Über 20.000 Polizisten in Frankreich wegen WM-Spiel – Paris hat gelernt
Frankreich hatte sich auf diesen Abend dieses Mal sehr akribisch vorbereitet. Nach den schweren Ausschreitungen rund um das Champions-League-Finale wenige Monate zuvor wollten die Behörden verhindern, dass sich beim Spiel Frankreich gegen Marokko am späten Donnerstagabend ähnliche Szenen wiederholen. Mehr als zwei Millionen Menschen mit marokkanischen Wurzeln leben im Land. Landesweit waren rund 20.000 Polizisten und Gendarmen im Einsatz, davon allein über 8000 in Paris. Bis tief in die Nacht unterstützte auch das Militär die Sicherheitsmaßnahmen. Hintergrund war neben der erwarteten Fußball-Euphorie auch die weiterhin hohe Terrorgefahr.
Bereits am Nachmittag veränderte sich das Bild entlang der Champs-Élysées. Wasserwerfer waren in Stellung gebracht worden, daneben Räumfahrzeuge der Polizei. Auf beiden Seiten der Straße standen Hunderte Einsatzfahrzeuge der Polizei und Gendarmerie. Beamte trugen Helme, Schutzwesten und Schlagstöcke, einige führten Geräte für den Einsatz von Tränengas und Plastikgeschossen mit sich. Auch Polizeibeamte mit Arabisch- und Berberkenntnissen waren im Einsatz. Sie sollten die Kommunikation mit Besuchern erleichtern und bei Ansprachen oder Kontrollen unterstützen.
Vor dem WM-Viertelfinale zwischen Frankreich und Marokko werden in Paris zahlreiche Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Es wird befürchtet, dass es wie schon nach dem Champions-League-Finale zu Krawallen kommen könnte.Bereits vor dem Spiel hatte die Präfektur umfangreiche Verbote ausgesprochen. Das Mitführen von Pyrotechnik war ebenso untersagt wie das Tragen von Pfefferspray. Minderjährige durften sich nach Mitternacht ohne Begleitung nicht mehr im öffentlichen Raum aufhalten.
Nicht nur die Polizei bereitete sich auf die Nacht vor. Entlang der Champs-Élysées sicherten zahlreiche Luxusgeschäfte ihre Schaufenster zusätzlich. Vor mehreren Boutiquen wurden Holzplatten und Metallbarrieren angebracht, andere Geschäfte schützten ihre Glasfassaden mit mobilen Sperrelementen. Mitarbeiter kontrollierten noch ein letztes Mal die Eingänge, bevor sie die Läden schlossen. Die Vorkehrungen sind eine Folge der früheren Ausschreitungen in Paris nach Fußballspielen, bei denen immer wieder Geschäfte beschädigt oder geplündert worden waren.
Auch Wasserwerfer und Räumpanzer standen bereitKurz vor 22 Uhr sperrte die Polizei den Bereich rund um den Arc de Triomphe vollständig für den Publikumsverkehr. Der Kreisverkehr unter dem Triumphbogen blieb menschenleer. Gefeiert werden durfte zwar weiterhin auf den Champs-Élysées, doch es gab klare Grenzen. Wer mit dem Auto unterwegs war, sollte im Fahrzeug bleiben. Um ein Vermischen von Fahrzeugen und Fußgängern zu verhindern, zogen Einsatzkräfte kilometerlange Metallzäune entlang der Straße.
Bereitschaftspolizisten im EinsatzMit dem Schlusspfiff entlud sich die Anspannung schlagartig. In Cafés und Restaurants sprangen vor allem Jugendliche und junge Erwachsene von ihren Stühlen auf. Teller und Gläser fielen zu Boden, während sich andere Menschen umarmten und Fahnen auspackten. Kellner versuchten, umgestürzte Tische wieder aufzustellen, doch viele Gäste verließen ihre Plätze bereits nach wenigen Sekunden. Sie strömten auf die Straße.
„Wir sind eins, da spielt die Herkunft keine Rolle.“
Mehrere hundert Fahrzeuge fuhren langsam die Champs-Élysées hinauf und wieder hinunter. Luxuswagen, Kleinwagen, Lieferwagen und Motorräder bildeten kilometerlange Kolonnen. Aus nahezu jedem zweiten Fahrzeug ragten Fahnen. Immer wieder lehnten sich Menschen aus den Fenstern, jubelten und filmten.
Eine junge Frau hält eine Marokko-Flagge aus dem FahrzeugViele feierten gemeinsam – unabhängig davon, welche Mannschaft sie unterstützt hatten. Eine junge Frau lehnte sich mit einer marokkanischen Flagge aus dem Beifahrerfenster eines Kleinwagens und sagte WELT: „Wir sind Schwestern, wir sind eins, da spielt die Herkunft keine Rolle. Wir dürfen hier leben, und deswegen feiern wir beide“.
Die Polizei kontrolliert immer wieder junge MännerPolizei kontrolliert immer wieder junge Männer
Die Stimmung blieb über weite Strecken friedlich. An mehreren Stellen griff die Polizei dennoch ein. Immer wieder fuhren Motorradfahrer mit hoher Geschwindigkeit durch die Fahrzeugkolonnen. Beamte stellten sich auf die Fahrbahn, stoppten einzelne Fahrer und kontrollierten sie.
Kurz darauf entstand die erste größere Kontrolle. Ein junger Mann weigerte sich, wie WELT beobachten konnte, sich kontrollieren zu lassen. Mehrere Beamte umringten ihn, brachten ihn zum Streifenwagen und nahmen seine Daten auf. Passanten blieben stehen, beobachteten den Einsatz und filmten mit ihren Mobiltelefonen. Wenige Minuten später wurde der Mann abgeführt.
Nicht nur auf den Champs-Élysées blieb die Polizei sichtbar. Rund um den Place du Trocadéro standen rund hundert Einsatzkräfte in Bereitschaft.
Die Autokorsos zogen sich bis weit nach Mitternacht durch Paris. Anders als bei früheren Fußballnächten gab es keine Krawalle – Paris hat gelernt.
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