Ein sonniger Morgen in Uccle, einer vornehmen Wohngegend in Brüssels Süden. Vögel singen in den Gärten, die herrschaftliche Häuser umgeben. Eine Villa sticht hervor: Maison Van Buuren, errichtet 1928 vom Bankier gleichen Namens. Äußerlich überrascht sie als Paradebeispiel der Amsterdamer Schule – diese expressionistische Backsteinarchitektur ist absolut rar in Belgien.

Innen entpuppt sie sich als Schatzkästchen des Art déco, vor 100 Jahren ein skandalös modernistischer Stil: geometrische Buntglasfenster und Designerteppiche. Minimalistische Wandverkleidungen und Möbel aus Edelhölzern. Maßgefertigte Unikate, in Szene gesetzt von Lampen, die selbst Kunstwerke sind. Dazu Gemälde und Plastiken flämischer Alter Meister bis hin zu modernen belgischen und internationalen Künstlern.

Im einstigen Heim der Kunstmäzene David und Alice van Buuren fühlt man sich wie ein privater Gast, obwohl es heute ein Museum ist. Hier, abseits der Touristenmassen, die sich am Grand-Place und Manneken Pis ballen, zeigt sich Brüssel von seiner weltgewandten Seite.

Nicht nur hier: Die belgische Hauptstadt ist gut bestückt mit außerordentlich moderner Baukunst. Dieses Spiel der Stile – vom Jugendstil, der um 1900 viel Licht in Häuser brachte, über Modernismus und Brutalismus bis hin zu kühnen Neubauten – macht Brüssel zu einem exzellenten Reiseziel für Architektur- und Designliebhaber, das gut per Zug erreichbar ist.

Hinkommen & Rumkommen

Von Köln aus fahren ICE oder Eurostar – jedenfalls laut Fahrplan der DB – in unter zwei Stunden zum Bahnhof Brüssel-Midi, einem funktionalen Zweckbau. Architektonisch viel sehenswerter ist der Hauptbahnhof (Gare Centrale) – von Victor Horta entworfen, der den Brüsseler Jugendstil erfand und später radikal modernisierte. Statt mit floraler Verspieltheit beeindruckt das Gebäude, das erst nach dem Zweiten Weltkrieg und Hortas Tod von Maxime Brunfaut vollendet wurde, mit der schlichten Eleganz des späten Art déco.

In Brüssel selbst kommt man am besten zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln herum. Freie Fahrt sowie Eintritt für viele Sehenswürdigkeiten bietet die Brussels Card mit ÖPNV-Zusatzoption. Tipps für Architekturführungen und Touren auf eigene Faust finden Besucher auf der Website Visit.Brussels. Nicht verpassen: Fahrten mit der Tramlinie 92. Sie rattert von Schaerbeek über das Königliche Viertel zur Avenue Louise, vorbei an prächtigen Jugendstilfassaden bis nach Uccle.

Lichtblicke entdecken

Ein Muss in der Hauptstadt des Jugendstils, wie sie sich stolz nennt, ist das Horta-Museum in Saint-Gilles (Tram 92 bis Janson). Das ehemalige Wohn- und Atelierhaus des Architekten verkörpert Brüsseler Art nouveau in schönster Form.

Ebenfalls zum Unesco-Erbe der Palais von Victor Horta zählen einige Straßen weiter das Hôtel Tassel und das Hôtel Solvay, wobei „Hôtel“ für „Stadthaus“ steht, nicht für Hotel. Sie waren auch deshalb revolutionär, weil Horta Eisen und Glas – Materialien, die man bis dahin für Fabriken nutzte – in den Wohnraum holte und wie Kostbarkeiten ins Gesamtkunstwerk einfügte.

Horta-Museum: Selbst die Hintertreppe im Atelier ist Teil des Jugendstil-Gesamtkunstwerks

Im Zentrum nahe des Hauptbahnhofs vereint das Comic-Zentrum zwei typische Brüsseler Kulturgüter: Jugendstil und die „Neunte Kunst“ der Bildergeschichten, die stadtweit Fassaden ziert und als Kunstrichtung hohe Anerkennung genießt. Nirgends könnte sie besser präsentiert werden als in dem lichtdurchfluteten Comic-Palast, den Horta ursprünglich für einen Textilgroßhandel schuf.

Fußläufig erreichbar ist ein weiteres ehemaliges Kaufhaus aus der Blütezeit des Jugendstils: Das Old England ist heute Teil des Musikinstrumentenmuseums (MIM). Paul Saintenoy entwarf die Konstruktion aus Stahl, Gusseisen und weiten Glasflächen für maximalen Lichteinfall.

Vergleichsweise seelenlos wirken dagegen viele Glas- und Stahlbauten im Europaviertel. Symbole der hohen Politik drängen sich zu einem zugigen Gebirge aus Verwaltungs- und Büroklötzen.

Old England: Das Jugendstil-Kaufhaus von 1900 beherbergt heute das Musikinstrumentenmuseum

Sehenswert ist aber der Sitz des Europäischen Rates, Spitzname „Space Egg“: Ein Glaskubus mit recycelten Fensterrahmen aus allen EU-Ländern umschließt ein eiförmiges Gebilde. Kostenlose Führungen bieten auch Einblicke ins Innere. Wegen seiner kreativen, nachhaltigen Bauweise wurde dieses Gebäude mehrfach ausgezeichnet.

Avantgarde erleben

Imponierend ist auch das Montagne du Parc am Hauptbahnhof. Der neue Hauptsitz der BNP Paribas Fortis ist ein preisgekrönter Star umweltschonender Architektur. Die geschwungene Gebäudehülle mit 1300 Stützsegmenten erscheint durch Fuchsit-Glimmer vielfarbig. Im krassen Kontrast dazu steht ein älteres Zentrum der Bank zehn Fußminuten weiter, auch bekannt als früherer CGER-Bau: Der Belgier Marcel Lambrichs schuf 1974 diese gigantische Ikone des Brutalismus. Das Außenskelett aus Betonfertigteilen in Form von umgedrehten „Y“ erfüllt sowohl tragende als auch ästhetische Funktionen.

Noch wilderen Retro-Charme versprüht der ehemalige Sitz der CBR-Zementwerke in Watermael-Boitsfort. Lambrichs ersann es mit seinem Brutalismus-Kollegen Constantin Brodzki. Die abgerundeten Fenster mit kupferspiegelnden Scheiben sind direkt in die Betonmodule eingelassen und verleihen dem 1970er-Bau einen futuristischen Look wie aus einem alten Science-Fiction-Film. Es schreit geradezu danach, auf Instagram gepostet zu werden. Schräg gegenüber fasziniert das runde Glaverbel-Gebäude aus Glas und Naturstein von 1967. Es reflektiert den Park, in dem es steht, und scheint mit ihm zu verschmelzen.

Brutalismus in Reinform: Ein Betonstuhl spiegelt sich in den Fenstern des CBR-Gebäudes – der frühere Zementwerk-Firmensitz aus den Siebzigern ist heute ein Coworking-Space

Ein halbstündiger Spaziergang durch den Park Bois de la Cambre führt von dort nach Ixelles zur Villa Empain, einem Glanzstück des Art déco. Der Architekt Michel Polak schuf sie Anfang der 1930er-Jahre für Baron Louis Empain mit poliertem Granit und Blattgold. Heute ist der coole Jazz-Age-Bau ein Kunstzentrum der Boghossian-Stiftung mit wechselnden Ausstellungen.

Von hier ist es nicht weit zum eingangs erwähnten Van-Buuren-Haus in Uccle, dessen Spiel der Stile sich in seiner historischen Gartenanlage fortsetzt, vom Jardin Pittoresque bis zum Labyrinth.

Visionen bestaunen

Uccle bietet auch eine Art Freilichtausstellung für modernistische Wohnhäuser aus den 1930er‑Jahren..Diese Ikonen befinden sich bis heute in Privatbesitz, sind aber von außen gut zu bewundern.. In der Avenue Coghen zeigt sich der Übergang vom klassisch-eckigen Art déco zur Ozeandampfer-Architektur mit geschwungenen Balkonen gleich an vier schönen Fassaden (Nr. 28, 40, 42, 68).

Vom Brüsseler Architekten Louis Tenaerts stammt auch das spektakuläre Maison Marit zehn Fußminuten weiter (Rue de la Seconde Reine 5). Das avantgardistische Maison de Verre von Paul Amaury Michel (Rue Jules Lejeune 69) schließlich überzeugt als funktionalistisches Glashaus der Moderne. Während die von Louis-Herman De Koninck entworfene Villa Berteaux (Avenue du Fort Jaco 59) mit Bullaugen und Dampfer-Schornstein den Paquebot-Stil auf die Spitze treibt.

Als „verrücktestes Gebäude der Welt“ feiert Brüssel allerdings das Atomium. Tatsächlich ist das moderne Symbol der Stadt trotz des Andrangs unbedingt besuchenswert. Die begehbare Skulptur eines Eisenmoleküls, 165-milliardenfach vergrößert, entstand zur Weltausstellung 1958. Bis heute färbt er ab, der Optimismus dieser Zeit. Eine Atomium-Tasse aus dem Shop ist das perfekte Mitbringsel für täglich gute Laune.

Wohnen

Welche Ästhetik darf es sein? In Brüssel finden Architekturfans verschiedene Möglichkeiten, stilvoll zu logieren. Nur fünf Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt und fast am Grand-Place verbindet das „Hotel Amigo“ in einem ehemaligen Gefängnis flämische Tradition mit modernem Design (Doppelzimmer ab 350 Euro, roccofortehotels.com). Das „Hôtel Le Berger“ in Ixelles, früher ein Stundenhotel, begeistert mit renovierten Original-Art-déco-Zimmern (Doppelzimmer ab 84 Euro, lebergerhotel.be). Und „The Hoxton“ in einem einstigen IBM-Büroturm aus den 70ern punktet mit Brutalismus und spacigem Retro-Interieur (Doppelzimmer ab 136 Euro, thehoxton.com).

Essen und Trinken

Fritten sind ein weiteres Brüsseler Kulturerbe, die gibt es an jeder Ecke. Im Jugendstilviertel Saint-Gilles macht die „Friterie de la Barrière“ seit Generationen beste Pommes. Ebenfalls typisch sind Muscheln und Garnelenkroketten – ein guter Ort, sie zu probieren, ist die Streetfood-Fischbar „Noordzee“ am Place Sainte-Catherine.

Es soll lieber gehobene Gastronomie sein? Das Spektrum reicht vom Sternerestaurant „Comme chez Soi“ am Place Rouppe, seit 1956 im „Guide Michelin“ vertreten und mit prächtigem Jugendstil-Interieur, bis zum lässigen Bistro „Le Pigeon Noir“ in Uccle, wo man belgische Lokalküche zwischen Tauben-Deko genießt. Weltberühmte Vorspeise im Ersteren ist das Ardenner Schinkenmousse „Pierre Wynants“, beliebter Klassiker im Letzteren das Schmorgericht Salmis de Pigeonneau à la Sauge (Täubchen mit Salbei).

Als Souvenir aus Brüssel bietet sich Süßes an. Zum Beispiel Chocolats fourrés von Neuhaus. Die Pralinenmanufaktur ist seit 1857 ansässig in der Galerie De La Reine – die ist zwar noch im Stil der Renaissance gestaltet, weist mit ihren lichtflutenden Dächern aus Eisen und Glas aber bereits in Richtung Jugendstil.

Das perfekte Mitbringsel für Designfans sind wiederum die feinen Pralinen des Hoflieferanten Mary, die sich auch das belgische Königspaar schmecken lässt. Das Mary-Stammhaus von 1919 in der Rue Royale und die dazugehörigen Geschenkschachteln sind stilgerecht im perfekten Art déco gestaltet.

Weitere Infos: visit.brussels

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