„Viel Qualität zu Hause gelassen“ – KI-Analyse zeigt Gründe des deutschen WM-Scheiterns
Eine neue Ära beginnt. Zumindest hoffen sie beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), dass es eine Ära wird. Jürgen Klopp ist nun offiziell Bundestrainer der Fußball-Nationalmannschaft. An den ersten Werktagen im Amt bereitet sich der 59-Jährige auf seine ersten Länderspiele im September und Oktober vor.
Sein Vorgänger Julian Nagelsmann hatte es mit der Auswahl bei der WM in den USA, Mexiko und Kanada lediglich bis ins Sechzehntelfinale geschafft und war dort blamabel gegen Paraguay ausgeschieden. Die Kritik an dem 39-Jährigen ist auch rund zwei Monate nach dem Turnier-Aus enorm.
Ein Auszug aus der Plaier-KI-Plattform zeigt die Nationen im VergleichDie Firma Plaier ist dem mit Hilfe Künstlicher Intelligenz auf den Grund gegangen. Plaier ist eines der wachsenden KI-Unternehmen im internationalen Fußball. Unter anderem der VfL Osnabrück nutzt die KI-Anwendung der Firma, um passende Spieler für seinen Kader zu finden – und stieg in die Zweite Liga auf. Plaier hat Büros in den USA, Deutschland und Spanien und ist auch auf dem asiatischen Markt sehr aktiv.
Die KI hat nun ausgewertet, woran es lag, dass Deutschland sich bei der WM so schwach präsentierte. „Keine isolierten Statistiken. Kein Bauchgefühl“, beschreibt Plaier seinen Score, den es für die WM-Analyse nutzte. Dieser basiert nach Angaben des Unternehmens auf der Auswertung von mehr als zwei Millionen Spielen, mehr als 400.000 Spielern und Milliarden von Datenpunkten. Der Score stützt sich auf KI und mathematische Prinzipien, die auch in Sprachmodellen wie ChatGPT verwendet werden, aber speziell für den Fußball adaptiert sind.
Das Ergebnis im Kern
- Nagelsmann nominierte teilweise nicht die richtigen Spieler. Er hat, wie Firmengründer und CEO Jan Wendt im Gespräch mit WELT sagt, „viel Qualität zu Hause gelassen“. Fatal, denn laut Plaier bestimmt die Kaderqualität 90 Prozent der sportlichen Leistung.
- Aus seinem nominierten Kader stellte Nagelsmann längst nicht immer die passenden Spieler auf.
- Die aufgestellten Spieler haben unter ihm nicht immer auf der für sie passenden Position gespielt.
Wie ging Plaier bei der Analyse vor?
Die KI nutzt nicht ausschließlich die Daten des Weltverbandes Fifa. Sie nutzt Daten verschiedener Quellen – aus Vereinsspielen und Partien der Nationalmannschaften. Turnierdaten wie die von der Fifa sind statistisch zu gering und volatil.
Das Tool ordnet jedem Spieler einen sogenannten Score zu. Dieser errechnet sich aus den Daten, welche die KI über den Spieler gesammelt hat. Und wird dann als Vergleichsparameter verwendet. „Ein Stürmer wird natürlich mit anderen Kriterien bewertet als ein Innenverteidiger“, sagt Wendt. Die KI erstellt Ranglisten, nimmt den besten Spieler als Fixpunkt und erkennt Veränderungen im Fußball.
Die Köpfe der KI-Firma Plaier: Jan Wendt (r.) und Tim SchröderDas Ziel des Unternehmens ist, den wahren Beitrag jedes Spielers zum Erfolg der Mannschaft zu messen – die systemische Effizienz. Plaier setzt auf zwei Scores: Die Stärke des Kaders misst die Firma im „N18 Nominal Score“. Hier war Deutschland bei der WM schwächer als Halbfinal-Teilnehmer.
Wie stark die elf aufgestellten Spieler auf dem Rasen sind, misst Wendts Firma im „Effective Score“. Auch hier war Deutschland schwach. Emotionale und psychologische Faktoren, die für die Nominierung eines Spielers in den Kader oder die Startelf eine Rolle spielen können, wurden nicht berücksichtigt.
Der Gesamtdurchschnitt des Team-Scores der KI des deutschen WM-Kaders betrug 5082. Der Gesamtdurchschnitt des bestmöglichen realistischen Kaders betrug 5503. Zum Vergleich: Spanien kommt auf 5666, Frankreich auf 5506, England auf 5595.
Um welche Spieler geht es?
In Bezug auf den Score der Firma ist Joshua Kimmich vom FC Bayern einer der wenigen Weltklasse-Spieler der deutschen Nationalmannschaft. Er kommt auf knapp 7000. Spaniens Rodri von Manchester City wurde „Spieler der WM“, Kimmich musste unter Nagelsmann als Rechtsverteidiger spielen.
Kimmich – in Sachen Score bester deutscher Spieler – hat bei der WM nicht im Zentrum als „DeepLying Playmaker“ (tiefstehender Spielmacher) gespielt, was laut Plaier eine der wichtigsten Positionen im Weltfußball ist. Sein Score als rechter Verteidiger ist deutlich geringer. Florian Wirtz vom FC Liverpool (Score: 5397) hat nicht zentral gespielt, wo sein Score am höchsten ist.
Aleksandar Pavlović (l.) und Joshua Kimmich vom FC Bayern enttäuschten bei der WM in den USANach der Analyse der KI stellt sich zudem die Frage, warum Maximilian Mittelstädt nicht zum WM-Kader gehörte. Er hat einen sehr hohen Score. Als Vergleich: Der Score von Antonio Rüdiger von Real Madrid beträgt 3819, der von Mittelstädt 6816.
Im Spiel gegen Paraguay zählten Rüdiger und Felix Nmecha von Borussia Dortmund (4265) zur Startelf. Nadiem Amiri vom 1. FSV Mainz 05 (6371) und David Raum von RB Leipzig (5484) haben deutlich höhere Werte, blieben beide zunächst draußen.
Welche Positionen stehen im Fokus?
Laut Plaier sind die zentralen Mittelfeldpositionen und die Außen („Sechser“, „Achter“, „Attacking Winger“) die im Weltfußball entscheidenden Positionen. „Das Spiel wird im Maschinenraum gewonnen“, betont Firmengründer Wendt. „Viele schauen auf Harry Kane und Erling Haaland. Aber das Spiel wird gewonnen von Kimmich, Jamal Musiala, Michael Olise – auf der richtigen Position eingesetzt.“
Einen Monat nach dem frühen WM-Aus hat der DFB Jürgen Klopp zum neuen Bundestrainer ernannt. „Ich hoffe sehr, dass das für den deutschen Fußball wieder der erste Schritt nach oben war“, sagt Sportjournalistin Valentina Maceri.Wendt sagt zudem: „Wir hatten ja diese Toni-Kroos-Diskussion, als er das fünfte Mal Champions League gewonnen hat. Kroos ist mit Abstand einer der besten deutschen Spieler aller Zeiten, wenn nicht der beste deutsche Spieler aller Zeiten.“
Ausblick für Jürgen Klopp
Plaier hat einen Ausblick für die kommenden Monate unter Jürgen Klopp formuliert. Es geht um die Voraussetzungen, die der neue Bundestrainer vorfindet:
- Deutschland hat grundsätzlich noch genügend Spieler mit entsprechenden Scores – aber Kaderschwächen auf bestimmten Positionen.
- In der Breite ist Deutschland deutlich dünner aufgestellt als vergleichbare Nationen. Die Scores in der Bundesliga nehmen immer mehr ab. Der eines Bundesligaspielers beträgt im Schnitt 4460 Punkte, der eines Profis aus der englischen Premier League 5400. Die Bundesliga verliert im internationalen Vergleich an Qualität, weil das Repertoire an Weltklassespielern abnimmt.
- Andere Nationen sind Deutschland hinsichtlich der Kaderstärke voraus, was sich aber in K.-o.-Wettbewerben kompensieren lassen sollte.
Das nächste große Turnier steigt in zwei Jahren – die EM in Großbritannien.
Julien Wolff ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren über den FC Bayern, die Nationalmannschaft sowie über Fitness-Themen. Zuletzt war er bei der Fußball-WM in den USA.
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