in der Spielanalyse: ,Ihr wollt mich ficken? Ihr wollt meinen Staff ficken? Ihr könnt eure Insta-Bräute ficken, aber nicht mich.‘ Zu diesem Zeitpunkt hatten wir die wohl bravste Mannschaft, in der ich gespielt hatte. Viele waren Familienväter. Das Team schwieg nach dieser Tirade betreten.“

Das Spionage-Sakko

„Er (Ex-Sportboss Peter Knäbel, die Redaktion) schlich immer lautlos durch Gänge und stand plötzlich vor einem. Seine Bürotür ließ er immer offen. Wir spekulierten, er mache das, damit er unsere Gespräche mithören konnte. Dazu passte sein legendäres Sakko. Es hing jeden Tag woanders. Mal bei den Physios, mal in unserer Kabine, mal im Kraftraum. Er schob es auf seine Vergesslichkeit. Wir mutmaßten, dass er uns auf diese Weise belauschte. Was viel über unser Verhältnis zu ihm aussagt.“

Das Ende auf Schalke

Fährmann darf in seinem letzten Schalke-Jahr nur noch mit der U23 trainieren. „Und so wurde mir, der mit 14 Jahren seine Heimat und Familie für Schalke verlassen hatte, alles genommen. Mein Trainings-Parkplatz – weg. Kabinenverbot. Ich durfte nicht mehr duschen. Musste mich gefühlt in einem Dixi-Klo umziehen, da die U23 in einem provisorischen Containerdorf untergebracht war. Musste mit Amateur- und Jugendspielern trainieren. Und auch meine Tickets für die Spiele wurden mir weggenommen. […] Ich zog von Recklinghausen in die Schweiz, wo ich heute mit Nadine lebe. Ich litt zu sehr in der Nähe des Vereins. Und so sehr ich versucht habe, Schalke zu ignorieren, es gelingt mir nicht. Ich verfolge alle Spiele im TV und wünsche den Fans so sehr sportlichen Erfolg. Trotz allem: Ich liebe Schalke. Das ist die Wahrheit.“

Fährmanns Biografie erscheint am 15. Oktober und kostet 22 Euro. Verfasst hat sie sein langjähriger Berater Stefan Backs

Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.

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