Oliver Bierhoff vermisst in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft echte Führungsspieler. „Unsere Spieler haben nach wie vor eine gute Qualität, aber im Vergleich zu Frankreich und Spanien nicht die herausragenden Persönlichkeiten mit hohen individuellen Stärken. Zudem haben wir ein Persönlichkeits- und Charakter-Thema“, sagte Bierhoff im „Kicker“: „Wir haben sehr professionelle und gute Spieler, aber zu wenige, die Verantwortung und Initiative auf dem Platz übernehmen.“

Dass die Nationalmannschaft mit Jogi Löw, Hansi Flick und Julian Nagelsmann bereits „drei kompetente und erfolgreiche Trainer verschlissen hat“, habe damit zu tun, sagte der langjährige Manager der Nationalmannschaft. „Wenn es eng wurde bei den Turnieren, konnten unsere Spieler nicht den Schritt zulegen.“

Zum Mangel an Persönlichkeiten sagte Bierhoff: „Welcher deutsche Spieler ist bei einem internationalen Top-Klub gefragt oder ist eine tragende Säule in einem Spitzenklub, wie es Matthäus bei Inter war, Toni Kroos bei Real oder halt Philipp Lahm bei den Bayern?“

„Dominanz der Spanier beeindruckt“, sagt Bierhoff

Mit Blick auf die jüngsten Turnier-Enttäuschungen, zuletzt das frühe WM-Aus im Sechzehntelfinale gegen Paraguay, stellte sich der 58-Jährige vor DFB-Kapitän Joshua Kimmich („Eine Bank, er versucht ja alles“), sagte aber auch: „Ich hatte das Gefühl, wir waren gelähmt und konnten auf schwierige Situationen nicht reagieren.“

Auf die Frage, wie weit Deutschland aktuell von der Weltspitze entfernt sei, entgegnete der Europameister von 1996, dass jede Top-Nation Schwankungen habe, „wobei die nahezu permanente Dominanz der Spanier beeindruckt, was auch daran liegt, dass ein FC Barcelona immer wieder herausragende Talente herausbringt und die Spieler sich über Jahre gut kennengelernt haben. Die Konkurrenz ist größer geworden, du hast gute afrikanische Teams und bei kleineren Europäern mittlerweile fünf, sechs Spieler in Spitzenvereinen, siehe Norwegen.“

Nach dem Vorrunden-Aus bei der WM 2018 und der WM 2022 sowie dem frühen Ausscheiden beim jüngsten WM-Turnier wäre es nach Meinung von Bierhoff vermessen zu sagen: „Wir sind ganz oben mit dabei. Qualitativ sehe ich Spanien, Frankreich und in Teilen die Portugiesen besser besetzt. Aber: Mentalität schlägt Talent, die Argentinier haben gezeigt, dass Biss, Herz und Leidenschaft viel bewegen können. Wir gehören noch zu den Großen, aber nicht zu den ersten drei oder vier der Welt. In der Krise, wie der italienische Fußball, sehe ich uns allerdings nicht. Und Spieler wie Wirtz, Musiala oder Adeyemi machen ja Hoffnung.“

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