„Die aalglatten Fußballinterviews gehen mir auf den Sack“
Am Sonntag endet die Tour de France in Paris. Auch abseits des sportlichen Geschehens gab es genug Themen, die Ralph Denk, den Teamchef des deutschen Rennstalls Red Bull-Bora-hansgrohe umtreiben. Um seinen Sport zu pushen, hat der Unternehmer aus Raubling revolutionäre Ideen.
WELT AM SONNTAG: Herr Denk, wie groß ist der Schock vier Tage nach dem Tour-Aus von Florian Lipowitz, der beim Einzelzeitfahren stürzte und sich das Schlüsselbein brach?
Ralph Denk: Das tut uns allen wahnsinnig weh. Nicht nur sportlich, sondern vor allem auch menschlich wird uns Flo fehlen. Ich habe nach seiner Operation mit ihm sprechen können. Ihm geht es so weit gut, sofern man das in dieser Situation sagen kann. Es gilt jetzt, optimistisch nach vorn zu schauen. Wir konnten sogar schon wieder scherzen. Insofern bin ich zuversichtlich, dass wir ihn noch in diesem Jahr bei einem Rennen auf dem Rad sehen.
Ein Podcast, ein Champion, ein Rätsel – wer ist der Gast? Raten Sie mit: Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify, Apple Podcasts oder direkt per RSS-Feed.
WELT AM SONNTAG: Es gab auch noch andere unerfreuliche Themen, etwa Ekelhotels, wahrhaftige Absteigen. Sie machten bei der Tour Schlagzeilen – durch Spinnweben quer durch die Zimmer, in denen sich unzählige Insekten verfangen hatten, und durch versiffte Wände und Bäder. Haben Sie immer gut geschlafen?
Denk: Ich habe mir das juristisch ein bisschen tiefer angeschaut. Der Veranstalter ist verpflichtet, wenn er sich schon anmaßt, Hotels zur Verfügung zu stellen, auch etwas Adäquates zu präsentieren. Das heißt, dass es den Regenerationsprozess nicht unterbricht oder verschlechtert. Was da so stattgefunden hat, ist nicht Tour-de-France-like, das sollte nicht passieren. Da tut sich die Organisation, also die ASO, selbst keinen Gefallen. Klar versucht Christian Prudhomme alles wieder ins rechte Licht zu rücken, muss er ja auch, aber das zahlt nicht auf die Tour de France ein. Das ist schade.
WELT AM SONNTAG: Der Däne Magnus Cort Nielsen sagte, dass er schon vor zwei Jahren im selben Hotel war, und es war genau so schlimm. Warum sagt die Tour da nicht: „Noch mal so ein Niveau, und Ihr seid als Herberge von unserer Liste gestrichen?“
Denk: Das ist richtig. Man ist als Mannschaft meistens in denselben Hotels. Wir sind in Hotels, da waren wir vor 13 Jahren bei unserer ersten Tour schon. Da macht es sich die Tour-Organisation ein bisschen einfach, wenn sie weiß, die sind immer mit denselben Teams da. Das ist dann wirklich so zugeordnet.
WELT AM SONNTAG: Aber am Ende der Rundfahrt sollen alle Mannschaften in derselben Anzahl an Sternen gewohnt haben.
Denk: Man muss es schon gesamtheitlich betrachten. Es ist sicherlich schwierig, in strukturschwachen Regionen adäquate Hotelkapazitäten zu finden. Und ja, es ist schön, dass sie sich Gedanken machen, dass da eine Gleichbehandlung stattfindet. Überprüfen kann die Gleichbehandlung aber sowieso keiner. Das kann man auch als Lippenbekenntnis sehen. Was auch Fakt ist: Ich habe noch nie irgendwelche Funktionäre in schlechten Hotels gesehen, weder von der ASO noch von der UCI. Aber wie gesagt, sie tun sich keinen Gefallen. Vielleicht hat man das früher noch unter der Decke halten können, als es noch kein Social Media gab. Aber jetzt kannst du den Rennfahrern ja keinen Maulkorb geben. Wenn die was scheiße finden, dann hauen die das raus. Das ist die moderne Welt, mit allen Vor- und Nachteilen. Eine Werbung für die Tour ist es jedenfalls nicht.
WELT AM SONNTAG: Wenn die Tour vergangenen Sonntag zu Ende gegangen wäre, hätten Sie schon da total glücklich sein können, oder?
Denk: Wir haben ja vorher gesagt: Podium und ein Etappensieg. Das war zu diesem Zeitpunkt schon so mit Remco Evenepoel als Zweitem, der am Sonntag die Etappe gewonnen hatte, ja. Aber es wäre dennoch schade gewesen, wenn die Tour da schon zu Ende gewesen wäre, weil ich schon ein Fan davon bin, dass eine Grand Tour drei Wochen dauert. Dann kam Dienstag der fürchterliche Sturz, aber nichtsdestotrotz ist unser Ziel, einen Mann in Paris auf dem Podium zu haben, möglich. Zudem hat Remco mit zwei Etappensiegen diesen Teil des Ziels schon übererfüllt.
Gewann die 15. und auch die 16. Etappe: Remco EvenepoelWELT AM SONNTAG: Wie sehen Sie mit zweieinhalb Wochen Abstand den Krach zwischen Remco Evenepoel und Florian Lipowitz, als der Belgier seinem Co-Kapitän öffentlich vorwarf, sich ihm verweigert zu haben, als er einen Anfahrer für einen Sprint suchte?
Denk: Mein Gefühl ist schon primär, dass es teamintern super harmoniert. Wobei: Es ist nicht mein Gefühl, sondern das weiß ich, ich bin ja nah dran. Ihr als Journalisten müsst euren Job machen, und wenn was Spektakuläres dann mal auf der Goldwaage landet, dann wird das relativ in der heutigen Zeit schnell groß. Aber es war aus meiner Sicht gar nichts Großes und nichts Spektakuläres. Es ist aber auch genau das, was wir als Team ein Stück weit erreichen wollen. Wir wollen ja nicht aalglatt sein. „Das ist unser Kapitän, und jetzt fahren wir für den, und dann kann der nicht, und dann machen wir Plan B“, das ist alles so Lehrbuch. Aber wir wissen, dass die Doppelstrategie, also mit zwei Kapitänen, nicht die erste Seite des Lehrbuchs ist. Wir sind einst einen Giro d’Italia mit drei Kapitänen gefahren, von denen Jai Hindley dann gewann. Vielleicht liegt uns das auch. Würden wir jetzt mit einem Kapitän losfahren und dann warten, bis uns Tadej Pogacar abhängt, das halten wir nicht aus. Wir versuchen, es ein bisschen anders zu machen. Bisher haben wir das ganz gut im Griff. Die beiden Jungs sind total verschieden, aber trotzdem sehr respektvoll im Umgang miteinander gewesen.
WELT AM SONNTAG: Bei dem einen oder anderen Fußballverein hätte Evenepoel Zehntausende Euro Strafe gezahlt.
Denk: Also erstens war das nicht böswillig, und es ist für mich immer das Wichtigste, ob einem da nach 200 Kilometern mit dem Messer am Hals dann irgendein Satz rausrutscht. Den darf man dann nicht auf die Goldwaage legen. Mir ist es so immer lieber, und euch als Journalisten auch, weil die aalglatten Fußballinterviews – furchtbar. Entschuldige, dass ich das so hart sage, aber die gehen mir auf den Sack.
WELT AM SONNTAG: Vor der Tour blaffte Evenepoel einen Journalisten an, weil der fragte, was er von Lipowitz und Lipowitz von ihm lernen könnten. Er verstand die Frage so, dass er ein schlechter Radprofi sei und von anderen lernen müsse. Wie sehen Sie das? Müssen beide voneinander lernen?
Denk: Ich denke an das richtige Leben. Ich glaube, dass sich beide in ihrem Job gut ergänzen können, weil sie eben so verschieden sind. Aber ich glaube, wenn jetzt der eine den anderen nachmacht, würde das nicht funktionieren. Stellen Sie sich mal vor, alle Menschen wären gleich.
Jähes Ende beim Einzelzeitfahren: Florian Lipowitz zog sich einen Schlüsselbeinbruch zuWELT AM SONNTAG: Darum geht’s ja gar nicht. Es geht ja nur um spezielle Sachen. Ich lerne ja auch von Kollegen, die lernen von mir – und Sie haben sich vielleicht auch schon von dem einen oder anderen Sportdirektor was abgeschaut.
Denk: (lacht) Und umgedreht genauso! In der alten Radwelt, da hätte man sicherlich sagen können: Wenn man mal Jan Ullrich und Lance Armstrong vergleicht, dann hätte der Jan vielleicht ein Stück weit Disziplin von Lance lernen können, und vielleicht hatte der Jan sogar ein bisschen mehr Talent gehabt als der Lance. Aber das ist in der neuen Radwelt nicht mehr so. Wenn ich beide beurteilen muss, gebe ich beiden eine Zehn in Disziplin. Dann gebe ich beiden eine Zehn in Motivation. Dann gebe ich beiden schon fast Besessenheit für das, was sie tun. Und da sind sie wieder gleich, nur sind sie vom Charakter her anders.
WELT AM SONNTAG: Tadej Pogacar wird wohl die Tour dieses Jahr gewinnen. Basteln Sie schon am nächsten Red-Bull-Coup?
Denk: Ich träume nach wie vor irgendwann von Gelb in Paris. Den Traum habe ich mir noch nicht aus dem Kopf geschlagen, oder er hat sich bei mir noch nicht aus dem Kopf verabschiedet. Dass das jetzt mit Tadej, so stark wie der fährt, schwierig ist, ist halt so. Aber ich will ja nicht nächstes Jahr abtreten.
WELT AM SONNTAG: Obwohl noch nie auffällig, wurden Pogacar und der zweimalige Tour-Sieger Jonas Vingegaard nächtlichen Dopingkontrollen unterzogen. Was halten Sie davon?
Denk: Unsere Fahrer wurden am zweiten Ruhetag auch um 22 Uhr kontrolliert, als einige schon schliefen. Wir haben nun mal eine schwarze Vergangenheit im Radsport, und deswegen sind Kontrollen gut und wichtig. Ob es mitten in der Nacht sein muss? Das Reglement gibt es her. Aber klar, das ist weder für die Vorbereitung noch für die Erholung günstig, gehört aber dazu, wenn unser Sport glaubhaft bleiben soll.
WELT AM SONNTAG: Die French Open geben 15 Prozent ihrer Einnahmen an die Spieler ab, die für 22 Prozent streiken, die ASO schüttet 0,5 Prozent an die Fahrer aus. Der Tour-Gewinner bekommt 500.000 Euro, der Wimbledon-Sieger 4,2 Millionen, also mehr als achtmal so viel. Wer ist gerecht bezahlt?
Denk: Der Tennisspieler ist schon richtig bezahlt, der Radsportler nicht. Man könnte jetzt sagen, der Sport, der ist halt viel kleiner. Aber wenn du die Bilder in den Vogesen gesehen hast, an der deutschen Grenze, unser Sport hätte ein Riesenpotenzial. Aber er muss halt in der Gesamtvermarktung massiv seine Hausaufgaben machen. Aktuell gibt es einen Gutverdiener, das ist die ASO. Die Teams haben tolle Partner und mittlerweile auch tolle Besitzer. Aber das ist noch kein Businessmodell für die Teams. Das einzige funktionierende Businessmodell ist die ASO. Unser Sport ist in vielen Bereichen einfach noch amateurhaft im Vergleich zu anderen Sportarten. Der Tour-de-France-Sieger hat definitiv auch das Preisgeld des Wimbledon-Siegers verdient.
Zuschauermagnet: In den Vogesen war die Stimmung besonders beeindruckendWELT AM SONNTAG: Was aber mangels Zuschauereinnahmen schwierig ist.
Denk: Wenn ich „verdient“ meine, dann geht es nicht um die Anstrengung. Der Schwimmer oder der Tischtennisspieler strengt sich genauso an. Ein Preisgeld sollte immer gesteuert sein von: Wie groß ist der Sport? Wie sind die Einnahmequellen? Wie viele Leute schauen hin? Dann geht’s im Endeffekt allen Protagonisten gut. Schauen wenige hin, wird es schwierig. Deswegen ist ja der Fußball so hochbezahlt, weil halt so viele Leute hinschauen.
WELT AM SONNTAG: Sie sagen selbst „Einnahmequellen“. Zuschauereinnahmen sind nun mal nicht möglich.
Denk: Würde ich so jetzt nicht stehen lassen. Warum kann man nicht Eintrittsgelder generieren? Man muss in allen Bereichen nachdenken, wenn ich den Sport größer machen will. Ich sage ja nicht, von Kilometer null bis zum Ziel. Aber vielleicht gewisse Bereiche. Ich will nicht sagen, der Radsport darf nicht mehr zugänglich sein. Aber man kann ja gewisse Bereiche machen, wo der Zuschauer auch mehr kriegt, wenn er zahlt.
WELT AM SONNTAG: Also jetzt Alpe d’Huez unten dichtmachen und Eintritt nehmen?
Denk: Warum nicht? Auf dem Plateau oben gibt’s für die Leute noch ein großes Rockkonzert oder was weiß ich nicht. Einfach mal groß denken!
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke