Eingerissen, ausgebreitet, besser als das Handy – ein Lob der Landkarte
Noch immer reise ich am liebsten mit Papier, also mit Landkarte und Reiseführer. Unter den zahlreichen Optionen entscheide ich mich meist für dieselbe Reihe – weil jenen Büchern stets eine ausfaltbare Karte der jeweiligen Region oder Stadt beiliegt, die ich auf der anschließenden Reise dann bis zur totalen Abnutzung gebrauche.
Sämtliche Exemplare sind irgendwann vor lauter Eintragungen kaum noch entzifferbar und an ihren Falzungen überall eingerissen – doch so erhalten sie Charakter, wie eine abgewetzte Ledertasche oder ein bestoßener Rimowa-Koffer.
Im Zeitalter von Karten-Apps mag dies altmodisch und romantisierend wirken, und unterwegs ist eine großformatige Landkarte aus Papier eher unpraktisch. Trotzdem halte ich an meinem Faible fest.
Seinen Ursprung hat es in meiner Jugend, als ich mit meinem Vater an den Wochenenden die Benelux-Länder bereiste, um dort Fußballspiele zu besuchen – und ein an der Raststätte erworbenes Ringbuch mit Umgebungs- und Stadtplänen unverzichtbar wurde, weil wir kein Navigationssystem hatten und es noch kein mobiles Internet gab. Wo die Karten versagten, fragten wir uns durch. Bei Abendpartien wies zuweilen der vom Flutlicht erleuchtete Nachthimmel den Weg.
Heute stellt sich die Frage, welchen Wert physische Karten noch haben. Da wäre die Orientierung. Wie nichts anderes vermittelt eine gedruckte Karte einen ersten Eindruck von bisher unbekannten Gegenden.
Zwar eignet sie sich nur für eine grobe Planung, doch lässt sich eine Reise so besser begreifen als auf jedem Bildschirm: Sie kann anschaulicher in Abschnitte unterteilt werden, markierte Fixpunkte erscheinen übersichtlicher, Grenzen, Topografien und Dimensionen sind leichter fassbar. Auch mit Stadtplänen lässt sich ein erstes Gefühl für Richtungen und Wege gewinnen, sodass man sich an einem fremden Ort nach kurzer Zeit ohne Hilfe zurechtfindet – welch erhabenes Gefühl!
Um eine Idee von einer Destination zu bekommen, ziehe ich mitunter sogar meinen alten Weltatlas von Diercke aus dem Regal: vierte Auflage von 1996, nur natürlich nicht für eine Tour auf den Balkan, wo die Grenzen längst anders verlaufen.
Dazu kommt die Nostalgie. Gerade der ersten Planung einer Reise wohnt ein Zauber inne, und ebenso magisch ist für mich das Nachzeichnen der absolvierten Strecken nach einem Trip. Aufgehängt an der Wand werden Karten zum Zierobjekt, genau wie antiquarische Stücke, zeitlos und gespickt mit Erinnerungen, die spätestens wieder hochkommen, wenn man darauf mit dem Finger einen Weg nachfährt – ganz zu schweigen von der Haptik, wenn man eine Karte ausbreitet.
Oldschool unterwegs: mit Kompass, Karte und LederstiefelnUnd am Ende wäre da der Nutzwert. Nicht nur findet man immer häufiger Spezialkarten mit Wander-, Rad- oder Weinrouten (wobei das entschleunigt Analoge auf diesen ohnehin Programm ist), allerorten sind auch normale Landkarten immer noch erhältlich.
Man findet darin keine Geschäfte, häufig nicht einmal den schnellsten Weg. Aber wo die Netzabdeckung endet, es kein Gratis-Roaming gibt oder der Akku aufgibt, dort haben Karten auch heute einen Sinn – solange man sie noch lesen kann.
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