Ski-Star Felix Neureuther kann nur noch den Kopf schütteln. Die Reform der Bundesjugendspiele polarisiert seit Jahren in Deutschland und beschäftigt auch den Vater von vier Kindern: „Die erste Umstellung war Unsinn und hatte nichts mit dem Rüstzeug zu tun, das wir den Kindern und Jugendlichen für ihr Leben mitgeben wollen“, sagt der 42-Jährige: „Ich habe es damals nicht verstanden und verstehe es ehrlich gesagt bis heute nicht, dass man Leistungsanreize abgeschafft hat.“

Zum Schuljahr 2023/24 wurde für die Klassen 1 bis 4 der leistungsorientierte Wettkampf mit Punkten gestrichen und durch andere spielerische Wettbewerbe ersetzt. So sollte der Leistungsdruck verringert werden. Kürzlich folgte nun die Rolle rückwärts der Politik: Die Kultusminister legten fest, dass es in den Klassen drei und vier wieder möglich sei, zum klassischen Wettkampfmodus in Leichtathletik und Schwimmen zurückzukehren. Doch eine Umsetzung wird von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich verpflichtend gehandhabt.

Felix Neureuther ist Vater von vier Kindern

Das Hin und Her verärgert Neureuther: „Jetzt dreht die Politik das wieder in die andere Richtung, aber es ist halt nur eine halbgare Geschichte. Ich wäre für klare Vorgaben, so bleibt aber viel Spielraum, der nicht unbedingt fördernd wirkt.“ Neureuther sorgt sich um die Gesundheit des deutschen Nachwuchses und engagiert sich für mehr Bewegung.

„Warum sollten die Kinder sich dann anstrengen?“

Die Bundesjugendspiele, die 1951 eingeführt wurden, hätten eine positive Wirkung, die dem Nachwuchs bei seiner Entwicklung helfen würde. „Die Kinder wollen wissen, wie gut sie waren“, sagt Neureuther.

Der Ski-Weltmeister von 2005 weiter: „Sie möchten sich vergleichen können, mit sich selbst im Vorjahr oder mit den anderen. Das ist doch ein Urprinzip kindlicher Bewegungsbegeisterung. Wenn es gar keine Punkte mehr gibt, warum sollten die Kinder sich dann anstrengen? Wenn einige die Bewertung als ungerecht empfinden, dann sind doch unsere Lehrer pädagogisch so gut ausgebildet, dass sie belastete Kinder ‚auffangen‘ können. Diese Thematik stellt sich doch im gesamten Schulbetrieb und nicht nur im Sport.“

Die Schulen können allerdings in der Regel immer noch selbst entscheiden, ob sie zum Beispiel im Weitsprung zentimetergenau messen oder im Sprint die Zeit stoppen. Manche Bundesländer wie Baden-Württemberg wollen dies ab 2027 verbindlich einführen. Bislang gab es einen Zonenweitwurf oder einen Zeit-Schätzlauf. Sieger- und Ehrenurkunden wurden weiterhin vergeben, aber teilweise ohne Punktezahl.

Für Sport könne man üben wie für Mathe

Der Sportunterricht habe in Deutschland ohnehin einen schweren Stand im Vergleich zu den anderen Fächern, oft falle er aus. „Ich würde den Stellenwert der Bundesjugendspiele noch viel, viel weiter nach oben setzen“, sagt Neureuther. „Wieso fließt so eine Punktzahl nicht auch in eine Note ein? Sodass die Kinder zu Hause mal Sporthausaufgaben erledigen sollen, damit sie bei den Bundesjugendspielen besser abschneiden und ein Erfolgserlebnis haben. Auch ein vielleicht nicht so talentiertes oder gefördertes Kind kann Freude am Sport und der Bewegung bekommen, denn die größte Motivation ist doch Lob.“

Für Sport könne man doch üben wie in Mathe oder Deutsch. Neureuther: „Schließlich geht es um die Gesundheit der Kinder. Wegen einer schlechten Note im Sport kann man nicht durchfallen, doch in einer immer bewegungsloseren Gesellschaft wäre es nachdenkenswert, mehr Verantwortung auf Eltern und Kinder zu übertragen. Eine Sporthausaufgabe könnte ich mir gut vorstellen.“

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