Knapp die Hälfte des Rennkalenders in der Formel 1 ist vorbei. Die Rennserie pausiert ein wenig, ehe es am 23. August in Zandvoort mit dem Großen Preis der Niederlande weitergeht. Formel-1-Neuling Audi hat den Anspruch, besser dazustehen, als es die Fahrer- und Teamwertung gerade ausweisen. Der 38 Jahre alte deutsche Pilot Nico Hülkenberg erklärt dennoch, warum ihn das nicht die Laune verdirbt.

Frage: Herr Hülkenberg, nach elf Rennen stehen Sie mit nur zwei Punkten auf Rang 18 der Fahrer-WM. Wie fällt Ihr Halbzeitfazit aus?

Nico Hülkenberg: Weitaus positiver, als es die WM-Wertung vermuten lässt. Es gibt eine große Diskrepanz zwischen dem, was man dort sieht, und dem, was eigentlich auf der Strecke passiert ist und wo wir als Team stehen. Wenn man auf die Tabelle schaut, denkt man: Was ein Käse. Aber wenn man die einzelnen Rennen durchgeht und das Gesamtgefüge sieht, ist das gefühlt deutlich besser als Platz 18.

Frage: Welche Schulnote würden Sie Ihrer bisherigen Saison geben?

Hülkenberg: Sie war gut, insofern eine 2.

Frage: Erklären Sie das bitte.

Hülkenberg: Bis auf Österreich, wo ich nicht richtig in den Rhythmus gekommen bin, habe ich das Maximum aus dem herausgeholt, was möglich war.

Frage: Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass Sie nur auf Platz 18 stehen.

Hülkenberg: Das stimmt, aber so wichtig ist die WM-Wertung aktuell für mich nicht. Es geht bei einem neu gegründeten Rennstall wie Audi um den Fortschritt, den das Team macht. Wir stecken noch in den Kinderschuhen. Das Potenzial, konstant Punkte einzufahren, ist vorhanden, aber bis Budapest ist irgendwie immer etwas dazwischengekommen. Entweder hatten wir ein Hydraulikleck, ein anderes technisches Problem, oder es war der berühmte Kieselstein von Barcelona.

Frage: Der sprang gegen den Notschalter und beendete so Ihr Rennen.

Hülkenberg: Das war verrückt. So etwas habe ich noch nie in der Formel 1 erlebt. Aber genau das ist das Sinnbild für unsere bisherige Saison.

Frage: Wie frustrierend ist das?

Hülkenberg: Natürlich ärgert einen das, wenn man Woche für Woche eigentlich alles mitbringt, um sich für die Arbeit der vergangenen Monate und Jahre zu belohnen, und es dann doch nicht klappt. Aber es wäre viel schlimmer, wenn wir gar nicht die Chance dazu hätten, weil uns der Speed und die Performance fehlen. Dass wir regelmäßig im oberen Mittelfeld mitreden können, ist sehr positiv.

Frage: Sind Sie davon überrascht?

Hülkenberg: Ja und nein. Auf der einen Seite nicht, weil unser Anspruch als Audi von Natur aus hoch sein muss. Man hofft nicht auf das Mittelfeld, sondern erwartet es ein Stück weit sogar. Das ist seit dem Barcelona-Rennen noch mal verstärkt der Fall. Das Upgrade, das wir da gebracht haben, hat gut funktioniert. Seitdem sind wir immer bei der Musik, sind in Schlagdistanz und Kandidaten für Punkte.

Frage: Aber?

Hülkenberg: Auf der anderen Seite sind wir eben ein neues Team. Wir machen noch vermeidbare Fehler. Daraus müssen wir lernen, damit wir bereit sind, wenn wir den technologischen Rückstand auf die Konkurrenz aufgeholt haben.

Frage: Die Fehler machte fast ausschließlich das Team und nicht Sie.

Hülkenberg: Es bringt nichts, mit Fingern auf andere zu zeigen. Wir sind ein Team. Das heißt, wir gewinnen und wir verlieren zusammen. Ich habe mich damals bewusst für das Projekt entschieden, weil ich Bock auf diesen Weg habe. Mir war bewusst, dass nicht immer alles perfekt laufen würde. Das gehört zu dem Prozess. Wir sind ein junges Team.

Frage: Audi geht erst seit diesem Jahr als Werksteam an den Start, übernahm allerdings den Sauber-Rennstall. Bis auf den eigens gebauten Motor nutzt man jahrzehntealte Strukturen.

Hülkenberg: In der Theorie stimmt das, aber diese Strukturen werden gerade auf ein neues Level gehoben. In der Fabrik fangen gefühlt täglich neue Leute an, weil Sauber über Jahre vier-, fünfhundert Mitarbeiter weniger im Vergleich zu Rennställen wie Mercedes hatte. Das braucht Zeit, bis jedes Rädchen ineinandergreift. Gleiches gilt für den Motor. Einen Formel-1-Antrieb baut man nicht einfach mal so. Zumal es nicht nur ein Motor ist, sondern Audi auch das Getriebe und die Hydraulik selbst entwickelt.

Frage: Genau diese Komponenten streiken immer wieder. Ist das die Achillesferse des Teams?

Hülkenberg: Das würde ich nicht sagen. Die Hydraulik hat uns immer wieder Probleme bereitet, aber von der gesamten Antriebseinheit stehen wir für den Anfang nicht schlecht da. Wir sind auf dem Gebiet definitiv nicht die Besten und müssen nachlegen, aber dass das Zeit braucht, ist normal.

Frage: Was ist Audis Schwach­stelle?

Hülkenberg: Aktuell die Zuverlässigkeit. Gerade zu Saisonbeginn haben wir mehrere gute Resultate verpasst, weil wir technische Defekte hatten. Das schmerzt immer doppelt. Zum einen, weil man Punkte liegen lässt, zum anderen, weil man weniger Zeit auf der Strecke hat. Dadurch lernst du weniger über diese neue Generation an Autos. Das müssen wir noch besser in den Griff bekommen und das Maximum aus unserem Potenzial rausholen.

Frage: Audi will ab 2030 um die WM mitfahren. Sitzen Sie dann noch im Cockpit? Ihr Vertrag läuft ja Ende 2027 aus.

Hülkenberg: Sag niemals nie, aber das ist viel zu früh, um darüber nachzudenken. Ich bin im Hier und Jetzt, schaue von Jahr zu Jahr.

Frage: Könnten Sie sich vorstellen, Ihren Vertrag noch mal zu verlängern?

Hülkenberg: Solange ich Spaß habe, die Stoppuhr stimmt und das Team mich möchte, werde ich für Audi fahren. Ich kann mir vorstellen, dass das noch eine Weile weitergeht. Aktuell zählt für mich aber nur, dass wir mit dem Projekt in die richtige Richtung gehen. Das tun wir. Der Rest kommt von allein.

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