Nach dem peinlichen WM-Aus wird es in der deutschen Fußball-Nationalelf wohl nicht sofort den ganz großen Umbruch geben. Doch einiges dürfte sich ändern, in allen Mannschaftsteilen.

Besonders spannend und brisant ist jetzt vor allem eine Frage: Wer ist künftig die deutsche Nummer eins? Viel Zeit, um eine Antwort zu finden, bleibt nicht. Die nächsten Länderspiele steigen im September und Oktober, dann geht es in der Nations League unter anderem gegen die Niederlande.

Manuel Neuer hört mit 40 Jahren in der Nationalmannschaft auf. „Ja“, sagte der Torhüter auf die Frage, ob das Sechzehntelfinale der WM sein letztes Länderspiel gewesen sei, in der ARD. Seine umstrittene Rückkehr war nur für die WM in den USA, Mexiko und Kanada. Nach beinahe zwei Jahrzehnten endet die Ära Neuer endgültig, der Torhüter des FC Bayern spielte seit 2010 jedes Turnier und ist für viele Fans eine „lebende Legende“. Zum ersten Mal seit vielen Jahren ist die Torwart-Position in der Nationalelf wieder völlig offen. Möglicherweise kommt es in den kommenden Wochen und Monaten zu einer Art Torwart-Casting.

WELT nennt die Kandidaten für die Nachfolge Neuers – was für und was gegen sie spricht.

Oliver Baumann

Der Routinier der TSG 1899 Hoffenheim wäre die naheliegende Lösung. Doch der neue Bundestrainer – aller Voraussicht nach Jürgen Klopp – muss sich gemeinsam mit der sportlichen Leitung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) die Frage stellen, ob sie nicht bereits jetzt einen jüngeren Torhüter aufbauen. Baumann kann nicht die Zukunft sein, maximal die Gegenwart. Bei der EM 2028 in Großbritannien wäre er 38 Jahre, bei der WM 2030 (Hauptgastgeber Spanien, Portugal und Marokko) sogar 40 Jahre. Das Alter ist nicht allein entscheidend, siehe Neuer oder Cristiano Ronaldo. Doch generell braucht die Nationalelf eine Verjüngung und Signale für eine Neuausrichtung.

Baumann wurde vor der WM ausgebootet

Baumann spielt seit Jahren konstant auf hohem Bundesliga-Niveau und überzeugte auch in der Nationalelf. In der Champions League hat er sehr lange nicht gespielt. Bis kurz vor der WM war er die Nummer eins, bei dem Turnier kam er nach der Neuer-Rückkehr zu keinem Einsatz.

Er könnte Deutschland jetzt wichtige Stabilität geben, kennt viele Spieler aus der Nationalmannschaft lange. Doch ist jetzt nicht der ideale Zeitpunkt, um auf einen jüngeren Torwart zu setzen? Ist Baumann eine Übergangslösung? Diese Fragen muss der DFB mit Klopp in den kommenden Wochen beantworten.

Jonas Urbig

Mit 22 Jahren ist er deutlich jünger als Baumann. Und für viele Experten und Fans der perfekte Neuer-Nachfolger. Auch für Stefan Effenberg. „Beim nächsten Länderspiel muss Jonas Urbig vom FC Bayern als neue deutsche Nummer eins im Tor stehen“, schrieb der ehemalige Nationalspieler in seiner Kolumne für „T-Online“. Und weiter: „Das Kapitel Manuel Neuer beim DFB sollte jetzt endgültig geschlossen sein, aber auch eine Rückkehr zum 36-jährigen Oliver Baumann macht für mich langfristig keinen Sinn.“

Urbig hat in der Bundesliga eine der besten „Zu-Null-Quoten“ aller Torhüter mit mindestens zehn Einsätzen. In 14 Ligaspielen blieb er sechsmal ohne Gegentor, strahlte meist Sicherheit aus und überzeugte im Spielaufbau. „Jetzt muss Urbig ran – wenn er seine starken Leistungen aus der vergangenen Saison beim FC Bayern bestätigt und vermehrt Spielzeit neben Neuer bekommt“, betonte Effenberg.

Genau das ist der entscheidende Punkt: Kann Urbig die Nummer eins der Nationalelf sein, wenn er in seinem Klub nicht regelmäßig spielt? Es wäre eine mutige Lösung.

Neuer hat seinen Vertrag beim FC Bayern kürzlich bis 30. Juni 2027 verlängert. Dem Vernehmen nach soll er eine Art Mentoren-Rolle für Urbig übernehmen. Und bereit sein, weniger Spiele zu absolvieren. Dass Neuer aber nur noch wenige Partien pro Saison absolviert, ist kaum vorstellbar – obwohl er sich mit Urbig bestens versteht und in den USA auch viel Freizeit mit ihm verbrachte.

Alexander Nübel

Nübel war im WM-Kader dritter Torwart. In den vergangenen drei Spielzeiten war er vom FC Bayern an den Bundesliga-Kontrahenten VfB Stuttgart verliehen. In dieser Woche wechselte der Torwart zu Besiktas Istanbul in die türkische Süper Lig. Die Ablösesumme soll bei 6,25 Millionen Euro plus bis zu rund fünf Millionen Euro an Boni liegen. In Istanbul erhält der 29-Jährige einen Vertrag bis 2029.

Er ist in einem sehr guten Torwart-Alter. Nagelsmann nominierte Offensivprofi Leroy Sané für die WM, obwohl dieser ebenfalls in der türkischen Liga und nicht in einer der europäischen Topligen spielt. Nübel dürfte Teil der Nationalelf bleiben, als Nummer eins gesetzt ist er nicht.

Noah Atubolu

Mit 23 Jahren ist er jung und gleichzeitig schon erfahren. Er war zuletzt Stammtorhüter des SC Freiburg, stellte den Freiburger Vereinsrekord von 609 Spielminuten ohne Gegentor auf. Zur neuen Saison bekommt er Konkurrenz: Mio Backhaus wechselte von Werder Bremen zum SC. Atubolu hat noch keinen neuen Klub.

Torwart Noah Atubolu spielte in den vergangenen Jahren für den SC Freiburg

Er gilt als einer der vielversprechendsten Torhüter des Landes. Doch seine aktuelle Situation ist alles andere als ideal. Sein Vertrag in Freiburg gilt bis Ende Juni 2027, Atubolu soll zunächst beim SC trainieren. Es heißt, er könnte in die Premier League wechseln. Nagelsmann hatte ihn im vergangenen Jahr einmal für die Nationalelf nachnominiert, als Oliver Baumann erkrankt ausfiel.

Marc-André ter Stegen

In Bezug auf die Nationalelf liefen die vergangenen Jahre tragisch für den 34-Jährigen. Er wäre die neue Nummer eins gewesen, verletzte sich jedoch mehrfach schwer. Beim FC Girona absolvierte er zuletzt daher nur wenige Spiele. Nagelsmann hatte ihm einen Platz im deutschen Tor in Aussicht gestellt, doch ter Stegen verpasste die WM.

Jürgen Klopp hat sich erstmals öffentlich zu einem Engagement als Trainer der deutschen Nationalmannschaft geäußert und dabei Gespräche mit dem DFB bestätigt. Sehen Sie das Interview mit Klopp hier in voller Länge.

Gerade wechselte er auf Leihbasis vom FC Barcelona zu Ajax Amsterdam. In den Niederlanden kritisieren Medien den Transfer. Es gibt Zweifel, ob ter Stegen die optimale Lösung im Tor ist. Wenngleich ter Stegen bislang eine enorme Karriere hinter sich hat, sich immer wieder zurückgekämpft und oft schon herausragend gehalten hat. Es wird schwierig für ihn, mittelfristig die Nummer eins im deutschen Tor zu werden wird – auch wegen seines Alters.

Finn Dahmen

Der 28-Jährige beeindruckte in den vergangenen Monaten als Torwart des FC Augsburg. Der damalige Bundestrainer Nagelsmann belohnte ihn im vergangenen März, indem er Dahmen für die Nationalmannschaft nachnominierte. Sollte sich Dahmen weiter positiv entwickeln, könnte er Chancen auf Nominierungen unter Klopp haben. Der Weg zur Nummer eins ist für ihn allerdings weit.

Dennis Seimen

Er soll künftig die Nummer eins beim VfB Stuttgart sein, als Nachfolger Alexander Nübels. Der 20-Jährige gilt als Torwart mit großartiger Perspektive. Als sofortige Nummer eins kommt er nicht infrage, dafür fehlt noch die Erfahrung in der Bundesliga. Klopp wird ihn aber genau beobachten.

Mio Backhaus

Der 22-Jährige spielte für die deutschen U-Nationalmannschaften und in den vergangenen Jahren für Werder Bremen. Er war der jüngste Stammtorwart der Bundesliga. Für den internationalen Durchbruch braucht er Spiele auf hohem Niveau. Beim SC Freiburg könnte er diese jetzt bekommen, der SC zahlte offenbar rund 15 Millionen Euro für ihn. Damit ist Backhaus Rekordtransfer des SC. Das verdeutlicht, wie überzeugt die Klubverantwortlichen von ihm sind.

Backhaus spielt für die deutsche U21 und wäre aktuell noch für die japanischen Auswahlteams spielberechtigt. Das gilt so lange, bis er ein A-Nationalspiel für Deutschland absolviert hat. Japans Verband warb zuletzt um ihn.

Julien Wolff und Lars Gartenschläger sind Redakteure im Sportkompetenzcenter. Sie berichten für WELT seit vielen Jahren über die Nationalmannschaft. Zuletzt waren sie vier Wochen bei der WM in den USA.

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