Man kann sich in Rumäniens Karpaten einen Kindheitstraum erfüllen, wenn man nur auf die Toilette geht. Der Abend dämmert, als ich aus der Hütte trete. Dichter Nebel. Duft nach Kräutern. Ich bin allein auf einer Bergwiese im Făgăraș-Massiv, 1600 Meter hoch.

Da ertönt ein Schnauben neben mir. Fortziehende Dunstschleier enthüllen ein Urvieh aus der Eiszeit, das eigentlich ausgestorben war: ein europäisches Bison. Der Wisentbulle, etwa 700 Kilogramm schwer, hat aufgehört zu kauen und betrachtet mich. Ich erstarre. Das ist mehr Wildnis, als ich mir erhofft hatte.

Obwohl meine Erwartungen durchaus hoch waren. Urwälder, Wölfe, Luchse, Europas höchste Braunbärdichte: Transsilvaniens Bergwelt bildet eine der letzten echten Wildnisse in der EU. Sie ungefiltert zu erleben und dabei ihre Rettung zu fördern – nicht weniger verspricht Travel Carpathia, der junge Ökotourismusanbieter der Umweltstiftung Conservation Carpathia.

Das deutsch-österreichische Biologen-Paar Barbara und Christoph Promberger gründete sie, um in Rumäniens Mitte ein Schutzgebiet von Weltrang zu schaffen, das mit gut 250.000 Hektar Fläche achtmal größer als die Landfläche der Malediven werden soll. Das künftige „Yellowstone Europas“, schrieb die „New York Times“.

Beste Chancen auf Bären und Bisons

Natürlich kann man beide nicht vergleichen, aber tatsächlich ist die EU-Variante dem US-Nationalpark in wichtigen Punkten voraus: Die Anreise ist kurz, ohne lästige Grenzformalitäten und Jetlag. Statt den Park durchs Autofenster zu betrachten, wandert man mit einem Nature Guide direkt durch menschenleere, straßenfreie Wildnis.

Man hat dabei die besten Chancen, Bisons oder Bären zu beobachten. Denn beide sind, im Gegensatz zu ihren nordamerikanischen Verwandten, nicht angriffslustig. Was laut Studien auch an jahrhundertelanger Jagd bei engem Zusammenleben mit Menschen liegt – nur die zurückhaltenden Tiere überlebten.

Wow-Aussicht: Großes Tier vor der Panoramahütte

Positiv kommt hinzu, dass Transsilvanien – das historische Siebenbürgen, das von den Karpaten auf drei Seiten umgeben ist – eine unerwartete kulturelle Vielfalt bietet. Schon der Transfer vom Flughafen Hermannstadt (Sibiu) ist wie eine Reise in eine andere Welt und Zeit. Der Fahrer hört ungarisches Radio; er ist Ungar, wie etliche Bewohner Siebenbürgens, das einst zu Österreich-Ungarn gehörte. Die bunt getünchten Hofhäuser in den Dörfern bauten einst Siebenbürger Sachsen, eine deutschsprachige Minderheit, die inzwischen fast vollständig nach Deutschland ausgesiedelt ist.

Wir weichen Rindern auf der Straße aus. Überholen Pferdekarren. Ein Bauer melkt eine Kuh an einem steilen Hang per Hand. Frauen mit bunten Kopftüchern und langen Röcken gehen vorbei. Am Rande vieler Dörfer siedeln Roma. Abseits der Touristenorte ist auf dem Land auch Armut sichtbar. Ein weiteres Ziel der Umweltstiftung ist, neben dem Naturschutz, die Beteiligung der lokalen Bevölkerung an den Chancen, die der nachhaltige Tourismus bringt.

Mountainbiking, Wandern, Birdwatching

Ein klares Beispiel hierfür: die Cobor Biodiversity Farm im Landkreis Kronstadt (Brasov). Manager Joska, der sich wie alle hier nur mit Vornamen vorstellt, begrüßt die Besucher vor dem alten Siebenbürger Hof, der mit Liebe renoviert wurde. Für Urlaub auf dem Land mit Bogenschießen, Spielen und Exkursionen; für Familien, Mountainbiker, Wanderer, Botanikfans und Birdwatcher.

Der Frühstückstisch ist eine Offenbarung: hausgebackenes Brot. Gurken, Tomaten, Trauben aus dem Garten. Dazu Spezialitäten lokaler Bauern, die die Stiftung unterstützt: Wurst-, Schafs- und Kuhkäsesorten, Brombeer- und Hagebuttenmarmelade, Honig, Waldpilzaufstrich. Und Zacuscă, eine köstliche Paste aus gegrillter Paprika und Auberginen, raffiniert gewürzt mit Honig und Chili.

Wenig später zuckeln wir bei einer Farmtour auf Pferdekarren durch die Hügel am Fuße der Karpaten. Kornblumen, Königskerzen und Weißdorn blühen, umflattert von Schmetterlingen. So schnell war ich noch nie entschleunigt. „Dieses Gebiet haben wir mit mehreren Hundert Eichen wieder aufgeforstet“, sagt Joska und deutet voraus.

Er erzählt von verheerenden Abholzungen in Rumänien nach der Wende. „Aber unsere Enkel werden hier wieder durch große Eichenwälder gehen.“ Bis heute hat die Stiftung mehr als 4,5 Millionen Bäume gepflanzt.

Wir passieren eine Herde archaischer Rinder. Silbergraues Fell, ausladende Hörner. Transsilvanisches Grauvieh, eine historische Rasse, extrem robust, wehrhaft gegen Raubtiere, hervorragendes Fleisch, stark vor dem Pflug. Industrielle Landwirtschaft ließ dieses Steppenrind fast aussterben. Auf der Cobor-Farm wird es vermehrt, zur Landschaftspflege und für exzellentes Gulasch, das man sonst nirgendwo bekommt. Eine weitere Attraktion sind Wanderungen mit speziellen Karpaten-Hirtenhunden, die hier ebenfalls gezüchtet werden. Fertig ausgebildet gehen sie kostenlos an Schäfer, um deren Herden vor Bären, Luchsen und Wölfen zu schützen.

Wanderungen nur mit zertifiziertem Guide

Bären sind ein heißes Thema. In Rumänien leben rund 60 Prozent des europäischen Bestands außerhalb von Russland, etwa 8000 Tiere. Biologen sehen sie als unverzichtbare Akteure für eine intakte Natur. Teile der Bevölkerung fürchten sie. Touristen kommen gezielt ihretwegen. Traurige Berühmtheit erlangten die „Bettel-Bären“ an der Hochstraße Transfăgărășan.

Durch jahrelanges Füttern, was verboten ist, lernten sie, ihre Menschenscheu zu unterdrücken. 2025 starb ein Motorradtourist, als er abstieg und für Selfies Bärenjunge aus seiner Hand fressen ließ. Ihre Mutter verlor die Nerven und griff an.

Denn von Natur aus fürchten und meiden die wilden Bären der Karpaten Menschen. Im Gegensatz zu den Grizzlys im Yellowstone-Nationalpark, wo man sogar auf Deodorant verzichten soll, weil dieser Duft sie anlockt. Europäische Braunbären hingegen sind fluchtorientiert. Was nicht heißt, dass sie nicht gefährlich werden können. Deshalb – und um die Wildnis zu genießen, statt sich in ihr zu verirren – sollte man mit einem zertifizierten Guide auf Wandertour gehen.

„Wir haben immer Bärenspray dabei“, sagt Radu von Travel Carpathia. „Allerdings hat es bisher keiner gebraucht. Wir verhalten uns eben so, dass die Bären sich verziehen, bevor wir sie bemerken.“ Mit Glück könnten wir einen durchs Fenster der Berghütte sehen, in der wir übernachten werden.

Zerkratzte Bäume, Kothaufen, Prankenabdrücke

Wem das zu unsicher ist, der bucht die Bärentour der Eco-Lodge „Equus Silvania“. Die komfortable Unterkunft mit Reiterhof liegt nahe des Stramba-Tals, wo die lokale Forstbehörde eine Beobachtungsstation für Touristen eingerichtet hat. Durch heimliches Auslegen von Nahrung – strikt ohne Menschenkontakt – besuchen wilde Bären dort regelmäßig eine Lichtung.

Auch wegen seiner unberührten Urwälder ist das Tal einen Besuch wert. Bei einer Wanderung erklärt Radus Kollegin Elena die Pflanzen, Pilze – und die überall sichtbaren „Visitenkarten“ der Bären: zerkratzte Bäume als Reviermarkierung, Kothaufen, Prankenabdrücke und Holzbrocken, die sie aus morschen Stämmen reißen, um verborgene Insekten zu fressen. Wir begegnen keinem Menschen außer einer Professorin mit einer Gruppe Wissenschaftler, die uns auf Deutsch ihre Forschungen erklärt.

Nur einen Katzensprung entfernt: Bären in freier Wildbahn

Am Treffpunkt für die Bärentour wartet ein Ranger mit einem Gewehr, das aber nicht gebraucht wird, sondern an seiner Schulter hängen bleibt. Er führt uns an einem Bach entlang, wir sollen schweigen. Die Hütte steht auf Stelzen, eine Leiter führt hinauf. Lautlos warten wir. Blicken 20 Minuten auf die leere Lichtung. Plötzlich: Eine Bärin erscheint! Mit zwei Jungen!

Zwei Jahre sind die alt, hören wir später, und damit nahezu selbstständig. Aber sie benehmen sich wie Kinder, klettern auf Stämme, spielen und purzeln herum, teils nur zehn Meter von uns entfernt.

Der Braunbär: In Rumänien leben rund 8000 Tiere

Eine halbe Stunde lang beobachten wir sie entzückt. Bis sie weiterziehen und der Ranger uns zurückführt. „So nahe kommen wir den Bären nimmer!“, freut sich ein Paar aus Nürnberg aus der Gästegruppe, die heute vier Köpfe zählt. Bis nach Kanada seien sie gereist, um Bären zu beobachten. „Aber sie waren sehr weit weg.“ Beim Abendessen im „Equus Silvania“ zeigen wir einander die Bärenfotos.

Dann geht es mit Radu in die Berge. Zu rustikalen Hütten ohne Internet, fließendes Wasser und Elektrizität, dafür mit Pfadfinderromantik und wahnsinniger Aussicht. Gute Wanderstiefel sind ein Muss, in den Rucksäcken tragen wir Gepäck für zwei Nächte, Regen- und Daunenjacken. Die Pfade sind steil und einsam. Anders als in den Alpen oder Yellowstone wird uns in den nächsten Tagen kein einziger Tourist begegnen.

Auf Anweisung Lärm machen

Dafür begleiten Bären- und Wisentspuren unsere Wanderung hoch zu den „Comisu“-Wildnishütten. Zehn Kilometer und rund 500 Höhenmeter geht es zumeist durch dichten Wald. Auf gut 1400 Metern lösen Nadelbäume die Buchen ab. Wir streifen durch Blau-, Brom- und Himbeergebüsch, finden wilde Früchte, sind besonders laut, auf Weisung des Guides: „Bären lieben Beeren. Im Naschrausch könnten wir sie erschrecken, so können Unfälle passieren.“

Pause auf einem Gebirgsplateau mit grandiosem Panorama. Der Kronstädter erzählt, dass er nach 13 Jahren auf Kreuzfahrtschiffen glücklich ist, in seiner Heimat arbeiten zu können. „Nichts ist schöner als unsere Berge.“

Rustikales Landleben: Für die Öfen in den „Comisu“-Wildnishütten hackt der Guide Holz

Die aber hüllen sich in Nebel, als wir die Unterkunft erreichen, eine ausgebaute Schäferhütte auf 1600 Metern Höhe mit Küche, Stockbetten und einem Doppelzimmer. Radu wird zum Wirt, feuert den Holzofen an, zaubert bäuerliche Leckereien auf den Tisch, darunter saftiges Olivenbrot und Brânză de burduf, ein würziger Siebenbürger Schafskäse, gereift in Tannenrinde. Natürlich alles von lokalen Produzenten. Später kocht er ein Gericht mit Steinpilzen, die er unterwegs gesammelt hat.

Rechtzeitig zur Dämmerung geht es in die Beobachtungshütte mit Panoramafenstern. Sie liegt 70 Meter weiter und 35 Meter höher. „Mein Lieblingsort. Auch wenn sich keine Tiere blicken lassen“, sagt der Guide. Er schwärmt von der Aussicht auf die Gipfel.

Auge in Auge mit Europas seltenstem Großwild

Heute aber ist es, als ob wir in den Wolken säßen: Weiße Schwaden wabern, bilden sich ständig neu. Es hat etwas Hypnotisches, Überweltliches, Meditatives. Wir trinken Tee und geben uns der Stimmung hin. Bis ich auf dem Weg zum Außenklo die eingangs erwähnte Begegnung meines Lebens habe. Mit dem Wisent im Nebel.

Auge in Auge mit Europas seltenstem Großwild – das ist gefühlt wie ein Rendezvous mit einem Einhorn. Vor 100 Jahren wurde das letzte Wisent in der Natur erschossen. Nur zwölf der Überlebenden in Zoos taugten für die Nachzucht. Doch Schutzprogramme wirkten Wunder: Heute gibt es fast 10.000 frei lebende Tiere. Die meisten in Polen, wo sie bereits 1952 ausgewildert wurden.

Die europäischen Exemplare sind größtenteils scheu und praktisch unsichtbar. Anders als amerikanische Bisons, die gar nicht schüchtern und so gefährlich sind, dass Yellowstone einen Abstand von mindestens 25 Yards (23 Metern) vorschreibt.

Der Gigant, der hier nur wenige Wisentlängen vor mir steht, bleibt hingegen cool. Senkt den Kopf, grast unbeirrt weiter. Seine massige Gestalt lässt die gebogenen Hörner winzig wirken. Ich höre das Rupfen und Mahlen seiner Zähne. Sehe die Atemwolken in der kalten Höhenluft. Bleibe regungslos. Er scheint mich zu vergessen. Kommt mampfend immer näher. Ich frage mich herzklopfend, ob die Tiere wirklich friedlich sind. Sicherheitshalber gehe ich lieber einen Schritt zurück. Das Urvieh macht es mir nach und trottet fort.

Der Fährmann erzählt von badenden Bären

Später sehen wir den Wisent wieder. „Die Bullen sind allein unterwegs, die Weibchen in Herden“, sagt Radu. Gut 100 Wisente gibt es inzwischen im Făgăraș-Massiv, wo Conservation Carpathia 2020 ein Auswilderungsprojekt begann. Wir wandern bergab, durch dichte Wildnis. Überqueren auf 1117 Metern Höhe den Pecineagu-Stausee. Der Fährmann erzählt von badenden Bären.

Ziel ist das Wildniscamp „Poiana Tămaș“ auf 1420 Metern. Die Zelte auf der Bergwiese, jedes mit zwei Betten und Daunendecken, sind von einem Elektrozaun umgeben. „Damit die Wisente sich nicht an den Zelten schubbern“, sagt der Guide und deutet auf plattgelegene Vegetation direkt vor dem Zaun.

Der Nebel ist inzwischen verschwunden. Und gibt eine spektakuläre Aussicht frei auf die Kalksteinwand des Piatra Craiului (Königsstein) sowie auf die gut 2300 Meter hohen Gipfel Păpușa (Puppe) und Bătrâna (Alte Dame). Radu prüft die Wildtier-Kamerafalle am Weg zum Camp und zeigt uns die besten Treffer: Bären, Wisente, Füchse, Wildschweine, eine europäische Wildkatze.

Abenteuer Wildnis: Zelten auf 1400 Meter Höhe

Forschungen der Stiftung erfassten 67 Luchse und eine Wolfsdichte von zwei Tieren pro 100 Quadratmetern. Erstmals seit 70 Jahren schweben auch wieder Gänsegeier über das Gebirge, das jüngste Auswilderungsprojekt. Urtümliche Laute lassen uns erschauern: das Röhren von Rothirschen.

Nach einer Dusche mit Ausblick – Radu hat dafür Wasser auf dem Feuer erhitzt und in die Behälter der Freiluftkabinen gefüllt – sitzen wir in einem früheren Schafstall am lodernden Feuer. Ein eigens angereister Koch serviert regionale Gerichte. Darunter Schweinebraten, Auberginensalat, Bohnen, Risotto, gebratener Schafskäse, alles von lokalen Bauern und Hirten. Dazu tolle rumänische Weine und Tuica, einen kräftigen Pflaumenbrand. Überflüssig zu erwähnen, dass es so etwas nicht in Yellowstone gibt.

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? Nach Hermannstadt (Sibiu) mit Austrian Airlines via Wien oder mit Wizz Air ab Memmingen, Dortmund, Nürnberg oder Karlsruhe/Baden-Baden. Den Transfer in die Wildnis übernimmt der Reiseanbieter.

Karpaten-Reisen: Travel Carpathia bietet individuelle und Kleinstgruppenreisen mit spezialisierten Guides an, etwa eine siebentägige Wildlife-Tour, ab 2185 Euro pro Person ohne Flüge. Alle Gewinne fließen in das Naturschutzprojekt der Mutterstiftung (travelcarpathia.com/de). Bei Wikinger Reisen gibt es eine zwölftägige Gruppentrekkingreise durch die Karpaten, ab 2185 Euro inklusive Flüge ab Deutschland (wikinger-reisen.de).

Weitere Infos: romania.travel/en

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Travel Carpathia. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit

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