Es gilt als das neue Trendziel, nicht nur bei Kreuzfahrern: Zugegeben, die Saison mit eisfreien Fjorden und Küsten zwischen Juni und September ist kurz, recht kühl und ziemlich teuer.

Gerade Westgrönland, grönländisch Kitaa genannt, ist so gefragt wie nie. Denn es ist der am leichtesten zugängliche Teil Grönlands – im Gegensatz zum fast menschenleeren Osten und Norden der größten Insel der Welt.

Allein 2025 verzeichnete der Westen Grönlands 232 Kreuzfahrten mit 555 Anläufen, 2026 sind es mehr als 250 Touren. In die Arktis geht es zum Beispiel 2027 mit AIDA Cruises über Hapag-Lloyd Cruises bis HX Expeditions.

Wer kälteresistent ist, wagt sich auf Expeditions-Kreuzfahrten im Frühling und Herbst, die inzwischen in enger Zusammenarbeit mit den lokalen Inuit-Gemeinden angeboten werden (etwa von Ponant).

Seit die US-Regierung wieder mal ein Auge auf Grönland geworfen hat und es gern wie einst Alaska erwerben oder wenigstens den Daumen drauf haben möchte, ist die Insel ständig in den Schlagzeilen. Bereits zweimal, erst 1868, ein Jahr nach dem Alaska-Schnäppchen, und später 1946, wollten die USA bereits die Insel den Dänen abkaufen.

Die Region

Grönland gehört geografisch zu Nordamerika, politisch zu Europa als autonomer Teil des Königreichs Dänemark, mit eigener Regierung und Parlament (seit 1979) und einer erweiterten Selbstverwaltung (2009). Seither ist Grönländisch (Kalaallisut) die alleinige Amtssprache, und Grönland bestimmt auch allein über seine Bodenschätze, weshalb Altverträge mit ausländischen Investoren annulliert wurden.

Seit 2026 können Ausländer nur noch Immobilien oder Landnutzungsrechte in Grönland erwerben, wenn sie dort zwei Jahre gelebt und auch Steuern gezahlt haben. Das Gesetz wurde auch beschlossen, um internationale Investoren auf Einkaufstour abzuschrecken.

Ohnehin gehört das Land der Gemeinschaft, sprich dem Staat. Niemand kann also Grund und Boden kaufen, nur Gebäude und ein zeitlich befristetes Nutzungsrecht.

Diesen Schnelldurchlauf durch Politik und Geschichte erfahren Reisende bei einer geführten Tour durch das einzige Einkaufszentrum in der Hauptstadt Nuuk, die eigentlich eine Kleinstadt ist: Hier leben nur gut 20.000 Menschen, das entspricht fast der Hälfte der Gesamtbevölkerung (56.700). Man kennt sich also.

Die Shopping-Mall, Nuuk Center genannt, bietet unten Cafés, Modeläden und Supermarkt, oben im Büroturm arbeitet die Regierung; man könnte hier also den amtierenden Ministerpräsidenten Jens-Frederik Nielsen zufällig an der Kasse oder beim Kaffee treffen.

Ein paar Schritte weiter steht das neue, 3000 Quadratmeter große US-Generalkonsulat, das erst im Mai 2026 eröffnet wurde – als sichtbares Zeichen des Interesses der Trump-Regierung an Grönland. Zuvor gab es nur einen Ein-Mann-US-Betrieb in einem roten Holzhäuschen am Hafen.

Favorit Diskobucht

Inzwischen besuchen jährlich rund 150.000 Touristen Grönland, das sind doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Die meisten buchen eine Rundreise oder Kreuzfahrt: Von Nuuk geht es zu den Eisbergen in der Diskobucht, in die Tundra sowie ins Inlandeis mit Schneemobil und Hundeschlitten.

Das ultimative Lieblingsziel aller Grönlandreisenden ist der Eisfjord von Ilulissat, weit über dem Polarkreis an der Diskobucht. Von der gleichnamigen hügeligen Küstenstadt, übersetzt „Stadt bei den Eisbergen“, blickt man direkt auf das Naturspektakel, seit 2004 Unesco-Welterbe.

Der Gletscher Sermeq Kujalleq kalbt rund um die Uhr. Dann schieben sich gewaltige Eismassen in den 55 Kilometer langen Fjord.

Beliebt sind Kajaktouren zwischen Eisbergen, Helitouren über dem Eis und Bootstouren für Walbeobachtungen. Im Sommer tummeln sich hier viele Buckel- und Finnwale. Bereits heute ist Ilulissat das meistbesuchte Ziel Grönlands – und es dürften bald weit mehr Reisende kommen: Der neue internationale Flughafen Ilulissat wird am 29. Oktober 2026 eröffnet, mit Direktflügen aus Kopenhagen.

Geschmackssache: Walhaut

Wer frühmorgens auf den Märkten, etwa in Nuuk oder Sisimiut, flaniert, staunt: Hier gibt es Spezialitäten, die anderswo eher auf der Roten Liste stehen. Beispielsweise Mattak, das ist rohe Walhaut mit Speckschicht, in Würfeln geschnitten. Sie stammt von Weiß-, Nar- oder Grönlandwalen. Mattak gilt als besonderer Leckerbissen und geht bei den Einheimischen weg wie warme Semmeln, sobald es angeboten wird.

Auf dem Markt gibt es neben Garnelen, schwarzem Heilbutt, Seehasenrogen und Eismeersaibling auch Fleisch von Robbe, Rentier, Moschusochse – und auch hin und wieder Meeresvögel wie Lummen und Eiderenten.

Noch delikater, nicht nur für Vegetarier, sind die Angebote im Sommer: Private Sammler verkaufen hier Kräuter und Beeren aus der Tundra für einen außergewöhnlichen Wildgemüse-Salat, etwa arktische Engelwurz-Stängel, Kuckucksblumen, schwarze Krähenbeeren und die blauen Blüten des Grönländischen Glockenblümchens.

Hubschrauber statt Taxi

46 Heliports gibt es in Grönland. Oft sieht man rote Hubschrauber am Himmel über dem Eis, über Fjorden und an der Küste. Sie fliegen als öffentliche Verkehrsmittel nach festem Fahrplan zwischen den Siedlungen. Denn es gibt weder Bahngleise noch Überlandverbindungen; Boote kommen nur im kurzen Sommer durchs Treibeis der Küsten und Fjorde.

Einige Ortschaften wie Nuuk, Sisimiut oder Ilulissat haben zwar Straßen, diese enden aber am Stadtrand. Ein solcher Trip kostet umgerechnet 135 Euro (one-way); er heißt „Milchflug“, da er zu 90 Prozent subventioniert ist.

Moschusochsen-Touren

Das will schon etwas heißen, die letzte Eiszeit überlebt zu haben: Moschusochsen sind so gut gewappnet gegen Kälte, dass sie problemlos Minusgrade von 40 bis 50 Grad aushalten. Denn unter ihrem zotteligen, bis zu einem halben Meter langen Grannenhaar haben die Tiere eine dichte Unterwolle, Qiviut genannt. Sie wärmt achtmal besser als Schafswolle – und ist so weich wie Kaschmir.

Abstand halten: Zwei wehrhafte Moschusochsen in der Tundra

Heimisch sind die gehörnten Riesen eigentlich im bitterkalten Nordostgrönland. Doch in den 1960er-Jahren wurden 27 Tiere ins vergleichsweise warme Westgrönland umgesiedelt. Dort fühlen sich selbst kälteresistente Moschusochsen deutlich wohler und vermehren sich prächtig: Heute leben in der Tundra um den Kangerlussuaq-Fjord 15.000 bis 25.000 Tiere.

Beliebt bei Urlaubern sind geführte Beobachtungstouren, freilich mit gebührendem Abstand, denn die Moschusbullen passen gut auf ihre Herde auf. In Grönland werden die Tiere für Wildbret und Wolle bejagt. Ein Schal aus Moschusochsenwolle kostet ab 1300 Euro.

Rasmussen wird gern zitiert

Er wird sowohl in Grönland als auch in Dänemark verehrt: Knud Rasmussen (1879–1933), in Ilulissat als Sohn eines dänischen Vaters und einer grönländischen Mutter geboren, gilt nicht nur als einer der großen Pioniere der Arktis, sondern auch als Vermittler zwischen den Kulturen. Er wurde der „europäische Inuit“ genannt. „In Grönland misst man Reichtum nicht an Besitz, sondern an Ausdauer“. Das ist eines der Zitate, die man oft in Nuuk hört.

Seine berühmteste Expedition war die mehr als drei Jahre dauernde Reise mit Hundeschlitten entlang der Nordwestpassage. Als Ethnologe sammelte er mündlich überlieferte Sagen der Inuit, die sonst verloren gegangen wären. Sein Geburtshaus in Ilulissat ist heute ein Museum.

Die Rache der Inuit

Einst gefürchtet, heute ein beliebtes Souvenir: Mit dem Tupilak ist eigentlich nicht zu spaßen. Diese Figur soll in der Inuit-Kultur die Seele oder den Geist eines Vorfahren darstellen.

Traditionell rief einst ein Schamane den Tupilak-Geist an, um Hilfe im Kampf gegen einen Feind zu erlangen. Dafür fertigte er die Figur aus Holz, Tierknochen, Walrosszähnen und Rentiergeweihen an. Dann sang er einen Zauberspruch und warf die Figur ins Meer, um den Feind zu vernichten.

Das klingt ziemlich martialisch. Doch sein Einsatz galt grundsätzlich als riskant: Sollte der Feind stärker sein als die Verwünschung des Schamanen, konnte der Fluch auf ihn zurückfallen. Obwohl ein Tupilak heute keine spirituelle Bedeutung mehr besitzt, bleibt seine symbolische Kraft in der Kultur der Inuit erhalten.

Grimmiger Look: Ein Tupilak-Kopf aus Rentier-Knochen

Inuit-Künstler schnitzen die grimmig blickenden Figuren, um die Vergangenheit zu ehren, die Geschichten ihrer Vorfahren lebendig zu halten – und um sie an nicht abergläubische Touristen zu verkaufen.

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