Die Trump-Administration wünscht sich England als WM-Sieger
Geht es nach der Administration von US-Präsident Donald Trump, dann ist der Weltmeister der Herzen ausgemacht. Allem Neutralitätsgebot eines Gastgebers zum Trotz bekundete Trumps WM-Beauftragter, Andrew Giuliani, dass den USA England als neuer WM-Titelträger sehr gefallen würde.
„Wissen Sie, da die Vereinigten Staaten nicht gewinnen können (bereits im Achtelfinale gegen Belgien ausgeschieden – d. R.) an unserem 250. Geburtstag, wäre es eine großartige Geschichte, wenn die Engländer nach Amerika kommen und während unserer Jubiläumsfeierlichkeiten gewinnen“, sagte Giuliani der englischen Zeitung „Daily Mail“. „Die vergangenen 60 Jahre waren schmerzhaft für England und es wäre ein schöner Triumph für sie, wenn sie das Turnier gewinnen.“
England spielt im Halbfinale am Mittwoch gegen Titelverteidiger Argentinien (21.00 Uhr, im Sport-Ticker der WELT, sowie bei Magenta TV und ARD) und strebt den ersten WM-Titel seit 1966 an.
Giuliani betonte die Bedeutung von Bayern Münchens Stürmer Harry Kane für die englische Nationalmannschaft. „Wenn sie das Turnier gewinnen, ist er der Hauptgrund dafür“, sagte er. „Er ist einer der wichtigsten Spieler im Team, er und Jude Bellingham sind tolle Sportler.“ England habe ein sehr ausgeglichenes Team und „sie müssen selbstbewusst sein, der Coach muss ihnen einimpfen, dass sie das Potenzial haben, zu gewinnen“. Kane hatte zuletzt davon berichtet, wie er auf Wunsch des US-Präsidenten gemeinsam mit Trump während der WM in Florida eine Partie Golf gespielt hatte („Surreale Partie“).
„Ich möchte nirgendwo anders auf der Welt sein“, sagt Englands Nationaltrainer
Sein Trainer wird unterdessen wohl wieder andächtig schweigen, wenn kurz vor dem Duell gegen Argentinien alle Engländer leidenschaftlich „God save the King“ mitschmettern. Aus seiner Sicht hoffentlich ein letztes Mal. Denn vor WM-Start hatte der deutsche Coach verraten, er wolle erst „ganz zum Schluss“ die englische Nationalhymne mitsingen. Also beim Finale am 19. Juli.
Doch er weiß auch: Bei einer Niederlage gegen den Titelverteidiger würde die Anerkennung, die er sich vor allem während der WM beim englischen Fußballvolk erarbeitet hat, schnell wieder in Zweifel und Kritik umschlagen. Schließlich hätte er es dann nicht besser gemacht als sein Vorgänger Gareth Southgate 2018. Damals unterlag England im WM-Halbfinale Kroatien nach Verlängerung 1:2.
„Es ist intensiv“, sagte der frühere Bundesligacoach über seine erste Weltmeisterschaft. Alles, was er tut und sagt, wird von den teils berüchtigten englischen Medien und zahlreichen Experten des Landes unter die Lupe genommen. Doch damit hat er sich arrangiert. „Ich fühle mich sehr lebendig in diesen Momenten. Das ist, wo ich sein möchte. Ich möchte nirgendwo anders auf der Welt sein.“
Vor allem die hitzigen K.-o.-Spiele geben ihm einen Adrenalin-Kick. Diese „emotionale Achterbahnfahrt“ erleben zu dürfen, sei „ein neues Level“. Vielleicht ist damit auch sein kleiner Wutausbruch auf die Mentalitätsfrage unmittelbar nach dem schmeichelhaften Viertelfinalsieg gegen Norwegen zu erklären. In England kam das gut an: Da kämpft jemand wie ein Löwe für die Three Lions.
Im Vorfeld von Englands Ausgleichstor gegen Norwegen soll der Ball am Kabel der Spidercam hängen geblieben sein. Hätte das Tor nicht zählen dürfen? Jan Henkel und Schiedsrichter-Experte Patrick Ittrich klären auf.Ansonsten aber lächelt der 52-Jährige viel. Er wirkt zufrieden und agiert trotz des immensen Titeldrucks entspannter als teilweise zu seiner Zeit als Klubtrainer von Borussia Dortmund und vom FC Bayern. Als ihn Verteidiger John Stones in der Kabine mit einer vorgetäuschten Schulterverletzung reinlegte, nahm Tuchel das mit Humor und lachte mit. Das Video ging viral und zeigte die lockere Seite des Perfektionisten.
Dass er das noch immer ist und auch nur schwer aus seiner Haut kann, bewies seine Analyse nach dem Norwegen-Spiel. Tuchel lobte seine Spieler für Einsatz, Teamspirit und Glauben, „das ist reine Mentalität, die kann man in Flaschen abfüllen und verkaufen“. Doch er legte auch den Finger in die Wunde und meinte, sein Team habe Glück gehabt, sei nachlässig gewesen und habe viele technische Fehler gemacht.
Das brachte ihm von Führungsspieler Jude Bellingham einen verbalen Konter ein. „Wahrscheinlich weiß er nicht, wie es ist, bei diesen Bedingungen gegen Erling Haaland, Martin Ödegaard, Antonio Nusa und Alexander Sörloth zu spielen“, sagte der Offensivspieler von Real Madrid: „Man kann nicht jedes Spiel mit 1000 Pässen gewinnen. Manchmal muss man schmutzig gewinnen, das haben wir getan.“
Rückendeckung für Tuchel von Kane
Zwischen Bellingham und Tuchel scheint die Chemie nicht hundertprozentig zu stimmen, doch Tuchel moderiert das Thema bislang geschickt weg. Auch bekommt er – zumindest öffentlich – Unterstützung von Kapitän Harry Kane. „Er versucht, das Beste aus uns herauszuholen, und wir wissen, dass wir noch ein Level besser spielen können“, sagte der Bayern-Torjäger und gab Tuchel in der Sache recht: „Wir haben das gegen Norwegen nur in Ansätzen gezeigt.“
Englands Bilanz bei dieser WM ist zwar erfolgreich, aber nicht restlos überzeugend. Ein Remis gegen Ghana, Siege gegen Kroatien und Panama in der Gruppenphase, Mühe gegen die Demokratische Republik Kongo im Sechzehntelfinale, Schwerstarbeit, aber mit starker Leistung gegen Mitgastgeber Mexiko, Kraftakt gegen Norwegen.
England zieht ins WM-Halbfinale ein. Nach Norwegens traumhaftem Führungstor erzielt Bellingham den hoch umstrittenen Ausgleichstreffer. In der Verlängerung sorgt ein Torwartpatzer für die Entscheidung. Die Highlights im Video.Doch Siege stärken Tuchel den Rücken. Dass er von 20 Spielen mit England 16 gewonnen hat, macht ihn laut Datenanbieter Opta zum Trainer mit der höchsten Siegquote (ab zehn Spielen) einer europäischen Nation. Die Skepsis um seine Verpflichtung, als zum Beispiel die „Daily Mail“ von einem „schwarzen Tag für England“ schrieb, weil „bis hin zum Zeugwart“ alle englisch sein müssten beim Nationalteam, hat er weitestgehend widerlegt.
Aber Argentinien greift tief in die (Kleidungs-)Trickkiste und dürfte damit keine guten Erinnerungen bei England wecken. Wie schon im legendären WM-Viertelfinale 1986 und auch im Achtelfinale 1998 spielt das Team in den dunkelblauen Auswärtstrikots. In Mexiko-Stadt hatte Diego Maradona vor 40 Jahren die Führung mit der „Hand Gottes“ erzielt, später legte er mit dem von der Fifa zum Jahrhunderttor gekürten 2:0 nach. Am Ende hieß es 2:1.
Der Falkland-Krieg macht das WM-Duell nach wie vor brisant
1998 in Frankreich hatte sich David Beckham zu einer Tätlichkeit hinreißen lassen und die Rote Karte gesehen. Nach der Verlängerung stand es 2:2, Argentinien siegte im Elfmeterschießen. Bei den WM-Niederlagen 1966 und 2002 gegen England hatte Argentinien in den klassischen Farben himmelblau und weiß gespielt. Der argentinische Verband schreibt sogar: „Es gibt Spiele, die Champions küren. Andere, die Legenden schaffen. Und dann gibt es jene, auf die man scheinbar ein ganzes Leben lang gewartet hat.“
Denn da ist ja auch noch die politische Komponente, neben den besten Wünschen der Trump-Administration für die Engländer. Am 2. April 1982 hatte der Krieg um die Falklandinseln, die im argentinischen Sprachgebrauch nur als Malvinas bezeichnet werden, mit der Besetzung durch argentinische Soldaten begonnen. Knapp 1000 Soldaten hatten in der militärischen Auseinandersetzung über mehr als 70 Tage ihr Leben gelassen, fast zwei Drittel davon waren Argentinier gewesen.
Die Inselgruppe liegt im südlichen Atlantik und ist seit 1833 ein britisches Überseegebiet. Argentinien begründet seinen Anspruch aber mit der Rechtsnachfolge eines früheren spanischen Kolonialreiches. Gelöst ist der Souveränitätsstreit jedoch bis heute nicht. Großbritannien lehnt jede Verhandlung darüber ab, Argentinien beharrt auf seinem Anspruch auf die Malvinas. Argentiniens Nationaltrainer Lionel Scaloni versuchte unterdessen zu beschwichtigen. „Meine Botschaft: Es ist ein Fußballspiel, nichts anderes“, sagte er.
Die Polizei im Spielort in Atlanta verstärkte jedoch proaktiv die Sicherheitsvorkehrungen für die brisante Partie. Sie würden gewährleisten, „dass Einwohner und Besucher dieses historische Ereignis sicher genießen können“. Laut der argentinischen Zeitung „La Nación“ wurde die Partie von den Behörden als Spiel der höchsten Risikostufe eingeordnet.
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