Bayerisch-Schwaben – Übernachten, wo andere vorbeirauschen
Barock und Bier in Oettingen
Ellwangen steht auf dem blauen Ausfahrtsschild Nummer 113, doch der eigentliche Geheimtipp fehlt: Oettingen. Keine halbe Fahrstunde weg von der Autobahn A7 Richtung Osten liegt eine ruhigere Welt – ideal für einen Zwischenstopp, für eine Pause auf dem langen Weg in den Süden.
Die Kleinstadt ist vielen zumindest namentlich bekannt dank des Oettinger-Biers aus dem Supermarktregal. Entsprechend begrüßt am ersten Kreisverkehr ein Sudkessel die Reisenden. Im Zentrum, in der Pfarr-, Leder- und Rosengasse, tragen die Häuser freundliche Farben: Vanillegelb, Rosé, Ochsenblutrot. Nach oben schwingen sich Barockgiebel gegen den blauen Himmel.
Über den Dächern klappert es, in den Gassen klimpert es: In Oettingen nisten jedes Jahr etwa 50 Storchenpaare, deren lange Schnäbel ähnlich wie Kastagnetten tackern. Das Klimpern kommt vom Anstoßen mit Biergläsern. Auf den Tellern in den Wirtshausgärten dampft Schäufele – Schweineschulter mit knuspriger Schwarte. Diese lokale Spezialität sollte man unbedingt probieren!
Für den anschließenden Verdauungsspaziergang empfiehlt sich eine Tour mit Stadtführer Karl Huber. Er kennt Gassen und Brunnen, die man allein nicht finden würde – und erklärt auch unübersehbare Landmarken wie das renovierte „Hotel Krone“: Das mächtige Fachwerkgebäude war lange dem Verfall überlassen, heute ist es ein fein renoviertes Vier-Sterne-Hotel samt denkmalgeschütztem Festsaal von 1902.
Oettingen: Barockbauten und Bierkultur lohnen einen ZwischenstoppDer Guide sprudelt an jeder Ecke weitere Anekdoten heraus: am Markt, an den Kirchen St. Jakob und St. Sebastian, an der Lateinschule, am Pilgerdenkmal für den Jakobsweg, an der Manggasse. Hier war einst die Thurn-und-Taxis’sche Poststation. Dichterfürst Goethe übernachtete dort, zurück von seiner Italienreise.
Sogar zu seinem blauen Fuhrmannshemd hat Huber eine Geschichte parat: „Das ist ein Wendehemd – auf einer Seite die weißen Nähte der Protestanten, auf der anderen die rote Naht der Katholiken.“ So wird er beiden Fürstenhäusern gerecht, die sich die Stadt früher teilten, was im Stadtbild bis heute sichtbar ist.
Die Schlossstraße war die Grenze. Die Bürgerhäuser auf der Ostseite haben geschwungene Barockgiebel. Der Teil gehörte den protestantischen und wohlhabenderen Fürsten von Oettingen-Oettingen. Auf der anderen Straßenseite stehen die schlichteren Häuser der katholischen Familie Oettingen-Spielberg, oft mit dem alten, unverputzten Fachwerk.
Eine Straßenüberquerung war hier früher quasi ein Konfessionswechsel, erklärt der Guide. Das Schloss der Oettingen-Spielbergs ist allerdings so prunkvoll, wie man sich einen katholischen Fürstensitz vorstellt: vollgestellt mit antiken Möbeln und vollgehängt mit Ölschinken.
Nach so viel Kultur und Kopfsteinpflaster ist Entspannung angesagt – an der Wörnitz, Oettingens Wasserader, mit Flussfreibad, Liegewiese und Biergarten. Idealerweise geht es nicht gleich weiter: Man bleibt am besten über Nacht, so wird die Fahrt in den Süden bereits zum Urlaub vor dem Urlaub.
Mauern und Türme in Nördlingen
„A hübsch’s Schtädtle“ – so stellt Gästeführerin Elisabeth Stempfle am nächsten Tag Nördlingen vor. 25 Kilometer von der Autobahnausfahrt 114 Aalen-Westhausen entfernt liegt die Stadt, nach der das Nördlinger Ries benannt ist. Das ist allerdings wesentlich älter als die im neunten Jahrhundert erstmals erwähnte Ortschaft: Vor etwa 15 Millionen Jahren schlug ein Meteorit ein und hinterließ einen 25-Kilometer-Krater. Längst ist daraus eine liebliche Landschaft geworden, die heute zu den Unesco-Global-Geoparks zählt.
Nördlingen fügt sich gut in die Bilderbuchlandschaft ein. Großer Pluspunkt: Die Altstadt ist nahezu lückenlos mittelalterlich erhalten. Dunkelrot gestrichenes Fachwerk, Heiligenfiguren an den Fassaden, Geranien vor den Fenstern, Schnitzereien an den Haustüren.
Mittwochs und samstags verwandelt sich die Fußgängerzone in einen lebhaften Wochenmarkt. Es duftet nach Bratwurst, die in Nördlingen Stabenwurst heißt – eine Rostbratwurst, die auf das hiesige Stabenfest (seit 1406) zurückgeht.
Nördlingen hat noch eine komplette Stadtmauer, darauf sind die Einheimischen besonders stolz. Auf dem 2,6 Kilometer langen Wehrgang hat man einen überraschend anderen Blick über Dächer, Gärten, Hinterhöfe. Weit sichtbar ist Nördlingens Wahrzeichen: der Daniel. So heißt der 90 Meter hohe Turm der St. Georgskirche.
Rathaus aus dem 13. Jahrhundert – das älteste Steinhaus der StadtMit viel Puste lassen sich die 350 Stufen des Daniels erklimmen. Oben angekommen, grüßt Horst Lenner, einer der hauptamtlichen Türmer. Von 22 bis 24 Uhr bewacht er nach alter Sitte die Stadt und ruft alle halbe Stunde so laut, dass man ihn unten in jeder Gasse hört. Tagsüber ist er Kassierer (der Eintritt kostet 4,50 Euro).
Und er beantwortet Fragen: zum Beispiel die, warum die Landschaft wie ein Suppenteller mit hohem Rand aussieht. „Das geht zurück auf den Meteoriteneinschlag“, erklärt Lenner, „das Nördlinger Ries hat den weltweit am besten erhaltenen Asteroidenkrater.“ 60.000 Besucher kommen jährlich auf den Turm.
Petra Siebert ist eine davon. Die Berlinerin ist auf dem Weg ins Große Walsertal und bei Aalen extra von der Autobahn heruntergefahren. „Ich düse seit 20 Jahren an Nördlingen vorbei. Diesmal habe ich mir vorgenommen, mir den Ort anzusehen und den Turm in Ruhe zu besteigen.“ Sehr zufrieden sei sie mit dem Abstecher – „man bekommt richtig Lust auf mehr!“
Fugger und Stadtpark in Weißenhorn
Für mehr bietet sich die Autobahnausfahrt 123 an, südlich von Ulm. Vier Kilometer über Land, schon ist Weißenhorn erreicht. Der „Eingang“ in die Altstadt ist das Untere Tor. Links und rechts stehen historische Stadt- und Geschäftshäuser Spalier. Das nächste Stadttor, das Obere Tor, ist eine Großbaustelle für das künftige FuggerStadtMuseum.
Weißenhorn darf sich „Fuggerstadt“ nennen – als eine von zweien, neben Augsburg. Jakob Fugger, der mächtigste Bankier des 16. Jahrhunderts, prägte beide Städte. Was er in Weißenhorn hinterließ, verrät die „Lauschtour“ – eine Audiotour per Smartphone durch die Altstadt.
Es geht vorbei am alten Fuggerschloss, heute Sitz der Stadtverwaltung. Fenstersimse sind mit Pinselstrichen verziert, ein Turm mit Wendeltreppe drückt sich in die Ecke. „Die Fugger wuchsen aus kleinen handwerklichen Verhältnissen empor“, erzählt das Smartphone – ihren politischen Einfluss verdankten sie dem Geld, das sie Königen und Päpsten geliehen hatten.
Gegenüber vom Schloss lockt die Barfüßer Hausbrauerei für eine Verschnaufpause. Vom Biertisch aus liegt die Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt direkt im Blickfeld. Die hausgemachten Maultaschen sind eine gute Stärkung, dann geht es weiter: An der fünfstöckigen Schranne kann man durch die Fenster schauen. Es ist das älteste Haus der Stadt, von 1356, einst Getreidelager und Markthalle. Die mittelalterliche Baustruktur ist gut zu erkennen; heute gastieren hier regelmäßig Märkte und Kunsthandwerker.
Die Lauschtour spart nicht mit akustischen Elementen: Am alten Woll- und Waaghaus klappern die Webstühle, am Stadttor knarzt eine imaginäre Zugbrücke. Und dann taucht der Prügelturm auf – rundes Kegeldach, Biberschwanzziegel wie aus einem Comic. Allerdings wurde in dem als Gefängnis genutzten Turm nicht geprügelt: „Prügel“ hieß das dreikantige Holzstück, auf dem Insassen zur Strafe sitzen mussten.
Nachdem die Fugger abgehört und die kulturellen Highlights besichtigt sind, ist Chillen angesagt. Zum Beispiel etwas außerhalb der Altstadt im „S’Eulencafé“ in einem historischen Haus, das früher als Gerberei und Tabakfabrik genutzt wurde – die Zigarren der Marke „Weiße Eule“ gaben dem Gastrobetrieb mit Biergarten seinen Namen.
Entspannt sitzt man auch im „Café Lissy“ am Altstadtrand. Bunt ist hier das Motto: Es gibt Tassen und Stühle in allen Farben, Süßigkeiten in Glaskrügen, selbstgebackene Donauwelle und Einhorn-Kaba – ein rosa Milchmixgetränk mit Erdbeergeschmack und Sahnehaube, das nicht nur Kindern schmeckt.
Chillen in einem der Cafés – etwa im kunterbunten „Café Lissy“ am AltstadtrandDanach geht es in die Schilleranlage: Weißenhorns Stadtpark ist bestückt mit alten Bäumen, Bouleplatz, Sitzbänken, Liegewiesen. Einfach dazusetzen oder hinlegen, die Ruhe genießen – und sich freuen, dass die Weiterfahrt auf der Autobahn erst am nächsten Tag ansteht.
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Alle drei Orte liegen nah an der A7 zwischen den Abfahrten Ellwangen im Norden und Weißenhorn im Süden.
Wo wohnt man gut? „Hotel Krone“ in Oettingen, Vier-Sterne-Haus im historischen Fachwerk mit Wellnessbereich, 2025 neu eröffnet, DZ/F ab 119 Euro, hotel-krone-oettingen.com. „2nd Home Hotel“ in Nördlingen, Vier-Sterne-Haus außerhalb der Stadtmauer, modernes Design, Restaurant mit eigenem Kräuter-Gemüsegarten, DZ ab 89 Euro, 2ndhomehotel.de. „Gasthaus zum Löwen“ in Weißenhorn, Drei-Sterne-Hotel mit Restaurant in der Altstadt, DZ ab 100 Euro, Apartment ab 165 Euro, der-loewen.de
Weitere Infos: bayerisch-schwaben.de/staedte-kultur
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Destinationsmarketing Bayerisch-Schwaben. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
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