„Ich hätte mir sehr gewünscht, die Berliner direkt abstimmen zu lassen“
Berlin, München oder die Rhein-Ruhr-Region mit Köln? Am kommenden Samstag fällt die Entscheidung, welcher deutsche Bewerber sich für die Olympischen Sommerspiele 2036 bewirbt. Kaweh Niroomand ist Berlins Olympia-Beauftragter. Der 73-Jährige kämpft dafür, die Spiele in die Hauptstadt zu bringen. Der Wahlsieg der Linken macht es für Berlin nicht einfacher.
WELT: Warum wird Berlin als deutscher Kandidat ins Rennen um die Olympischen Spiele 2036 gehen?
Kaweh Niroomand: Ich bin überzeugt, wir verfügen über ein sehr starkes und zugleich realistisches Konzept. Wir setzen auf den Bestand, modernisieren dort, wo es notwendig ist, und investieren damit in Infrastruktur, die der Stadt dauerhaft zugutekommt. Bei der Ausarbeitung unserer Bewerbung lautete unsere Maxime: Die Spiele sollen zu Berlin passen – nicht Berlin zu den Spielen.
WELT: Was hat die Stadt denn bereits?
Niroomand: 97 Prozent der benötigten Sportstätten sind schon vorhanden. Bis auf eine privat finanzierte Arena müssen wir keine neue Wettkampfstätte bauen. Wir nutzen zudem viele Berliner Veranstaltungsorte wie beispielsweise die Messe und beziehen gezielt unsere Partner ein: Segeln in Warnemünde, Golf in Brandenburg, Kanuslalom in Markkleeberg und Fußball in Leipzig. Trotzdem bleiben es kompakte Spiele: Die Segler können morgens in Warnemünde um Medaillen kämpfen und abends bei der Zeremonie am Brandenburger Tor dabei sein. Diese Verbindung aus vorhandener Infrastruktur, kurzen Wegen und außergewöhnlichen Berliner Orten macht unser Konzept besonders.
Das Berliner Olympiastadion ist schon bereit für die SpieleWELT: Olympia bringt aber deutlich mehr mit sich als die Arenen.
Niroomand: Ja, für Olympische und Paralympische Spiele müssen drei wesentliche Voraussetzungen erfüllt sein. Die Sportstätten sind die erste. Die zweite ist die Mobilität. Berlin besitzt das größte Verkehrsnetz Deutschlands und verfügt als Stadt zugleich über die nötige Fläche, um die umfangreichen Besucherströme aufzunehmen und zu verteilen. Berlin ist fast dreimal so groß wie München – bei einem Ereignis dieser Dimension ist das ein erheblicher Vorteil.
WELT: Und der dritte Parameter?
Niroomand: Die touristische Infrastruktur, also vor allem die Unterbringung der Gäste aus aller Welt. Für Athleten und Funktionäre können auch die anderen Bewerber die erforderlichen Kapazitäten bereitstellen. Entscheidend wird jedoch sein, die zahlreichen Besucher, die Olympia anzieht, in der Stadt zu beherbergen. Berlin verfügt schon heute über eine ausreichende Anzahl von Hotelzimmern. Wir sind bereits jetzt darauf vorbereitet.
WELT: Das sind München und Köln aber auch.
Niroomand: Natürlich sind auch die anderen Bewerber starke Standorte. Berlin bringt jedoch eine besondere internationale Strahlkraft mit. Menschen aus aller Welt kennen diese Stadt und wollen hierher. Zugleich haben wir mit zahlreichen Welt- und Europameisterschaften, wie bei der gerade zu Ende gegangenen Basketball-Frauen-Weltmeisterschaft, sowie den Special Olympics World Games bewiesen, dass wir sportliche Großereignisse professionell organisieren und ein guter Gastgeber sein können. Diese Kombination aus internationaler Anziehungskraft und Erfahrung ist ein starkes Argument für Berlin.
WELT: Welche Auswirkungen haben die Ergebnisse der Wahl auf Berlins Bewerbung? Gerade die Linke steht Olympia ja sehr skeptisch gegenüber.
Niroomand: Fest steht, dass alle potenziellen zukünftigen Regierungsparteien die Bewerbung in den letzten vier Jahren auch schon unterstützt haben. Wir werden in den nächsten Tagen Gespräche auf politischer Ebene führen, um noch rechtzeitig ein positives Signal an den deutschen Sport schicken zu können.
Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus landet die Linkspartei um Spitzenkandidatin Elif Eralp laut Mitteilung der Landeswahlleitung nach Auszählung aller Stimmen mit rund 25,7 Prozent mit großem Vorsprung auf Platz eins.WELT: Was hat Berlin abseits von den Wochen der Wettkämpfe von den Olympischen Spielen?
Niroomand: Vor allem einen nachhaltigen Investitionsschub. Neben den großen Arenen würden 80 bis 100 Sportstätten in den Bezirken saniert – von der Turnhalle über das kleine Leichtathletikstadion bis zum Schwimmbad. Dieses Sonderbudget gibt es für die Stadt aber nur im Zuge einer Olympiabewerbung. Hinzu kommen Investitionen in die Infrastruktur und ein Olympisches Dorf mit rund 2500 Wohnungen, das eine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft errichten soll, sodass die Stadt eine komplette Kontrolle über die Nachnutzung und die Mietpreise hat. Natürlich löst ein solches neues Stadtquartier nicht das gesamte Berliner Wohnungsproblem. Aber die Wohnungen bleiben auch nach Olympia – genauso wie modernisierte Sportstätten, von denen die Berliner für Jahrzehnte profitieren.
WELT: Wissen das die Berliner?
Niroomand: In Berlin gehört Meckern ein Stück weit zum guten Ton. Im Moment sind Olympische Spiele für viele noch weit weg und abstrakt. Die Menschen beschäftigen andere, unmittelbarere Themen – das ist in München und Köln nicht anders. Deshalb müssen wir konkret aufzeigen, was Olympia für ihren Alltag bedeuten kann. Begeisterung entsteht nicht auf Knopfdruck, sondern wenn aus einer Idee ein greifbares Projekt wird.
WELT: In Hamburg hat die Bevölkerung gegen eine Bewerbung gestimmt. München und Köln hatten erfolgreiche Referenden.
Niroomand: Das ist ein Nachteil unserer Bewerbung. Die Berliner Verfassung erlaubt eine solche Volksbefragung nicht. Ich hätte mir sehr gewünscht, die Berlinerinnen und Berliner direkt über die Bewerbung abstimmen zu lassen.
WELT: Ist das also der wunde Punkt Ihrer Bewerbung? Immerhin will der DOSB Sicherheit.
Niroomand: Wir haben in Berlin eine „NOlympia“-Initiative, die derzeit Unterschriften sammelt. In einem ersten Schritt müssen dabei 20.000 Stimmen zusammenkommen. Dieses Ziel wurde bisher nicht erreicht. Danach müssten rund 175.000 Berlinerinnen und Berliner ein Volksbegehren unterstützen. Bei einem anschließenden Volksentscheid wären etwa 750.000 Stimmen gegen die Bewerbung erforderlich. Das sind erhebliche Hürden.
WELT: Sehen Sie also keine Gefahr, dass Berlin national den Zuschlag bekommt, dann aber wegen eines Referendums seine Bewerbung zurückziehen muss?
Niroomand: Ich gehe davon aus, dass „NOlympia“ die ersten 20.000 Unterschriften erreichen wird. Dass die Initiative auch die beiden folgenden Hürden nimmt, halte ich dagegen für unwahrscheinlich. Deshalb sehe ich kein realistisches Risiko, dass Berlin nach einem nationalen Zuschlag seine Bewerbung zurückziehen muss. Das haben wir auch den Spitzensportverbänden, die über den deutschen Kandidaten entscheiden, aus meiner Sicht überzeugend dargelegt.
WELT: 100 Jahre nach den Nazispielen wieder Olympia in Berlin – sehen Sie da ein Problem?
Niroomand: Das ist zuallererst eine große historische Verantwortung. 1936 wurde der Sport von einer menschenverachtenden Diktatur für ihre Propaganda missbraucht. Deshalb müsste die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte ein zentraler Bestandteil der Spiele sein. Zugleich liegt darin eine Chance: 100 Jahre später können wir zeigen, wie grundlegend sich Deutschland verändert hat – als demokratisches, vielfältiges und weltoffenes Land.
WELT: Sollte Berlin tatsächlich den Zuschlag bekommen und die Spiele ausrichten, wie sollten die Menschen 2038 auf Olympia zurückschauen?
Niroomand: Auf eine Metropole, die dauerhaft von Olympia profitiert hat: materiell mit modernen Sportstätten, besserer Infrastruktur und neuen Impulsen für die Stadtentwicklung. Und vielleicht sogar mit einer Spree, in der die Berliner wieder schwimmen können. Entscheidend wäre für mich, dass zwei Jahre später niemand fragt: Was ist von Olympia geblieben? Sondern, dass die Antwort überall in der Stadt sichtbar ist.
WELT: Und immateriell?
Niroomand: Ich wünsche mir, dass die Bilder vom Brandenburger Tor und vom Tempelhofer Feld um die Welt gegangen sind und die Menschen sagen: Das waren die fröhlichsten Spiele, die wir je gesehen und erlebt haben. Friedlich, offen, vielfältig – in einer Stadt, die genau diese Attribute verkörpert. Und dass Deutschland mit den Olympischen und Paralympischen Spielen in Berlin 100 Jahre nach 1936 ein starkes Zeichen für Demokratie und Freiheit gesetzt hat.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke