Asturien – So still, grün und kühl kann Spanien sein
Der Blick vom Balkon fällt auf Wiesen und Wälder, ein paar Höfe kleben am Hang gegenüber wie von Kinderhand in einer Spiellandschaft verstreut. Rechts steht die Kirche von Taramundi, daneben Häuser mit schwarzem Schieferdach. Vor den Fenstern blühen Geranien. In der Ferne läuten Kuhglocken.
Fast wähnt man sich in der Schweiz, doch die Berge sind niedriger, und die Luft riecht schon nach Atlantik, obwohl das Meer eine Dreiviertelstunde entfernt ist.
In Asturien erlebt man ein Spanien, das kaum jemand kennt. „Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen“ – dieser Zungenbrecher aus dem Musical „My Fair Lady“ trifft hier im Norden des Landes tatsächlich zu. Die Sonne brennt längst nicht so gnadenlos wie im Süden. Wolken sind an der Tagesordnung, und Schauer. Sie sind der Grund, warum alles so grün ist.
Taramundi, gut 500 Einwohner und an der Grenze zu Galicien gelegen, wirkt unbedeutend und klein, doch hat es eine große Rolle im spanischen Fremdenverkehr gespielt. Hier wurde der ländliche Tourismus erfunden. Mitte der 1980er-Jahre, als das Land nach der Franco-Diktatur dabei war, sich neu zu erfinden, eröffnete im ehemaligen Pfarrgebäude „La Rectoral“ das erste staatlich geförderte Hotel für den Turismo rural. Es war ein Experiment, eine Antwort auf die Abwanderung der Landbevölkerung, ein Versuch, Arbeit zu schaffen, ohne das Land aufzugeben.
Der Direktor serviert selbst
Das Hotel gibt es noch immer. Es ist etwas in die Jahre gekommen. Die Zimmer sind großzügig, der Ausblick ist wunderschön, das Sammelsurium an Möbeln und die grellblau gestrichenen Badezimmer wirken jedoch, als sei das Budget für Modernisierungen bereits Ende des vorletzten Jahrzehnts erschöpft gewesen.
Der Direktor nimmt es gelassen. Er weiß, wie man die Langstrecke bewältigt. Abgesehen von einer kleinen Unterbrechung ist er seit 35 Jahren im Amt. Jesús Mier Barrenechea hat im Kaminzimmer des Hotels alte Teddybären verteilt, die früher in den 18 Zimmern auf den Betten saßen. Kuscheltiere kommen heute nicht mehr so gut an, doch wegwerfen wollte er sie nicht. Den Toast zum Frühstück röstet er selbst und bringt ihn an den Tisch. Dazu Butter, Käse und Marmelade.
Es ist ohnehin nicht der verblasste Ruhm des Hotels, weswegen vor allem im Sommer Urlauber herkommen, hauptsächlich Spanier. Es ist die Landschaft, die Stille, diese beruhigend zeitlose Atmosphäre der autonomen Region Asturien, die sich immer noch Fürstentum nennen darf.
Man erinnert sich daran, wie es früher einmal war. Als es noch keine Coffeeshops an jeder Ecke gab, keinen Handyempfang und keine Instagram-Spots, sondern nur Gegend. Bäume und Bäche. Steinhäuser und Wassermühlen.
Die Idee aus Taramundi hat sich durchgesetzt. Heute gibt es in Spanien mehr als 16.000 Landhotels, verteilt über alle Regionen. Immerhin zwölf Prozent der touristischen Ausgaben entfallen auf Angebote im ländlichen Raum. Das ist beachtlich in einem Land, das vor allem Strand und Sonne verkauft.
Womöglich steckt noch mehr Potenzial darin. Denn nicht zuletzt die heißen Sommer der letzten Jahre haben laut Hoteldirektor Barrenechea dazu geführt, dass mehr Gäste als früher aus Spaniens Süden und dem Landesinneren kamen, aus Andalusien, Murcia, Madrid.
Der Atlantik bleibt frisch
Auch die Zahl der ausländischen Besucher nehme zu, die in Spanien Orte aus der sogenannten zweiten Reihe suchten, weil sie noch nicht so überlaufen sind wie Barcelona, Granada oder die Balearen.
Asturiens weite Strände an der sogenannten Grünen Küste, der Costa Verde, sind unter Surfern seit Jahren beliebt, die Playa de Rodiles oder Tapia de Casariego zum Beispiel. Sie profitieren von den atlantischen Wellen der Biskaya. Bei Badeurlaubern haben sie sich trotz ihrer landschaftlichen Schönheit nicht so durchgesetzt wie andere Küsten des Landes, denn das Wasser erreicht selbst im August kaum 20 Grad.
Die Berge und Wälder jedoch sind für Wanderer und Radfahrer ein Paradies. Stundenlang ist man unter Eichen, Kastanien, Kiefern und Eukalyptus unterwegs, trifft kaum auf eine Menschenseele.
Erreicht man dann die nächste Siedlung, begegnet man Leuten, die eine Geschichte zu erzählen haben. Wie Fritz Bramsteidl, der im Weiler Mazonovo in einem Tal bei Santa Eulalia de Oscos den Hammer schwingt. Der Österreicher reiste vor zwei Jahrzehnten an, um die Messerherstellung zu erlernen. Dafür ist der Westen Asturiens so bekannt wie hierzulande Solingen. Er fand Gefallen an dem abgeschiedenen Ort, die Dorfoberen fragten ihn, ob er nicht dauerhaft bleiben wolle. Er wollte. Hier hat er zwei Söhne großgezogen, sie folgten ihm ins Handwerk.
Heute zeigt er Touristen in der Schmiede von Mazonovo, wie sich glühendes Eisen seinem Willen fügt. Er verkauft ihnen Briefbeschwerer, Messer, Löffel, Kellen. Alles entsteht wie einst, erst unter einem mächtigen, von einer Wassermühle angetriebenen Hydraulikhammer, dann per Hand mit Hammer und Amboss.
Rund 4000 Besucher kommen zu ihm im Jahr, sagt Bramsteidl. Das ist nicht viel, aber es reicht ihm. Denn er liebt die Ruhe und Abgeschiedenheit.
So wie gleich nebenan die beiden Inhaber des neuen Gasthofs in einem Steinhaus aus dem 18. Jahrhundert. Die Zutaten des Lokals „L’Auga“ kommen aus dem eigenen Garten, auf der Sonnenterrasse wird der erschöpfte Wanderer mit Wermut auf Eis und Oliven wiederbelebt, ein Bach plätschert dazu sein Lied.
Die Betreiber kommen aus der Finanzbranche, den leer stehenden Gasthof hatten sie durch Zufall gefunden. „Wir träumten davon, uns von Terminen, Verpflichtungen und Chefs befreien zu können“, sagt der eine. „Diese Träume sind jetzt unser Zuhause“, ergänzt der andere.
Auch in Asturien gibt es Andrang
Nicht das komplette Asturien allerdings ist der pure Gegenentwurf zur touristischen Massenindustrie. Das kann man zwei Stunden mit dem Auto entfernt in Cudillero besichtigen. Das lebhafte Hafenstädtchen liegt in einem kleinen Küstenbogen, eingerahmt von steilen Klippen. Zur Regionalhauptstadt Oviedo mit Flughafen sind es 60 Kilometer.
Hingucker am Meer: Cudillero mit seiner Altstadt, die sich die Hänge hinaufziehtWer den Hamburger Stadtteil Blankenese mit seinem Treppenviertel kennt, dem wird Cudillero vertraut vorkommen: Die Häuser sind in die Hänge gestapelt, ihre Fassaden in Blau, Grün, Grau und Ocker gestrichen. Enge Stufen führen direkt an den Fenstern und Türen vorbei hinauf zu kleinen Aussichtspunkten, unten am Hafen drängen sich Geschäfte und Gastronomie mit Sonnenschirmen und Tischen.
Touristen kaufen Schokolade und Pralinen, hergestellt aus der Milch asturischer Kühe, bestellen in den gut besuchten Restaurants fangfrischen Fisch, Mies- und Jakobsmuscheln sowie lokalen Apfelwein, Sidra genannt.
Er wird vom Kellner, sehr zur Gaudi der Gäste, aus großer Höhe ins Glas geschenkt, weil die Luftzufuhr das Aroma verbessern soll. So tausendfach hat der Mann die Prozedur schon vollzogen, dass er gar nicht mehr schaut, wohin er zielt. Er hält einfach die Flasche über den Kopf, blickt nachdenklich in die Ferne und kippt. Der Strahl scheint das Glas wie von allein zu finden. „Bravo“, ruft die Menge. „Mehr davon!“
„Bravo“, ruft die MengeCudillero ist einer der malerischsten Küstenorte Spaniens. Die Popularität befördert zusätzlich, dass Cudillero am Camino del Norte liegt, einem der Pilgerwege, die entlang der Küste nach Santiago de Compostela führen. Reisebusse, Campingmobile, Selfie-Nomaden, Pilger – alles da. Aber dann kommt plötzlich Regen, treibt im Meereswind nahezu waagerecht durch die Gassen, und Cudillero ist so leer und ruhig wie der Rest des Fürstentums. Auf Asturiens launisches Wetter ist eben Verlass.
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Von Frankfurt/M. fliegt Lufthansa direkt zum Flughafen Asturias/Oviedo. Umsteigeverbindungen zum Beispiel mit Iberia über Barcelona oder KLM via Amsterdam.
Wo wohnt man gut? „La Rectoral“, traditionelles Landhotel in Taramundi, Doppelzimmer mit Frühstück ab 105 Euro (larectoral.com). „De la Osa Hotel“, modernes Landhotel in Abres, Doppelzimmer ab 128 Euro (delaosahotel.es). Gasthaus „Casona de Mazonovo“ mit Gasthof „L’Auga“ in Mazonovo bei Santa Eulalia de Oscos, Doppelzimmer mit Frühstück ab 75 Euro (casonademazonovo.com).
Weitere Infos: Fremdenverkehrsämter: spain.info, turismoasturias.es/de/; Schmiede in Mazonovo: ferreirosdemazonovo.com; Messermuseum in Taramundi: cqtaramundi.com
Drei weitere Anregungen für Spanien jenseits der üblichen Hotspots:
Zaragoza – Tapas & Origami: Die Hauptstadt Aragoniens am Fluss Ebro kann auf gut 2000 Jahre Geschichte zurückblicken. Die römischen Ruinen, die monumentale Basilika del Pilar und der maurische Palast Aljafería aus dem 11. Jahrhundert sind erstklassig – und bei deutlich geringerer Besucherdichte zu besichtigen als in Spaniens Top-Metropolen üblich. Im Viertel El Tubo in der Altstadt liegt eine Tapas-Kneipe neben der nächsten, frequentiert auch von den Einheimischen. Dazu die guten aragonesischen Weine! Wer sonst schon alles gesehen hat: Hier steht auch das einzige Museum für Origami in Europa, die japanische Kunst des Papierfaltens (zaragoza.es).
Cádiz – Kathedralen & 007: Cádiz liegt weit im Süden auf einer Halbinsel im Atlantik und zählt zu den ältesten ständig bewohnten Städten Europas. Die Phönizier gründeten es um 1100 v. Chr. Seine Gassen, Plätze und Promenaden vermitteln andalusisches Lebensgefühl, ohne so überlaufen zu sein wie Granada und Sevilla. Erfreulich für Bildungsurlauber: Die Stadt besitzt gleich zwei Kathedralen, die Catedral Vieja von 1262, errichtet auf den Fundamenten einer Moschee, und die Catedral Nueva mit Kuppeln und Türmen, erbaut 1722 bis 1838. Am Strand von La Caleta wurden Szenen aus dem James-Bond-Film „Stirb an einem anderen Tag“ mit Halle Berry gedreht. Man tat so, als sei man auf Kuba! (cadizturismo.com).
Cuenca – Mittelalter & moderne Kunst: Die spektakulären „hängenden Häuser“ von Cuenca in Kastilien-La Mancha sind Teil des Unesco-Welterbes. Sie wurden im 14. Jahrhundert im engen Tal des Flusses Huécar aus Platzmangel in die Felsen gesetzt. Die Provinzhauptstadt liegt auf halbem Weg zwischen Madrid und Valencia. Außer der mittelalterlichen Altstadt mit Treppen und Gassen lohnt das Museum für Abstrakte Kunst mit vielen Werken spanischer Künstler. Es ist in einem der hängenden Häuser untergebracht. Rund um die Stadt gibt es eine Reihe gut ausgeschilderter Wanderwege, etwa zum Mirador Cerro del Socorro, der einen Blick auf Altstadt und Fluss bietet (visitacuenca.es).
Die Reise wurde unterstützt vom Spanischen Fremdenverkehrsamt. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
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