Morgens gegen neun Uhr wird es in Bo-Kaap, einem der ältesten Viertel in Kapstadt, richtig laut. Das Schwatzen und Getrampel in den Straßen hat begonnen: Die Touristen kommen. Sie ziehen in Grüppchen über die Chiappini, Rose und Wale Street die Anhöhe hinauf. In Shorts und in Miniröcken, mit Käppchen oder Schlapphut auf dem Kopf, Sneakers oder Sandalen, sonnenbebrillt und – ganz wichtig – mit Smartphone in der Hand, mit Selfie-Sticks oder Kamera um den Hals. Sie sind auf der Suche nach dem perfekten Motiv.

Vor vielen Häusern hängen Laken, Handtücher und Wäsche zum Trocknen auf den Leinen. Ein paar Kinder spielen auf den Veranden oder dribbeln mit Fußbällen. Was manche Urlauber auf der Suche nach dem perfekten Fassadenfoto stört. Denn die eigentliche Attraktion des Viertels sind die Hausfassaden: in Bonbonfarben. Babyblau, Barbierosa, Minzgrün, dazwischen Zitronengelb. Es wird geknipst, was das Zeug hält.

Und es kommen immer mehr Touristen. Südafrika boomt: 2025 reisten mehr als zehn Millionen internationale Besucher an, ein Plus von fast 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und zugleich ein Allzeithoch, das in diesem Jahr erneut übertroffen werden dürfte.

Knapp 291.000 der Reisenden kamen aus Deutschland. Die meisten Touristen buchen eine Rundreise: Erst haben sie es auf die Tiere in den Wildreservaten des Landes abgesehen, die berühmten Big Five im Krüger-Nationalpark und anderenorts: Büffel, Elefant, Leopard, Löwe und Nashorn. Dann geht es nach Kapstadt.

Foto-Hotspot von Kapstadt

Auch die Fünf-Millionen-Metropole am Kap hat ihre Big-Five-Höhepunkte. Pflichtprogramm auf der touristischen To-do-Liste sind der mehr als tausend Meter hohe Tafelberg, das Wahrzeichen der Stadt. Dazu Cape Point am Südende der Kaphalbinsel, die ehemalige Gefängnisinsel Robben Island und das Vergnügungs- und Shoppingviertel Victoria & Alfred Waterfront am Hafen. Doch bei Instagram und in anderen sozialen Medien kann nichts mit der Nummer fünf mithalten: Bo-Kaap, dem Foto-Hotspot der Stadt.

Bonbonbunt: Die Fassaden, die bis zum Ende der Sklaverei weiß waren, sind das Markenzeichen von Bo-Kaap

Das liegt zum einen am imposanten landschaftlichen Hintergrund, einer augenschmeichlerischen Szenerie: Westlich des Tafelbergs liegt der Kegel des 669 Meter hohen Lion’s Head, ein Stück weiter der flachere Signal Hill, an dessen Osthang sich Bo-Kaap – wörtlich „oberhalb des Kaps“ – schmiegt. Zum anderen liegt es an diesen knalligen Farben, in denen die Fassaden der Wohnhäuser leuchten. Bunter wird es in ganz Südafrika nicht.

Das Viertel, manchmal auch Schotsche Kloof („Schottenschlucht“) genannt, ist räumlich und optisch deutlich vom Rest der Metropole abgegrenzt. Zwischen der breiten Buitengracht Street und Signal Hill gelegen, ist es kaum mehr als einen Quadratkilometer groß. Gut 5000 Menschen leben hier; es wirkt wie ein Dorf innerhalb der Stadt. Dass es sich eine eigene Identität bewahrt hat, liegt vor allem an seiner Geschichte.

Warum geht es in diesem Stadtteil so kunterbunt zu? Kapstadt wurde im Jahr 1652 von den Holländern gegründet, als Zwischen- und Versorgungsstopp für die Schiffe der Niederländischen Vereinigten Ostindien-Kompanie, die sich den lukrativen Handel zwischen Europa und Fernost auf die Fahnen geschrieben hatte.

Ihre großen Segelschiffe brachten Tausende Sklaven aus Südostasien, Indien, Madagaskar und Ostafrika an den Handelsposten. Diese Sklaven wurden allgemein als Kapmalaien bezeichnet. Sie durften zur Unterscheidung nur Kleidung in gedeckten Farben wie Braun oder Grau tragen.

Farben als Ausdruck einer neuen Freiheit

1760 kaufte der aus Amsterdam stammende Kaufmann Jan de Waal ein Stück Land zwischen der heutigen, nach ihm benannten Wale Street und der Dorp Street („Dorfstraße“), zu jener Zeit am Rand der noch überschaubaren Kapsiedlung mit damals rund 6000 Einwohnern gelegen. Wenig später kam das nördlich gelegene Areal hinzu. Hier wurden einfache Mietshäuser für versklavte Arbeiter errichtet. Die Eigentümer verlangten, dass die Fassaden weiß getüncht wurden.

Erst lange nach 1834, dem Ende der Sklaverei im Empire, wurde das Viertel nach und nach bunter. Viele Einwohner konnten ihre Häuser kaufen, und sie bemalten diese in allen Farben des Regenbogens, nicht zuletzt als Ausdruck der neuen Freiheit und Leichtigkeit des Seins unter den Ansässigen, ihrer neu gewonnenen Lebensfreude und ihres gestärkten Selbstbewusstseins.

Wo vorher alles weiß getüncht war, holte man nach dem Ende der Sklaverei die Farbeimer raus

Ein typisches architektonisches Merkmal im Viertel sind die sogenannten Stoeps: kleine Freiflächen oder Veranden vor den Haustüren, auf denen Sitzbänke stehen und Palmen in Tontöpfen gedeihen. Pinkfarbene Bougainvilleen und roter Hibiskus blühen. Zwischen den Häusern ragt ein knappes Dutzend Minarette in den im afrikanischen Sommer monatelang tiefblauen Himmel und lockert die Skyline fototauglich auf.

Älteste Moschee des Landes

Während nur etwa zwei Prozent aller Südafrikaner Muslime sind, stellt die Glaubensgemeinschaft in Bo-Kaap noch heute die Mehrheit unter den Anwohnern. Fünfmal am Tag treten Muezzins ans Mikrofon, zum Sommeranfang kurz vor Weihnachten, wenn die Nächte kurz sind, vor vier Uhr früh am Morgen, lange bevor sich die Sonne im Osten zeigt.

„Allahu akbar“, tönt es aus Lautsprechern über die Kopfsteinpflaster, Gassen, Häuser und Hinterhöfe: der Ruf zum Gebet der Gläubigen. Auwal Masjid, 1794 erbaut, ist die älteste Moschee des ganzen Landes. Sie hat eine moosgrüne Fassade.

Was die Tausende von Besuchern angeht, die täglich mit Smartphone und Kamera ins Viertel strömen, sind die Ortsansässigen insgesamt eher positiv eingestellt. „Es ist schön zu sehen, dass Leute nach Bo-Kaap kommen, es gibt hier eine Menge Sehenswertes“, sagt die 42-jährige Mastoero Alfos. Sie stammt ursprünglich aus dem Township Manenberg vor der Stadt, lebt aber inzwischen seit 22 Jahren hier. Alfos arbeitet bei der Stadtverwaltung und bewohnt mit ihrem Mann, fünf Kindern und einem Kater ein pinkfarbenes Haus in der Chiappini Street.

Manche Nachbarn seien genervt von den Besucherströmen und den sperrigen Reisebussen, die rund um die Wale Street, die Hauptstraße, oft den Verkehr blockieren. Vor allem, wenn im wenige Kilometer entfernten Hafen von Kapstadt Kreuzfahrtschiffe mit Tausenden erlebnishungrigen Passagieren an Bord festmachen. „Es ist zu einem Verkehrsproblem geworden“, sagt Mastoero Alfos. „Aber davon mal abgesehen, bringen die Leute Leben in den Stadtteil. Ich persönlich mag den Trubel.“

Fotogen und instagramtauglich ist auch das, was in Bo-Kaap auf die Teller kommt, denn an authentischer Kulinarik haben die hiesigen Köche einiges zu bieten. Am bekanntesten ist ein deftiges Gericht namens Bobotie, ein meist mit Hackfleisch und Rosinen zubereiteter, süßlich-würziger Auflauf, serviert mit Reis und Chutney oder Sambal. Daneben sind Samosas und Currys aller Art typisch, Teil des fernöstlichen Erbes des Landes. Zünftig speisen kann man zum Beispiel bei „Bo-Kaap Kombuis“, „Faeeza’s Tea Garden“ und „Biesmiellah“. Nur Bars mit alkoholischen Getränken gibt es im muslimisch geprägten Bo-Kaap nicht.

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? Direktflüge gibt es ab Frankfurt/Main oder München zum Beispiel mit Condor oder Lufthansa. Ein 90 Tage gültiges Touristenvisum gibt es kostenlos bei der Einreise am Flughafen. Bo-Kaap liegt zentral in Kapstadt und ist gut mit Uber zu erreichen.

Wo wohnt man gut? Hoch über Bo-Kaap, am Hang des Signal Hill, liegt das elegante Boutiquehotel „Dorp“. Zentrale Lage, stilvolle Zimmer, großartige Panorama-Aussicht über die Stadt. Doppelzimmer mit Frühstück ab 230 Euro (dorp.co.za). Zudem gibt es in Bo-Kaap und Umgebung zahlreiche Gästehäuser und Airbnb-Unterkünfte (ab 40 Euro die Nacht).

Sehenswert: Das Iziko Bo-Kaap Museum befindet sich im Wohnhaus einer muslimischen Familie aus dem 19. Jahrhundert (iziko.org.za).

Weitere Infos: southafrica.net/de/de/travel; capetown.travel/de

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke