Auf der zehnten Etappe der Tour de France 1997 sind 243 der 252 Kilometer gefahren. Die Sonne brennt vom Himmel. Es geht hinauf zum Schlussanstieg nach Arcalis in Andorra, 2240 Meter hoch gelegen. Jan Ullrich, damals 23, geht – für ihn ungewohnt – aus dem Sattel. Noch einmal dreht er sich um, dann zieht er davon.

„Das war eigentlich keine richtige Attacke, ich wollte nur Tempo für meinen Kapitän Bjarne Riis machen“, erzählt Ullrich. Zuvor am Fuße des Berges hat sich Ullrich zum Teamauto zurückfallen lassen, um Flaschen für Riis und sich zu holen. Da sagt ihm Telekom-­Teamchef Walter Godefroot: „Jan, wenn du gute Beine hast, dann fahr für dich!“ Und auch Riis, als Ullrich ihm die Flasche gibt, erteilt ihm freie Fahrt: „Jan, fahr allein!“

Marco Pantani, Richard Virenque, Bjarne Riis – keiner kann folgen. „Nicht umgucken, Jan, nach vorne, nach vorne“, kommentiert Rudi Altig im TV. Unwiderstehlich, mit gewaltigem Tritt, fliegt Ullrich im Trikot des Deutschen Meisters den Berg hinauf. Im Ziel hat er 1:08 Minuten Vorsprung vor Pantani und Virenque, Riis liegt als Fünfter 3:23 Minuten zurück. „Bjarne kam im Ziel sofort freudestrahlend auf mich zu und hat mir gratuliert“, sagt Ullrich. „In den Tagen danach hat er richtig für mich gearbeitet und zurückgezahlt, was ich im Jahr zuvor für ihn gemacht habe.“

Lance Armstrong als Zuschauer

Ullrich streift mit Unterstützung des fünfmaligen Tour-Siegers Bernard Hinault das Gelbe Trikot über und wird es in den nächsten elf Tagen nicht mehr abgeben.

Oben in dem Wintersportort schaut sich Lance Armstrong das Spektakel an. Er war zuvor an Krebs erkrankt und konnte nicht starten, ist aber auf Einladung seines Teams Cofidis vor Ort. „Ich war mir sicher, niemand wird diesen Kerl in den nächsten zehn Jahren schlagen“, sagt der Amerikaner später. „Voilà le patron!“, titelt die französische Sportzeitung L’Équipe. „Hier ist der neue Herrscher!“

Ullrich im Ziel von Andorra

Das 55-Kilometer-Zeitfahren zwei Tage später nach Saint-Étienne wird zur nächsten Machtdemonstration. Ullrich gewinnt mit 3:04 Minuten Vorsprung auf Virenque, 3:08 Minuten auf Riis, 3:42 Minuten auf Pantani. Der Triumphzug nach Paris nimmt seinen Lauf. Auch eine kurze Schwächephase am Col du Hundsruck in den Vogesen auf der 18. Etappe übersteht der erkältete Ullrich mithilfe seines Edelhelfers Udo Bölts, der ihn mit den berühmt gewordenen Worten antreibt: „Quäl dich, du Sau!“

Deutschland wird zum Radsport-­Land und Jan Ullrich, der rotbraune Rostocker mit den Sommersprossen und dem Ring im linken Ohr, zum Topstar. 20 Jahre zuvor, bei der Tour 1977, trägt Didi Thurau 15 Tage Gelb, wird am Ende aber „nur“ Fünfter mit 12:24 Minuten Rückstand auf Sieger Bernard Thévenet. Ullrich dagegen fährt im Gelben Trikot über die Champs-Élysées und gewinnt als erster und bis heute einziger Deutscher die Tour de France. In Paris liegt er 9:09 Minuten vor Virenque und 14:03 Minuten vor Pantani.

„Das war ein unbeschreibliches Gefühl, pures Glück“, sagt Ullrich. „Überall schwarz-rot-goldene Fahnen, die Menschen riefen meinen Namen – ich hatte Tränen in den Augen.“

Ullrich beginnt als Edelhelfer

Schon ein Jahr zuvor hätte Ullrich, der mit der Empfehlung des Amateur-WM-Titels von 1993 im Jahr 1995 zum Team Telekom kommt, die Tour gewinnen können. Doch bei seiner Frankreich-Premiere ist er als Edelhelfer von Bjarne Riis eingeteilt. Nur beim Einzelzeitfahren am vorletzten Tag darf er ihn abhängen. Im Ziel liegt Ullrich als Gesamt-Zweiter 1:41 Minuten hinter Riis. Statt des Gelben trägt er das Weiße Trikot des besten Jungprofis. Ullrich fügt sich in seine Rolle, wie es eben seine Art ist als loyaler Mensch und Teamkollege. Auch 1997 begehrt Ullrich nicht auf, sondern wird durch die Schwäche von Riis fast ungewollt zum Kapitän.

Selbst mit dem Wissen um das flächendeckende Doping in der Zeit damals faszinieren die Bilder und Geschichten bis heute. 1998 erleidet Ullrich auf der 15. Etappe nach Les Deux Alpes einen sogenannten Hungerast – seitdem gehört der Begriff zum allgemeinen Sprachgebrauch. Ullrich isst zu wenig, hat keine warme Kleidung im Gepäck und verliert im strömenden Regen am Col du Galibier neun Minuten auf den späteren Gesamtsieger Marco Pantani.

Ullrich 1991 als 17-Jähriger bei einem Junioren-Rennen

In den Jahren danach zieht das Duell Ullrich gegen Lance Armstrong die Fans in seinen Bann. Das schlampige Genie gegen den verbissenen Perfektionisten. Stets gibt es zu Jahresbeginn die gleiche Frage: Mit wie viel Übergewicht kommt Ullrich diesmal aus der Winterpause. Armstrong dagegen quält sich schon an den Weihnachtstagen die schneebedeckten Gipfel hinauf und ist im Wettkampfmodus. „Jan ist der Einzige, vor dem ich Angst hatte. Seinetwegen bin ich jeden Morgen aufgestanden und habe trainiert“, erzählt er später.

Sommer für Sommer hofft Radsport-Deutschland: Diesmal packt es Jan! Doch Sommer für Sommer gewinnt Armstrong, fünfmal liegt er vor Ullrich. Am knappsten ist es 2003, als Ullrich nach seinem Telekom-Abschied infolge eines Autounfalls mit 1,41 Promille in Freiburg und eines positiven Amphetamin-Tests kurze Zeit später für das Team Bianchi fährt: 1:16 Minuten liegt er hinter Armstrong. Ohne Sturz auf regennasser Fahrbahn im Kreisverkehr beim Zeitfahren nach Nantes am vorletzten Tag wäre sogar der Sieg möglich gewesen. Und wer weiß, wenn er auf der 15. Etappe nach einem Sturz von Armstrong, dessen Lenker sich im Stoffbeutel eines Zuschauers verfing, nicht fair auf den Amerikaner gewartet hätte. „Ich hätte mich selbst nicht mehr im Spiegel betrachten können, wenn ich die Tour gewonnen hätte, weil ich einen Vorteil ausgenutzt hätte“, erklärt Ullrich später. Armstrong übrigens werden 2012 alle sieben Tour-Siege wegen Dopings aberkannt.

2000 wird Ullrich Olympiasieger

Ullrichs Sieg bei der Tour de France 1997 ist nicht sein einziger Triumph. 1999 gewinnt er die Vuelta und wird in Verona Weltmeister im Einzelzeitfahren. Bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney gewinnt er Gold im Straßenrennen, schlägt auch Armstrong, der Platz 13 belegt. 2001 in Lissabon gewinnt Ullrich erneut Gold im WM-Einzelzeitfahren.

2006 kommt der Knall. Einen Tag vor dem Tour-Start in Straßburg wird Ullrich vom T-Mobile-Team suspendiert. Ein paar Tage später kommt per Fax die Kündigung. „Mir wurde der Boden unter den Füßen weggezogen“, sagt Ullrich. Seine Verbindung zum spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes wird bekannt, die bei einer Polizeirazzia in Madrid gefundenen Blutbeutel zum Eigenblutdoping überführen ihn. Es beginnt ein jahrelanger Eiertanz, der Ullrich in eine tiefe Krise stürzt. Lange drückt er sich vor einem längst überfälligen Dopinggeständnis, sagt nur: „Ich habe nie jemanden betrogen.“ Später sieht Ullrich, dessen Triumph 1997 nicht aberkannt wurde, ein: „Natürlich habe ich betrogen. Ich habe alle Zuschauer betrogen, die zu mir aufgeschaut haben. Und ich habe den Sport betrogen.“

Damals empfindet Ullrich seine Ächtung als ungerecht: „So viele aus dem Peloton waren gedopt, dachte ich. Ich tat also nur das, wovon ich glaubte, dass so viele andere es auch taten. Und in meinem Kopf war das auch alles ganz unproblematisch. Ich verschaffte mir keinen Vorteil gegenüber irgendwem. Ich zog nur nach.“

Plötzlich wird Ullrich von allen fallen gelassen. „Das Schlimmste war, dass sich so viele Leute von mir distanzierten“, sagt er. „Menschen, die vom ersten Tag an alles gewusst hatten. Die mich sogar ermutigt hatten, auf Doping zurückzugreifen.“

Ullrich flüchtet sich in Alkohol und Kokain

Anwälte raten ihm, nichts zu sagen. Die Angst vor möglichen Regressforderungen spielt eine große Rolle. Erst im November 2023 gibt Ullrich in seiner Prime-Video-Doku „Jan Ullrich – der Gejagte“ Doping während seiner gesamten Karriere zu. Das Geständnis ist ein Akt der Befreiung. Denn das jahrelange Versteckspiel, die öffentliche Ächtung und das Leben ohne Aufgabe führen Ullrich in eine Existenzkrise, kosten ihn sogar fast das Leben.

In den Jahren nach seinem Karriereende flüchtet sich Ullrich in Alkohol und Kokain. 2010 lässt er sich wegen Burnouts und Depressionen in einer psychiatrischen Klinik behandeln. Zunächst geht es ihm besser, doch Rückschläge folgen, unter anderem ein Autounfall 2014 in der Schweiz unter Alkoholeinfluss. Der Umzug 2016 nach Mallorca mit seiner Frau Sara soll ein Neuanfang werden. „Wir sind beides Sonnenkinder“, sagt Ullrich. Doch auf der Baleareninsel wird alles nur noch schlimmer. Ullrich gerät in falsche Kreise und erlebt böse Drogenexzesse.

Als sich seine Frau Sara von ihm trennt und mit den Kindern ins Allgäu zieht, stürzt Ullrich ins Bodenlose. Seine Finca wird zum Treffpunkt der Dealer und sonstigen Halbwelt. Ullrich greift zu Rotwein und Whiskey – literweise. In seiner Biografie „Jan Ullrich: Himmel, Hölle – und zurück ins Leben“ schreibt er: „Ich war jetzt nicht mehr der ruhige, schüchterne Jan. Die Drogen machten aus mir einen neuen Menschen. Ein lautes, extrovertiertes Arschloch. Und mein Haus, in dem ich noch vor ein paar Monaten mit meiner Familie gelebt hatte, war zu einer ,Rockstar-Hölle‘ geworden. Rund um die Uhr kamen irgendwelche Leute rein, die ich noch nie gesehen hatte. Schauspieler, Künstler, Kriminelle, Rocker, Milieu-Leute. Jeder war hier willkommen.“ Der Tiefpunkt: Nachdem er im Garten seines Nachbarn Til Schweiger randaliert hat und sich im Krankenhaus mit Händen und Füßen gegen einen Bluttest wehrt, muss Ullrich eine Nacht im Gefängnis von Palma verbringen.

Heute weiß Ullrich: „Ich war ständig auf der Flucht. Auf der Flucht vor meiner Vergangenheit. Und auf der Flucht vor der Realität.“

Armstrong besucht Ullrich in der Entzugsklinik

Im August 2018 geht Ullrich erstmals in eine Entzugsklinik. Mike Baldinger, ein alter Freund aus Merdingen, kümmert sich um ihn. In der Klinik bekommt Ullrich auch Besuch von seinem alten Widersacher Lance Armstrong. „Lance ist zu einem echten Freund geworden“, sagt Ullrich. „Er war für mich da, als ich am dringendsten Hilfe brauchte. Egal, was die Leute über Lance denken – er ist einer der großherzigsten Menschen, die mir je begegnet sind. Wir telefonieren nicht jede Woche, aber wir wissen genau: Wenn der eine Hilfe braucht, ist der andere sofort für ihn da.“ Auch als Ullrich 2021 einen Rückfall erleidet und im mexikanischen Cancun strandet, fliegt Armstrong zu ihm.

Mit seiner Doku 2023 macht Ullrich, der seit 2019 wieder in Merdingen lebt, endlich reinen Tisch, was das Doping angeht. „Ich habe erst meinen inneren Frieden gefunden, als ich wirklich ehrlich zu mir und zu meinem Umfeld war“, sagt er. „Ich hätte schon viel früher einfach nur offen und ehrlich sein müssen.“

Jan Ullrich heute

Ullrich ist zurück im Leben. „Ich habe in meinem Leben viele Höhen und Tiefen erlebt, viele Extreme. Heute habe ich das Gefühl, meine Mitte gefunden zu haben“, sagt er. „Irgendwann habe ich mir die Frage gestellt: Was brauche ich eigentlich, um glücklich zu sein? Die Antwort ist gar nicht so kompliziert.“

Ullrich gibt sie selbst: „An erster Stelle stehen die Menschen, die mir wichtig sind. Meine Freundin Elisabeth, die ich liebe, und meine Kinder, mit denen ich jede freie Minute genieße und so viel Zeit wie möglich verbringe. Das gibt mir Halt und bedeutet mir mehr als alles andere. Dazu kommt der Radsport. Er war immer ein Teil meines Lebens und ist die Welt, in der ich mich zu Hause fühle.“

Seine ältesten Söhne Benno (15) und Toni (13) sind auch talentierte Radfahrer. „Wenn ich mit ihnen zusammen eine Tour fahre, bin ich nicht mehr der Erste oben auf dem Berg“, sagt Ullrich mit einem Lächeln.

Mit Ex-Profi Rick Zabel (32) hostet er jede Woche den Radsport-Podcast „Ulle & Rick“. Außerdem veranstaltet Ullrich eigene Radsport-Events, ist als Botschafter für verschiedene Partner unterwegs und fungiert als TV-Experte bei großen Rundfahrten. Sehr am Herzen liegt ihm sein Museum in Bad Dürrheim. Ullrich: „Besonders wichtig ist mir auch mein Engagement für die Stiftung Deutsche Depressionshilfe mit dem Schirmherrn Harald Schmidt. Wenn ich mit meinen Erfahrungen anderen Menschen Mut machen oder ihnen in schwierigen Situationen Hoffnung geben kann, dann ist das für mich etwas sehr Wertvolles.“

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