Rom ist der erste Programmpunkt dieser Reise – herrlich, aber anstrengend. Denn natürlich läuft man sich die Füße platt zwischen Kolosseum, Pantheon und Petersplatz. Doch die Erschöpfung ist nur von kurzer Dauer, pünktlich wird man in der Hotellobby abgeholt: „Signora, Ihr Fahrer ist da.“ Nun beginnt der entspannte Teil der Tour: In der Limousine geht es zum Bahnhof Ostiense, wo der „Orient Express La Dolce Vita“ wartet für eine dreitägige Kurzreise durch Süditalien. Zweimal wird im Luxuszug übernachtet, Landausflüge führen nach Matera und Pescocostanzo.

Am Bahnhof wartet bereits das Personal, das Gepäck wird direkt ins Abteil gebracht, kein Schleppen mehr. Die mühseligen Seiten einer Zugfahrt entfallen bei dieser Kreuzfahrt auf Schienen – überall helfende Hände, an alles ist gedacht. Fahrer bringen weitere Gäste. Die lassen sich auf den Polstern der vom römischen Architekten Hugo Toro entworfenen La Dolce Vita Lounge nieder.

Ob man ein Glas Bollicine möchte, fragt ein Kellner im Anzug, einen italienischen Schaumwein? Aber sicher doch. Dazu gibt es Stuzzichini, kleine Leckereien, eine Band spielt dezenten Barjazz.

Man wäre nun so weit, verkündet dezent eine Gästebegleiterin, die hier Conductor heißt. Das Personal steht aufgereiht bereit: Köche mit weißen Mützen, Barkeeper mit weißem Hemd und schwarzen Ärmelhaltern, dazu die Band. Im Zimmer – pardon: im Abteil – wartet eine Flasche eisgekühlter Bellavista, dazu ein Schälchen frischer Beeren. Das Bett ist bezogen mit Damast von Rivolta Carmignani, die seit 150 Jahren nahe Mailand Wäsche weben. Das Bad glänzt mit weißen Mini-Fliesen an der Wand, Portoro-Marmor, altmodischen Armaturen und einer überraschend großen Dusche.

Sieben-Gänge-Menü zum Auftakt

Beim Dinner wird die Soloreisende zu einem Ehepaar aus Arizona an den Tisch gesetzt, das sogleich erfreut einen Small Talk beginnt. Er ist Literaturprofessor, sie Architektin; beide sind gerade für zehn Tage auf eigene Faust durch Italien getourt. Eine gute Reihenfolge, denn nach der betreuten Luxusreise wäre es wohl schwer, sich wieder ans selbstständige Reisen und Koffertragen zu gewöhnen. Es ist ihre erste Schienenkreuzfahrt, sie freuen sich auf das Erlebnis, finden Italien wunderbar und sind „sehr froh, dass uns die Europäer nicht hassen wegen Trump“.

Großen Anklang findet das Sieben-Gänge-Menü des ersten Abends. Kalbschwanztörtchen mit einer Creme aus schwarzen Johannisbeeren, Spinatschwämmchen mit Mandeln, Rindstartar mit geröstetem Pfeffer, Makrele mit Aubergine, Langustine mit gebratenen Zucchini, geräucherter Buttermilchsauce und Kefir-Limette, Gnocchetti Cacio e Pepe, glasiertes Lamm mit Tomaten-Variationen, Schokoladen-Passion, und wenn noch ein Eckchen im Magen frei sein sollte: Petits fours.

Auf den Tischen stehen verlockende silberne Salzstreuer und Pfeffermühlen. Der Kellner erzählt, einmal habe ihm eine Frau abends an der Bar ein Set zurückgebracht und augenrollend eingeräumt, dass ihr Mann es gemopst habe. Nach dieser Anekdote kommt auf dieser Reise kein Gewürz-Set abhanden.

Im Salonwagen klingt der Abend aus, am Piano bietet ein Trio italienische Gassenhauer und Jazz. Im Abteil liegen handschriftliche Kärtchen mit dem Programm des nächsten Tages aus sowie weitere Informationen, alles auf hochwertigem Papier.

„Orient Express“ ist nur der Name

Bei der nächtlichen Lektüre fällt auf: Der Zug steht! Der Grund ist einfach – Italien ist zu klein, um die Nächte durchzufahren. Daher macht der Zug nördlich von Neapel Station. Also kein Ratter-Ratter-Dadang-Dadang, das einen in den Schlaf wiegt, stattdessen: angenehme Stille.

Trotz der Bezeichnung „Orient Express“ hat dieser Schienenkreuzer wenig mit dem historischen Klassiker zu tun. Vielmehr feiert der Hotelriese Accor, der sich die Rechte an dem Namen gesichert hat, mit diesem Zug „La Dolce Vita“, also die gute alte Zeit der 1950er bis 1970er Jahre.

Die Waggons sind gut 50 Jahre alt, sie rollten ursprünglich als Eurocity durch Italien. Sie wurden aufwendig umgebaut und unplüschig ausgestattet vom Mailänder Dimorestudio, mit edlen Einbauten und schimmernden Mid-Century-Leuchten. Es gibt Suiten, Luxuskabinen und die noch größere „La Dolce Vita“-Suite. Im Restaurantwagen speist man auf Porzellan aus der fast 300 Jahre alten italienischen Manufaktur Ginori 1735. Der Zug bietet eine bemerkenswerte Grandezza, ganz ohne Prunk.

Einst als Eurocity unterwegs: Der Zug besteht aus aufwendig renovierten WaggonsGrandezza ohne Prunk: Suite im „Orient Express La Dolce Vita“

Cornetto und Cappuccino zum Frühstück werden auf Wunsch im Abteil serviert. Pinien und Olivenhaine ziehen an den großen Fenstern vorbei, denn schon seit dem frühen Morgen rollt der Zug wieder. Dass die Ankunft in Bari mit einer Dreiviertelstunde Verspätung erfolgt, spielt keine Rolle. Die Gäste sind in einem eigenen Kosmos unterwegs. Am Bahnhof warten acht Minivans auf sie, um sie nach einer raschen Stadtrundfahrt durch Bari nach Matera zu bringen, einer uralten Höhlenstadt in der Basilikata.

Als sie auf die Piazza treten, marschiert gerade eine neunköpfige Brassband vorbei und fängt an, laut und fröhlich zu spielen. Das ist ja mal ein Zufall, denkt man. Doch der Auftritt ist gar keine Fügung des Schicksals: Die einheimische Musiktruppe wurde eigens angeheuert, um für die Passagiere aufzuspielen. Immerhin freuen sich auch alle Umstehenden darüber.

In Matera werden die Besucher in Kleingruppen herumgeführt. Sie erwartet eine unterirdische Kirche und eine Museumswohnung in den Sassi, wie die uralten Siedlungen, die zum Teil in den Fels gehauen wurden, genannt werden. In der Nachkriegszeit galten sie als nationale Schande, die Bewohner wurden in Neubauten umgesiedelt, aber manche kehrten zurück – und 1993 nahm die Unesco die inzwischen renovierten Sassi in die Liste des Weltkulturerbes auf.

Staunen auch beim Mittagessen im „Vitantonio Lombardo“, einem Michelin-Restaurant seit sieben Jahren in Folge. Serviert werden Stockfisch, Pasta Mare e Monti, Milchferkel und eine Nachspeise, für die eine goldgesprenkelte Schokokugel mit dem Hammer zerstört wird, um noch mehr Schokolade zu enthüllen.

Eine Rentnerin aus Los Angeles schaut einigermaßen fassungslos zu. Sie habe es ja nicht so mit Luxus. Diese Reise zusammen mit ihrer Tochter war ein Geschenk des Schwiegersohns. Aber schön sei es doch, sich mal verwöhnen zu lassen. Die Architektin aus Arizona winkt den Kellner herbei. Mehr Weißwein! Mehr Rotwein!

Menu von deutschem Sternekoch

Derweil klingen im Barwagen die Riedel-Gläser. Fünf Cocktails hat die Crew im Angebot, dazu Chips, in Trüffelöl frittiert. Derweil wird in der Miniküche auf Hochtouren gearbeitet. Chefkoch Lorenzo Giorgi hat bei Heinz Beck in Rom gelernt, von dem deutschen Drei-Sterne-Koch stammt auch das Menü dieser Reise.

Musikalische Unterhaltung am Tage: Brassband auf der Piazza in MateraMusikalische Unterhaltung am Abend: italienische Gassenhauer im Zug

„Wir bereiten alles in einer Werkstattküche vor, an Bord wird verfeinert“, sagt Giorgi. Wenn Gäste lieber chinesische Küche möchten, sei auch das möglich. Zu den Herausforderungen unterwegs zähle, dass die Pasta in den Kurven aus dem Topf hüpfe. Gekocht wird nicht mit normalem Kochwasser, sondern mit Mineralwasser aus Fiuggi im Latium. Fünf Köche werkeln an Bord, insgesamt umfasst das Personal 25 Mitarbeiter – bei 40 Gästen.

Etwa 80 Flaschen Wein sind an Bord. Zu jedem Gang wird eine Weinbegleitung serviert, die ist im Preis inbegriffen. Sechs Franzosen haben gerade die dritte Flasche zusätzlich bestellt. „1600 Euro extra“, flüstert der amerikanische Literaturprofessor, denn allein der Barbaresco von Gaja kostet 500 Euro.

Am dritten Reisetag stoppt der Zug in der malerischen Stadt Sulmona, dem Geburtsort Ovids. Hier wartet ein weiteres Juwel auf Schienen: Der Museumszug „The Trans-Siberian of Italy“ fährt die Gäste hinauf in die Bergwelt der Abruzzen. Dort zählt Pescocostanzo mit seinen Renaissance-Palästen zu Italiens schönsten Dörfern. Bei reichlich Zeit fürs eigene Erkunden können sich die Gäste davon überzeugen.

Zurück im „Orient Express“ beim Abschiedsdrink sagt eine Irin: „Also, meine einzige Beschwerde ist, dass es keinen Champagner an Bord gibt! Können Sie sich das vorstellen? Kein Champagner!“ Auf den zarten Einwand, dass die Karte ausschließlich italienische Weine umfasse, sagt sie trotzig: „Prosecco schmeckt mir aber nicht.“ Ein Kellner eilt herbei: „Vielleicht einen Bellavista? Methode Champenoise.“ Wird akzeptiert.

Noch einmal ins Abteil, die Conductorin wartet schon – ob sie das Gepäck in Empfang nehmen dürfe? Sie darf. Die Koffer werden zum Taxitransfer gebracht. Es wartet noch ein wunderbarer Moment am Schluss der Reise, die Fahrt im Abendrot in Richtung Rom. „Signora, darf es noch etwas sein?“, fragt der Kellner. Grazie, für diesen Moment keine weiteren Wünsche. Die Schirmpinien, die Weinstöcke, die rosafarbenen Wolken sind Luxus genug.

Besondere Zugreisen in Italien

Die beschriebene Reise im „Orient Express La Dolce Vita“ von Rom nach Matera ist buchbar bei Lernidee Erlebnisreisen, ab 7440 Euro pro Person, inklusive Ausflügen, zwei Nächten im Zug und Verpflegung (lernidee.de). Eine zweitägige Pauschalreise von Rom über Siena nach Venedig im selben Luxuszug gibt es bei Ameropa ab 3500 Euro pro Person (ameropa.de). Fahrten mit liebevoll restaurierten historischen Originalzügen bietet die italienische Bahnstiftung Fondazione FS, etwa mit dem ikonischen „Harlekin“ („Arlecchino“) von Mailand nach Verona, ab 19 Euro (Fahrpläne auf fondazionefs.it, Tickets via trenitalia.com unter „Treno storico“).

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Lernidee Erlebnisreisen. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit.

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