„Hinterher wollen wir sagen: ‚Zweite Liga war scheiße, aber gut’“, sagt der Chef
Wenn es nach Dieter Hecking geht, darf am Ende der Saison nur ein Fazit stehen. „Hinterher wollen wir sagen: Zweite Liga war scheiße, aber gut“, rief der frühere Erfolgstrainer von der Bühne den Fans zu, die hinter der Tribüne der Volkswagenarena aufgebaut war. Es war noch früh, gerade mal 1000 Fans hatten sich zu diesem Zeitpunkt zum Fanfest des VfL Wolfsburg vor zwei Wochen eingefunden. Heckings Worte wurden mit höflichem Beifall aufgenommen. Aufbruchsstimmung vermochten sie nicht zu erzeugen.
Das wäre auch überraschend gewesen. Die meisten Fans kamen erst später zu der Veranstaltung, die auch so etwas wie ein Stimmungstest war. Über den Tag waren es etwa 15.000. So schlecht war das also nicht – vor dem Hintergrund, dass kaum ein anderer deutscher Verein in den vergangenen Jahren so viel Kredit verspielt hat wie der kickende Ableger des Volkswagenkonzerns.
Der Abstieg aus der 1. Bundesliga und das klägliche Scheitern in der Relegation im Mai gegen Paderborn waren der negative Höhepunkt einer fast schon beispiellosen Fehlentwicklung. Der VfL wurde zu einem Synonym für alles, was im Profifußball schlecht ist: Für Spieler, die zwar gut verdienen, aber wenig Identifikation aufbringen – sowie für eine konfuse Vereinsführung. So darf es nicht weitergehen.
Acht Zugänge für 22,70 Millionen Euro
Hecking, der als Trainer den Abstieg nicht hatte verhindern können und der seit Juni als Geschäftsführer Sport den Neuaufbau verantwortet, ist sich dessen bewusst. Der VfL wird in Vorleistung gehen müssen, um Vertrauen zurückzugewinnen. Weniger bei den Fußballfans, die den Verein ohnehin nie mochten – sondern bei den enttäuschten Anhängern aus der Stadt und der Region.
Also machten sich Hecking, Sportdirektor Pirmin Schwegler und der neue Trainer Tobias Strobl, der vom Drittligisten SC Verl kam, an die Arbeit. Sie schufen Beachtliches – manche sagen sogar: für Zweitligaverhältnisse Einmaliges. Acht externe Zugänge kamen für insgesamt 22,70 Millionen Euro Ablöse – darunter Fabian Reese (Hertha BSC), Muhammed Damar (TSG Hoffenheim), Robert Glatzel (Hamburger SV), Fraser Hornby (Darmstadt 98) und Hauke Wahl (FC St. Pauli), an denen auch Erstligisten interessiert waren. Vor allem die Verpflichtung von Reese sorgte für Verwunderung. Auf den zweitbesten Scorer der vergangenen Zweitliga-Saison (10 Tore/14 Vorbereitungen) hatte zwischenzeitlich sogar ein Champions-League-Teilnehmer wie Borussia Dortmund ein Auge geworfen.
0:0 zum Saisonstart gegen Kaiserslautern: Wolfsburgs Muhammed Damar (l.) im Duell mit Fabian KunzeDabei dürfte das noch nicht einmal alles gewesen sein. „Wir sind noch nicht durch, was die Zugänge angeht“, verkündete Hecking. Die Mittel dazu wären jedenfalls vorhanden.
Das ruft Neider auf den Plan. Wie kann es sein, dass ein Absteiger, der zudem so ziemlich alles falsch gemacht hat, mit einem Rekordetat in die Saison geht? Das liegt zum einen an dem Transferüberschuss von über 40 Millionen Euro, den die Wolfsburger verbuchen konnten. Zuletzt wechselte Stürmer Dzenan Pejcinovic für 25 Millionen Euro zum VfB Stuttgart. Wer dem VfL Böses will – und davon gibt es nicht wenige –, sagt: Dadurch, dass der Klub in den vergangenen Jahren so viele Spieler mit scheinbar unnötig langen Verträgen ausgestattet hat, kann er jetzt Ablöse generieren.
Uwe Rösler, der Trainer vom Ligakonkurrenten VfL Bochum, sprach, was viele denken. „Die Wolfsburger sind für mich die `Galacticos` der 2. Liga“, erklärte er in Anspielung auf die Stars von Real Madrid. Ganz falsch liegt er damit nicht: Das Budget der Wolfsburger liegt irgendwo zwischen 50 und 60 Millionen Euro – und damit klar über dem, was große Traditionsvereine wie Hamburg, Bremen, Schalke, Köln oder Stuttgart während ihrer Zeit im Unterhaus veranschlagt haben. „Man kann dem Verein nur gratulieren, dass VW den Fußball trotz der Themen im Konzern so unterstützt“, erklärte Rösler gegenüber „Bild“. Der erste Platz sei für ihn „praktisch schon vergeben“.
Abbau von 50.000 Stellen weltweit
Damit legte er den Finger auf die Wunde. Denn trotz Transfererlösen von 64,25 Millionen Euro – ohne die anhaltende Subventionierung durch VW wäre das kaum möglich. Und der Mutterkonzern steht weiter in unverbrüchlicher Treue zu seiner hundertprozentigen Tochter – auch wenn viele Kritiker insgeheim darauf gehofft haben, dass der Automobilbauer aufgrund der eigenen Probleme davon abrücken könnte. Schließlich war der Gewinn von VW im vergangenen Geschäftsjahr fast um die Hälfte eingebrochen. Vor einem Monat hat Konzernchef Oliver Blume den Abbau von bis zu 50.000 Stellen weltweit bei Volkswagen angekündigt.
Für den VfL gab es jedoch Entwarnung. „Bei Volkswagen sparen wir nicht an der Qualität unserer Autos. Und so sparen wir im Fußball nicht an der Qualität der Mannschaften. Potenzial gibt es bei den Rahmenbedingungen“, sagte Sebastian Rudolph, der Vorsitzende des VfL-Aufsichtsrates. Mit anderen Worten: Es gibt eine Kostenreduktion im administrativen Bereich, einige Geschäftsführer und Trainer mussten gehen – doch es soll eine Mannschaft finanziert werden, die den Wiederaufstieg schaffen kann. Volkswagen werde bestehende Verträge erfüllen und „ligenunabhängig für finanzielle Stabilität“ sorgen, so Rudolph. VW bleibe „auch in schwierigen Zeiten ein sicherer Rückhalt“.
So muss der Verein zwar eine Kürzung der jährlichen Zuwendungen hinnehmen – „Bild“ berichtet, dass etwa 55 Millionen Euro statt bislang etwa 80 Millionen überwiesen werden. Das wäre aber immer noch so viel wie beispielsweise ein gestandener Erstligist wie der 1. FSV Mainz 05 für sein Gesamtbudget aufwendet. Und daran stoßen sich viele, wittern Wettbewerbsverzerrung.
Neue Nahrung könnte die Debatte über die Struktur des VfL durch eine Bewertung des Bundeskartellamtes bekommen. Es war am Mittwoch zum Schluss gekommen, dass die 50+1-Regelung, die sich die Deutsche Fußball Liga (DFL) gegeben hat, grundsätzlich zulässig sei. Mit ihr soll der Einfluss von Investoren beschränkt werden. Allerdings, so die Behörde: „Voraussetzung ist, dass die Regel konsequent und ohne Unterschiede – sofern es für diese keinen sachlichen Grund gibt – angewendet wird.“ Es müsse sichergestellt werden, dass es bei allen Vereinen gleichermaßen einen offenen Zugang zur Mitgliedschaft gibt und damit für die Mitbestimmung der Fans gesorgt ist.
Dies ist bei RB Leipzig und Bayer Leverkusen aber nur sehr eingeschränkt – und beim VfL Wolfsburg gar nicht möglich. Der Klub profitiert seit 2001 von einer sogenannten „Förderausnahme“, nach der Geldgeber, die sich über 20 Jahre kontinuierlich für einen Verein engagieren, nicht unter 50+1 fallen. Das allein reiche als Begründung aber nicht aus, so das Kartellamt. VW müsste wohl seinen Einfluss zurückfahren.
Ein Podcast, ein Champion, ein Rätsel – wer ist der Gast? Raten Sie mit: Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify oder Apple Podcasts.
Dies sei jedoch nicht geplant. Man hoffe zwar, dass „eine faire, praktikable und langfristig tragfähige Lösung“ geschaffen werde. „Gleichzeitig weisen wir aber auch darauf hin, dass die Volkswagen AG verpflichtet ist, die Interessen ihrer Aktionärinnen und Aktionäre zu wahren. Deshalb behalten wir uns alle angemessenen weiteren Schritte vor“, heißt es in einer Stellungnahme des Konzerns. Notfalls sei also auch eine Klage möglich. Die dürfte jedoch kaum dazu beitragen, die Sympathiewerte der Wolfsburger zu steigern.
Am Ziel, die sofortige Rückkehr in die Bundesliga zu schaffen, ändert das alles nichts. „Wir haben einen Betriebsunfall zu reparieren“, sagte Hecking. Auf die neue Mannschaft, die beim Saisonauftakt vor einer Woche beim 0:0 gegen den 1. FC Kaiserslautern ihr Potenzial allenfalls aufblitzen ließ, wartet am Sonntag ein echter Härtetest: Es geht zum Niedersachsenderby nach Hannover (13.30 Uhr/live Sky).
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke