An einem sonnigen Sommertag kann es einem in Trier passieren, dass man meint, sich plötzlich auf einer römischen Wandmalerei wiederzufinden. Auf einem weiß gedeckten Tisch, zwischen Weintrauben und Datteln, funkelt eine Glaskaraffe, randvoll mit einem duftenden Getränk namens Mulsum, einem Gewürzwein. Dazu gibt es Moretum, eine Art Käse-Pesto, auf frisch gebackenem Brot. Im Hintergrund erheben sich die Arkaden der Kaiserthermen vor dem blauen Himmel.

Thomas Martin, Leiter der Trierer Römerbauten und stellvertretender Chef des Zentrums der Antike, hat das Mulsum und das Moretum nach alten römischen Rezepten zubereitet: Fürs Getränk mischte er ein Kilo Honig mit vier Litern Weißwein und gab etliche deftige Gewürze wie Lorbeer und Pfeffer hinzu. Rote Safranfäden haben dem Gebräu eine tiefgoldene Farbe und vielschichtige Aromen verliehen. Fürs Moretum zerdrückte Martin in einem Ton-Mörser nach römischer Bauart Walnüsse, Weinraute und vor allem: viel frischen Knoblauch.

Wer keine Geschmacksexperimente scheut und solche Köstlichkeiten unter Anleitung einmal selbst zubereiten will, kann sich in diesem Sommer in der römischsten Stadt Deutschlands vor erhabener Kulisse zu Nachfolgern der antiken Gourmets Lucullus und Apicius weiterbilden. Denn Trier feiert gerade 40 Jahre Welterbe.

Älteste römische Stadt auf deutschem Boden

Mit seinem reichen römischen Erbe weiß sich die viertgrößte Stadt in Rheinland-Pfalz schon bei einem Kurztrip wirkungsvoll in Szene zu setzen: „Römische Wochenenden im Welterbe Trier“ heißt zum Beispiel die Veranstaltungsreihe, in der in den Kaiserthermen die römische Reiterei vorgestellt wird. Anfang August ist die Küche dran, bevor Anfang September die Finessen und Gebräuche des Militärs im Mittelpunkt stehen.

Trier gilt als älteste kontinuierlich bestehende römische Stadt auf deutschem Boden. Einige der größten römischen Baudenkmäler nördlich der Alpen sind hier erhalten, die Römerbrücke ist seit rund 1900 Jahren in Betrieb. Teils abenteuerliche Umstände verhinderten die Zerstörung. Wie bei der Porta Nigra, dem Wahrzeichen der Stadt: Das einstige Stadttor verschwand im 11. Jahrhundert vorübergehend in einer Doppelkirche, die Napoleon erst 1804 zurückbauen ließ.

Kaum eine andere deutsche Stadt vereint so viele Unesco-Welterbestätten auf engem Raum wie Trier: Gleich sieben römische und zwei mittelalterliche Kulturdenkmäler wurden 1986 in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen, neben der Porta Nigra das Amphitheater, die Kaiser- und die Barbarathermen, die Konstantinbasilika, die Römerbrücke sowie die Igeler Säule im benachbarten Örtchen Igel. Außerdem kamen der Dom St. Peter und die Liebfrauenkirche auf die Liste.

Show nach Römer-Art: Reiterspiele mit Lanzen im antiken Amphitheater

Zu verdanken ist dieses reiche Erbe der perfekten Lage. In einem geschützten Tal, am Knotenpunkt zwischen Gallien und Germanien und mit der Mosel an den Rhein angebunden, herrschte ein für Landwirtschaft und Weinanbau optimales Klima. Als die Römer die Stadt 18 oder 17 v. Chr. gründeten, nannten sie den neuen Ort zunächst Augusta Treverorum, also eine Stadt des Kaisers Augustus.

Man gewöhnte sich an Wein und Thermen

Benannt war sie zudem nach den Treverern, dem in der Region bereits ansässigen Keltenstamm. Friedlich ging die römische Machtübernahme nicht vonstatten, aber die Einheimischen fanden nach und nach Gefallen am römischen Leben. Wer überleben oder sogar Karriere machen wollte, lernte Latein und wurde kulturell Römer; ethnische Zugehörigkeiten interessierten wenig.

Man gewöhnte sich gern an Wein, Thermen und Infrastruktur; die Römer wiederum wussten lokale Bräuche in ihre zu integrieren. Treveris, wie der Ort bald hieß, erblühte und wurde 293 Residenz- und damit Weltstadt: Von hier aus wurde in der Spätantike der gesamte Nordwesten des Römischen Reichs regiert.

An einem einzigen Tag sind alle antiken Stätten kaum zu schaffen. Gegen die Sorge, etwas zu verpassen, hilft: schlendern und schmecken.

Muße gilt bereits für die Anfahrt mit dem Zug. Trier, in der Antike über Mosel und Rhein an die großen Zentren angebunden, verlor mit dem Ende der römischen Ordnung seine Rolle als infrastruktureller Knotenpunkt Europas. Die Stadt liegt heute trotz ihrer kulturellen Bedeutung abseits der später gewachsenen Bahnmagistralen. Die Anreise aus Berlin oder Nürnberg ist fast ein Tagesprojekt, dafür aber ein landschaftlicher Genuss. Es geht vorbei an laubbewaldeten Hügeln, Weinbergen und glitzernden Flüssen.

Porta Nigra: Erhalt der Patina

In Trier sind dann alle Wege kurz. Nicht weit vom Bahnhof sieht man schon die Porta Nigra. Bis 2027 ist sie wegen Sanierungsarbeiten teils eingerüstet, aber zugänglich. Blitzblank soll der ursprünglich helle Sandstein nicht abgeschmirgelt werden, schließlich sorgten Ruß und Verwitterung schon vor Jahrhunderten für den Namen „Porta Nigra“, also „Schwarzes Tor“. So soll es auch bleiben. Jedoch haben Verschlimmbesserungen der vergangenen Jahrzehnte der Substanz geschadet. So gilt es nun, steinzersetzende Zementfugenmasse mit viel Feingefühl zu beseitigen und zugleich die alte Patina zu erhalten.

Gästeführung mit Guide in römischer Kluft in der Porta Nigra

Lässt man die Porta Nigra rechts liegen, landet man auf dem mittelalterlichen Hauptmarkt. In der Abendsonne stehen Menschen in Grüppchen, ein Glas Weißwein in der Hand – keineswegs nur Touristen. Die Einheimischen geben gern kleine Einführungen zu Rebsorten wie dem eleganten Elbling, einem alten römischen Gewächs.

Plinius der Ältere berichtet von einem Mann, der mehr als hundert Jahre alt war. Auf die Frage, wie er sein hohes Alter erreicht habe, antwortete der muntere Greis: „Innen mit Mulsum, außen mit Öl“. Mulsum, der Gewürzwein, wird auch heute in Trier überall angeboten, bei Führungen als Aperitif.

Auch Einölen war gängige Praxis vor jedem Badbesuch – und gebadet wurde in Trier ausgiebig. Die Barbarathermen sind die Anlage mit der größten Grundfläche, die die Römer je nördlich der Alpen errichteten. Die Kaiserthermen hingegen wurden nie vollendet, weil Bauherr Kaiser Konstantin dann doch lieber Konstantinopel gründete.

Ruinen in Trier: die Reste der Barbarathermen aus dem 2. Jahrhundert nach Christus

Bei einer Führung durch die unterirdischen Gänge erklärt Karl-Uwe Mahler, Leiter der Stabsstelle Römerbauten, dass in solchen Kellergängen die Diener hin und her flitzten, um Heizmaterial fürs warme Wasser heranzuschaffen. Ihre Plackerei wollte man nämlich nicht sehen, während man sein Bad oder eine Massage genoss.

„Stellvertreter des Weins“ als Kulturerbe

Thermen waren nicht nur Wellness-Orte und solche der Hygiene, sondern auch soziale Orte, etwa der Kommunikation. In den fensterlosen, von Dampf erfüllten Räumen muss es recht laut zugegangen sein. Für geräuschempfindliche Naturen eine Herausforderung.

Der Philosoph Seneca, der direkt über einem solchen Bad wohnte, beklagt in einem Brief „alle die verschiedenen Töne“, „die einen dazu bringen können, dass man seinen eigenen Ohren grollt“. Besonders das Kreischen beim Epilieren und das Klatschen der Hand des Masseurs kosteten ihn den letzten Nerv. Und erst der „Singsang der Badenden, die sich mit ihrer Stimme gefallen!“ Heute wird eher leise geschwitzt: Das „Bad an den Kaiserthermen“ ist eine moderne Wellness-Oase – inklusive eines großen Saunagartens.

Ein immaterielles Kulturerbe ist, seit 2024, der römische Viez. Der Überlieferung nach tauften Soldaten den Apfelwein „vice vinum“, das bedeutet übersetzt „Stellvertreter des Weins“, da er für sie der Ersatz für den heimischen Traubenwein war. Man kann ihn zum Beispiel im Restaurant „New Mintons“ kennenlernen. Sein Aroma changiert zwischen mildem Schankbier und Cidre, gekrönt von einer Champagnernote.

Die Bedienung freut sich aufrichtig über die Verkostungspremiere. Überhaupt ist der Lokalpatriotismus, dem man hier begegnet, fröhlich und aufgeschlossen. Das blieb auch Goethe nicht verborgen. Von der Igeler Säule im nahen Dorf Igel – dem einzigen seit der Antike an seinem Originalstandort oberirdisch erhaltenen römischen Grabmal nördlich der Alpen – ließ er sich sogar eine Kopie anfertigen.

Mit Helm und Gesichtsmaske: ein Reiter der römischen Kavallerie beim Römerfestival „Brot und Spiele“ in Trier

In Trier, schrieb der Geheimrat 1792, habe er „die Macht des Altertums nie so gefühlt“ wie „an diesem Kontrast“: ein Monument „zwar auch kriegerischer Zeiten, aber doch glücklicher, siegreicher Tage und eines dauernden Wohlbefindens rühriger Menschen in dieser Gegend“.

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? Trier ist per Regional-Express u. a. aus Köln, Koblenz, Saarbrücken und Luxemburg erreichbar. Mit dem Auto über die A 1, A 60, A 64 und B 51.

Wo wohnt man gut? „Hotel Park Plaza Trier“: zentrales 4-Sterne-Hotel mit römischem Spa, Doppelzimmer und Frühstück ab 180 Euro (radissonhotels.com). „Eurener Hof“: komfortables Wellnesshotel mit Pool und ausgezeichneter Küche, Doppelzimmer und Frühstück ab 180 Euro (eurener-hof.de).

Römeralltag erleben: Das empfehlenswerte Rheinische Landesmuseum zeigt bis 29. November „Römerzeit XXL – 40 Jahre UNESCO-Welterbe“ mit Zeugnissen zur Geschichte des Weinanbaus in der Moselregion. Das Zentrum der Antike lädt bis September zu „Römischen Wochenenden“ ein (zentrum-der-antike.de). Mehr zum Jubiläumsprogramm: trier-info.de/40-jahre-welterbe.

Weitere Infos: trier-info.de

Die Reise wurde unterstützt von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit.

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