Thomas Müller hat diese Fußball-Weltmeisterschaft in neuer Rolle verbracht. Nachdem er vier Turniere als Spieler dabei war und 2014 den WM-Titel feiern konnte, war der Offensivspieler diesmal Zuschauer und Experte bei MagentaTV. Als solcher verfolgte der Profi von den Vancouver Whitecaps das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bereits im Sechzehntelfinale gegen den großen Außenseiter Paraguay.

Im Anschluss musste Bundestrainer Julian Nagelsmann seinen Posten verlassen, Jürgen Klopp gilt als sein Nachfolger, die Verhandlungen darüber laufen. Müller kennt Nagelsmann gut. Er hat unter ihm beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft gespielt. Im Podcast „Kerners11“ von Johannes B. Kerner sprach er nun über mögliche Fehler des Bundestrainers bei diesem Turnier und die Defizite der Nationalmannschaft, die auch das Pech hatte, auf sehr effektive Gegner getroffen zu sein. Deswegen dürfe man aber nicht „den Finger aus der Wunde nehmen“, meinte Müller.

Im Mittelpunkt von Müllers Kritik stehen die ständigen Debatten, auf welchen Positionen gewisse Spieler eingesetzt werden und ob sie wirklich dahin gehören. So seien die genauen Positionen von Florian Wirtz und Jamal Musiala unklar gewesen: „Wir haben uns schwergetan, das zu entscheiden. Wer spielt denn jetzt wo? Wir wissen, dass beide gern im Zentrum spielen.“ Ähnliche Diskussionen habe es um Kai Havertz gegeben.

Vor allem geht es Müller aber um Kimmich, den er wohl lieber im Mittelfeld denn als Rechtsverteidiger gesehen hätte. Dafür habe es durchaus Gründe gegeben, sagte der 36-Jährige, setzte dann aber zum großen Aber an: „Wenn du überlegst, dass unsere Top-Spieler auf fachfremden Positionen spielen oder zumindest auf angepassten, dann ist das Konzept vielleicht auch falsch aufgesetzt.“

Man habe dann vielleicht einen Hauch weniger Qualität auf dem Platz, aber die Stars spielen da, wo sie Stars sind. „Das ist das, was mir ein wenig am deutschen Spiel gefehlt hat“, führte Müller aus: „Wo platziere ich meine Säulen? Platziere ich Kimmich wirklich auf eine Position, wo er gar nicht so säulig sein kann? Das ist bei anderen Nationen aus meiner Sicht völlig anders. Da spielt der Superstar dort, wo er der Superstar ist, so wie auch im Klub.“

Bellingham als Vorbild für Wirtz und Musiala

Die deutsche Mannschaft habe Potenzial, es gehe aber darum, dieses auch schon zu nutzen. Als Beispiel führte Müller Englands Anführer Jude Bellingham an: „Der ist in einem ähnlichen Alter wie Wirtz und Musiala, aber Bellingham war von Geburtsstunde null an immer ein Performer für sein Team.“ Dessen Selbstvertrauen sei manchmal schon ein wenig zu viel, aber: „Er liefert einfach. Da hast du einen Zehner, der dir mit 23 Jahren im Aztekenstadion gegen Mexiko zwei Buden macht und dir in der gleichen Halbzeit hinten noch ein Tor weg verteidigt.“

Auch, wie Bellingham seine Treffer erzielt, sei beispielhaft für dessen deutsche Altersgenossen: „Seine Tore sind kein Hokuspokus. Der spielt nicht vier Leute aus und schnalzt den Ball in den Winkel.“ Vielmehr habe Bellingham Riecher und vor allem Timing, das gerade Wirtz und Musiala abgeht.

Das ging fix: Kurz nach dem Anstoß trifft Jude Bellingham schon wieder. Nach Mexikos Ballverlust schaltet England schnell um, über Harry Kane landet der Ball bei Bellingham, der den Doppelpack schnürt. Sehen Sie das 2:0 hier im Video.

Müller: „Im deutschen Spiel ist zu viel klein-klein. Ich habe das Gefühl, da ist immer so eine kleine Verzögerung (...) Das ist, was ich bei Wirtz und Musiala oft feststelle, dass sie den Ball oftmals einen Hauch zu spät spielen, weil sie denken: Jetzt habe ich schon mal den Ball, dann soll ich doch auch etwas Besonderes machen.“

Und wie geht es nun weiter? Müller glaubt nicht, dass die Spieler nachhaltig verunsichert seien. Der neue Trainer müsse eine gewisse Einfachheit ins Spiel zurückbringen. Man müsse beispielsweise Wirtz und Musiala klarmachen, „dass sie nicht die Nation retten müssen. Sie sollen einfach nur das machen, was einen guten Fußballspieler ausmacht und was ein Spiel braucht. Wir sind zu kompliziert gewesen in dieser Sache in den letzten Monaten.“

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