Serbien ist eines der spannendsten Reiseziele Europas
Mitten in dem langsam vergehenden Grün steht ein gewaltiger Fels. So unvermittelt, als habe ein Riese ihn irgendwo herausgebrochen und hier einfach abgestellt. Geologen vermuten, dass der steinerne Solitär während der Eiszeit von Gletschern an seinen heutigen Standort geschoben wurde.
Die Menschen der Region haben jedoch eine andere Erklärung. Für sie ist er der „Kamen ljubavi“, der Stein der Liebe. Der Legende nach bleiben Paare, die den Felsen dreimal umrunden und anschließend hinaufklettern, um sich dort zu küssen, für immer zusammen.
Der Stein der Liebe gehört zu den beliebtesten Wanderzielen im Ozren-Gebirge. Die Region gilt wegen ihrer frischen Luft, ihrer Wälder und Seen als grünes Herz Serbiens. Sie vereint vieles von dem, was den Balkanstaat ausmacht: eine nahezu unberührte Natur, Kurorte wie das berühmte Sokobanja, die Liebe zu den eigenen Legenden und eine Geschichte, die bis heute den Alltag prägt.
Trotz wachsender Besucherzahlen zählt Serbien zu den wenig bereisten Ländern Europas. Die enge Beziehung zu Russland löste international ebenso Kritik aus wie der Umgang mit der Rolle in den Balkankriegen. Im September sorgte die Huldigung des verstorbenen Ex-Generals Ratko Mladić für Entsetzen: Die Staatsführung ließ den verurteilten Kriegsverbrecher, der 1995 das Massaker an mehr als 8000 muslimischen Männern und Jungen in der ostbosnischen Stadt Srebrenica geplant hatte, mit staatlichen Ehren beisetzen.
Gleichzeitig wächst der Wunsch nach Veränderung, hoffen viele Serben auf Reformen und einen politischen Neuanfang – ein Wunsch, der sich jetzt zu erfüllen scheint: Aus den vorgezogenen Parlamentswahlen am 25. Oktober ging die oppositionelle „Studentenliste“ überraschend klar als Sieger hervor. Nachdem der langjährige, teils autoritär regierende Präsident Aleksandar Vučić die Niederlage seiner seit vielen Jahren herrschenden „Fortschrittspartei“ einräumte, brach im ganzen Land Jubel aus.
Die jüngste Aufbruchstimmung ist aber nur ein Grund, warum sich eine Reise durch Serbien lohnt. Diese fünf Höhepunkte sind perfekt zur Horizonterweiterung und zum Entspannen.
Natur mit Wow-Faktor
Mit fünf Nationalparks schützt Serbien einige der vielfältigsten Landschaften Südosteuropas. Sanfte Hügel, tiefe Schluchten. Quellen plätschern aus Felsen, Wasserfälle stürzen aus atemberaubenden Höhen. Ob Flora oder Fauna – Serbien ist eine der artenreichsten Regionen Europas.
Der Serbische Felsenteller bezaubert den Naturfreund mit lila Blüten, mit dem Banater Safran gedeiht in Serbien das teuerste Gewürz der Welt. Im bewaldeten Westen leben Braunbären. Über dem Fluss Uvac, der sich durch das gleichnamigen 75 Quadratkilometer große Naturschutzgebiet im Südwesten mäandert, ziehen Gänsegeier ihre Kreis.
Und quer durchs Land fließt majestätisch die Donau. Im Nationalpark Derdap hat sie einen der spektakulärsten Flussdurchbrüche Europas geschaffen – das Eiserne Tor. Zwischen steilen Felswänden windet sich der Strom durch eine Landschaft von archaischer Schönheit, die besonders im Herbst ihren Reiz entfaltet, wenn die Wälder in Rot- und Goldtönen leuchten.
Zu den ungewöhnlichsten Wanderzielen gehört der Rtanj im Südosten. Die Gebirgskette wird vom 1565 Meter hohen Šiljak überragt. Seine nahezu pyramidenförmige Gestalt beflügelt seit Jahrhunderten die Fantasie. In der slawischen Mythologie steigen hier die Götter zur Erde hinab. Ende 2012 versammelten sich Esoteriker aus der ganzen Welt am Šiljak. Sie glaubten, die vermeintlich vom Maya-Kalender angekündigte Apokalypse hier überleben zu können.
Steine großer Reiche
Serbien war einst ein bedeutendes Grenzgebiet des Römischen Reiches. Legionen marschierten durch die Täler der Donau, Festungen wurden errichtet. Zu den eindrucksvollsten Zeugnissen gehört Felix Romuliana nahe Zaječar. Im vierten Jahrhundert ließ Kaiser Galerius die Anlage für seine Mutter Romula errichten. Als Tempelreste und Palasthöfe in den 1950er-Jahren freigelegt wurden, kam eine der bedeutendsten spätantiken Fundstätten Europas zum Vorschein, seit 2007 Unesco-Weltkulturerbe.
Auch in Niš kommt man der Antike nah. Serbiens drittgrößte Stadt ist der Geburtsort Konstantins des Großen, jenes römischen Kaisers, der das Christentum im Reich zur anerkannten Religion machte. Am Ufer der Nišava befinden sich die Ausgrabungen von Mediana, einem luxuriösen Vorort der antiken Stadt.
Ein Adler kreist über den mäandernden Fluss UvacIn Niš steht auch eines der verstörendsten Monumente Europas: der Ćele Kula, der Schädelturm – er erinnert an den Freiheitskampf gegen die Osmanen. Nach der Schlacht von Čegar 1809 ließ der osmanische Befehlshaber Hurşid Ahmed Pascha zur Abschreckung die Schädel von 952 gefallenen serbischen Rebellen in ein drei Meter hohes „Denkmal“ aus Sandstein einmauern, von denen heute noch knapp 60 erhalten sind.
Der Einschüchterungsversuch verfehlte seine Wirkung. 1815 folgte der Zweite Serbische Aufstand gegen die Osmanen, der mit einer beschränkten Autonomie Serbiens endete, das 1878 erstmals als unabhängiger Staat anerkannt wurde.
Überall Klöster
Herzstück des Nationalgefühls sind die serbisch-orthodoxen Klöster. Von hohen Mauern umgeben, wirken viele wie Festungen. Seit Jahrhunderten sind sie ein Hort des kulturellen Erbes. Während der osmanischen Herrschaft bewahrten die Mönche hier Handschriften, Ikonen und andere Kunstschätze auf.
Zu den eindrucksvollsten Klöstern zählt Manasija nahe der Stadt Despotovac. Zwölf Wehrtürme sichern die Anlage. Männergesang hallt durch den Klosterhof. In der Dreifaltigkeitskirche, deren Fresken zu den Meisterwerken des Spätmittelalters zählen, verharren Besucher in stiller Andacht, bevor sie wieder hinaus ins Tageslicht treten. Rund 85 Prozent der serbischen Bevölkerung gehören der orthodoxen Kirche an. Jede Familie hat ihren Schutzpatron. Dessen Gedenktag, die Slava, ist eines der wichtigsten Feste im Jahr.
Nichts geht über Essen & Trinken
Wer Serbien verstehen will, sollte nicht nur Klöster, Ausgrabungsstätten und Landschaften besuchen – sondern muss tafeln. Die serbische Küche ist kein Ort der Zurückhaltung. Einflüsse der Türken, aus Österreich-Ungarn und vom Mittelmeer haben ihre Spuren hinterlassen. Entstanden ist eine europäische Fusion-Cuisine, herzhaft, bodenständig und überraschend vielfältig.
Auf keiner Speisekarte fehlen die berühmten Fleischgerichte: Duftende Cevapcici und die oft tellergroßen Pljeskavice werden über offenem Feuer gegrillt und mit Fladenbrot serviert. Dazu kommt würziger Ajvar aus gerösteter Paprika. In den Bergen dominiert Geschmortes. Das Nationalgericht unter den Eintöpfen ist Pasulj, eine Bohnenmahlzeit mit Zwiebeln, Speck und Räucherfleisch, die nach langen Wanderungen neue Kräfte weckt.
Lange unterschätzt wurde der Wein. In den vergangenen Jahren hat eine junge Winzergeneration Serbien zu einer der spannendsten Weinregionen Südosteuropas gemacht. Charakteristisch ist Prokupac, eine rote Sorte, die würzige, kraftvolle Weine hervorbringt. Ihr weißes Pendant ist Tamjanika, ein Wein mit feiner Muskat-Kräuter-Note. Weiterer Pluspunkt: Viele Weingüter verbinden heute traditionelle Kellerei mit zeitgenössischer Architektur.
Kreistanz in der Hauptstadt
Nirgendwo lässt sich serbische Gastfreundschaft so intensiv erleben wie in einer der Kavanas, den traditionellen Tavernen in Belgrads Altstadt. Musiker spielen auf Geigen und Zupfinstrumenten, den Tamburicas. Manchmal finden sich Menschen spontan zu einem Kolo zusammen, dem serbischen Kreistanz.
Belgrad ist aber auch eine faszinierende Weltstadt mit Jugendstilfassaden und sozialistischem Brutalismus, mit Theatern und dem Nikola-Tesla-Museum, das den Nachlass des berühmten serbischen Erfinders wahrt. Über allem wacht die Festung Kalemegdan am Zusammenfluss von Donau und Save. Kaum ein Ort macht Belgrads strategische Bedeutung deutlicher als dieser Punkt an der Schnittstelle zwischen Ost und West.
Die Belgrader Festung erhebt sich übet Save und DonauAuch die jüngere Gegenwart hat Belgrad sichtbar geprägt. Noch immer erinnern beschädigte Gebäude an die Nato-Luftangriffe 1999. Auf Mauern werben Plakate für Demonstrationen. Auslöser der Proteste, die jetzt in der Abwahl der Regierung mündeten, war der Einsturz des Bahnhofsvordachs von Novi Sad 2024, bei dem 16 Menschen ums Leben kamen – und für den Korruption und Baumängel verantwortlich gemacht werden.
Belgrad trägt all diese Widersprüche offen zur Schau: die Last der Geschichte und den Wunsch nach Aufbruch, den Stolz auf die eigene Tradition und die Sehnsucht nach Europa. Wer sich auf diese Ambivalenz einlässt, erlebt eine einzigartige Vielfalt – und ein Land, das derzeit wie kein anderes in Europa politisch und gesellschaftlich von einem Geist der Erneuerung geprägt ist.
Tipps und Informationen
WIE KOMMT MAN HIN?
Zum Beispiel mit Air Serbia oder Lufthansa nonstop nach Belgrad.
WO WOHNT UND ISST MAN GUT?
In Belgrad empfiehlt sich das zentral gelegene Vier-Sterne-Hotel „Ennvoy“ (eh.envoyhotel.rs/sr/), DZ ab 150 Euro. Das „Sunce“ (suncehotel.rs) im Kurort Sokobanja verfügt über Spa und Pools, DZ ab 140 Euro. In Niš ist das Fünf-Sterne-Hotel „Ambassador“ die erste Adresse (ambasadorhotel.com), DZ ab 120 Euro. Balkan-Küche vom Feinsten bietet in Belgrad das Restaurant „Ambar“ (ambarrestaurant.rs). Im Osten des Landes sollte man sich die Weine des Weinguts „Jovic“ (vinarijajovic.rs) nicht entgehen lassen.
WEITERE INFOS
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Die Reise wurde unterstützt von der Nationalen Tourismusorganisation Serbiens. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
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