Der Weg durch den Südwesten Menorcas führt durch eine Landschaft, die eher nach Landwirtschaft als nach Luxus aussieht. Trockenmauern aus braunen Steinen teilen die Felder, der Wind fährt durch die Gräser und wirbelt Staub auf. Am Ende einer schmalen Straße erhebt sich ein honigfarbenes Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert, die Fensterläden weit geöffnet: der Landsitz „Son Vell“. Eine Nacht kostet hier mehr als mancher gesamte Urlaub auf Mallorca.

Orte wie dieser entstehen auf Menorca derzeit in bemerkenswerter Zahl. Dahinter steht mehr als die Eröffnung einiger neuer Landhotels. Die Insel verfolgt einen anderen Kurs als ihre balearischen Nachbarn. Statt auf Sichtbarkeit, Nachtleben und immer neue Attraktionen setzt sie auf etwas, das im Mittelmeerraum selten geworden ist: Ruhe, weite Landschaften, unverbaute Strände und einen Service, der nicht auffallen muss, um exklusiv zu sein.

Schon bei der Ankunft am überschaubaren Flughafen in Mahón stellt sich das Gefühl ein, dass auf dieser Insel mit rund 100.000 Einwohnern ein langsameres Tempo herrscht. Dazu kommt, dass große Teile unter Landschafts- und Biosphärenschutz stehen. Auch eine nüchterne Kennzahl belegt den Unterschied: Die Bevölkerungsdichte beträgt 145 Einwohner pro Quadratkilometer. Auf Mallorca sind es 267 und auf Ibiza sogar 287 – nahezu das Doppelte.

Mal keine monströsen Infinity-Becken

Der Landsitz „Son Vell“ der neuen familiengeführten spanischen Hotelgruppe Vestige verkörpert den Grundsatz von viel Raum und Ruhe nahezu perfekt. Das Haupthaus und seine einstöckigen Nebengebäude beherbergen gerade einmal 66 Gäste auf einem Grundstück von 180 Hektar Größe.

Selbst bei voller Belegung hat man den Eindruck, dass eigentlich kaum jemand da ist. Vögel zwitschern, Milane kreisen am Himmel, weiße Rosen leuchten im Schatten von Palmen, die Kakteenblüten knospen.

Ein Kellner schenkt einem französischen Paar auf der Terrasse gekühlten Weißwein ein, zwei junge Briten mit großen Designer-Sonnenbrillen und durchtrainierten Körpern schlendern in knappen Badehosen zu einem der beiden Pools, die keine monströsen Infinity-Becken sind, sondern sich unauffällig in die Landschaft fügen. Mehr bekommt man von den anderen Gästen nicht mit. Erst beim Abendessen im Restaurant „Vermell“, untergebracht in den früheren Pferdeställen, erkennt man, dass das Haus nicht fast unbewohnt ist. So gut wie alle Tische sind besetzt.

Auf der Speisekarte stehen neu interpretierte Inselgerichte, zusammengestellt von Executive Chef Joan Bagur, einem Menorquiner, der die Küche der gesamten Vestige-Gruppe verantwortet. Artischockensalat mit Orangen und Sauce hollandaise ist da zu finden, die traditionelle Gemüsesuppe Oliaigua, gegrillter Tintenfisch in Mandelsauce, Spanferkel mit Apfel und Zimt, eine Tarte mit Dicken Bohnen, Sellerieschaum und fermentiertem Blumenkohl. Bagurs Handschrift ist üppig und aromenreich, mit vielen Kräutern und frischem Gemüse aus dem hauseigenen Anbau. Das Hotel ist nach wie vor ein bäuerlicher Betrieb.

Der von Olivenbäumen gesäumte Pool im Park des auf einer Klippe gelegenen Hotels „Cap Menorca“

Ebenso eng mit der Insel verbunden ist das kulinarische Konzept im „Cap Menorca“, einem vor zwei Jahren eröffneten Haus aus der Vereinigung Relais & Châteaux, das auf einer hohen Klippe im Süden in eine ehemalige Militäranlage gezogen ist. Die gewaltigen Kanonen zur Küstenverteidigung stehen immer noch.

Auch hier setzt die ausgezeichnete Küche auf gegrillte Garnelen, Tagliata vom menorquinischen Rind mit Gemüse oder gegrilltes Hühnchen mit grünem Apfelpüree. Aber kein Kaviar, kein Wagyu-Steak und auch kein Trüffelburger.

Am Herd stehen seit dieser Saison gleich zwei Küchenchefs: der Einheimische Miquel Àngel Muñoz, der bereits im Hotel „Alcaufar Vell“ in der Nähe von Mahón gearbeitet hat, sowie der Brite Robert Stevens, zuvor in den Vereinigten Arabischen Emiraten im „Waldorf Astoria Palm Jumeirah“ und im „The Nice Guy Dubai“ tätig.

Miquel Àngel Muñoz wie auch sein Kollege Bagur vom „Son Vell“ sind sich einig, dass der Aufschwung in der Gastronomie überfällig war. „Menorca kann nun endlich seine Stärken ausspielen“, sagt Muñoz. „Das macht uns stolz.“ Bagur ist sich sicher, dass diese Entwicklung der ganzen Insel guttun wird, „nicht nur den Häusern an der Spitze“.

Heimat der Mayo

Dass die Küche zu Fülle, Regionalität und Rustikalität neigt, ist kein Zufall. Menorca beansprucht, die Heimat einer der berühmtesten Saucen der Geschichte zu sein: der „Salsa Mahonesa“ aus Eigelb, Öl und Zitrone. Die Franzosen machten daraus die Mayonnaise und trugen sie in die Welt hinaus. Zudem ist die Insel landwirtschaftlicher geprägt als ihre Nachbarn. Weiden, auf denen Rinder grasen, Weizen- und Gerstenfelder bestimmen das Inselinnere.

Auch außerhalb der Hotellerie finden sich viele lohnende Adressen. In der alten Kapitale Ciutadella, einer der schönsten Städte am Mittelmeer, etwa das „Cafè Balear“ direkt am Hafen. Im „Es Tast de na Sílvia“ hat sich Köchin Sílvia Anglada dem Slow-Food-Prinzip verschrieben.

Die hervorragende Weinbar „Ulisses“ am alten Fischmarkt ist seit Jahren ein Favorit bei Einheimischen wie Touristen, selbst mittags sollte man besser reservieren. Man sitzt draußen auf Klappstühlen unter Girlanden aus nackten Glühbirnen, die Farbe blättert, die Stromkabel hängen aus den Wänden. Eine mediterrane Atmosphäre wie vermutlich schon in den Fünfzigerjahren.

In der heutigen Inselhauptstadt Mahón, auf Menorca Maó genannt, bietet sich das Bistro „Ses Forquilles“ an, wo lokale Rezepte im Mittelpunkt stehen. Das „El Romero“ in den Gassen der Altstadt setzt vor allem auf eine vegetarische und fischreiche Küche.

Das Erbe der Süßspeisen: Konditorei in Ciutadella auf der Westseite der Insel

Menorca besitzt zudem ein ausgesprochenes Faible für Süßspeisen. Zurückzuführen ist das auf die arabischen, spanischen und katalanischen Einflüsse, nicht zuletzt aber auch auf die Herrschaft der Briten, die die Insel im 18. Jahrhundert als Marinebasis nutzten. Puddings, Torten und Gebäck stapeln sich in den Konditoreien, die Auswahl ist viel größer als beispielsweise auf Mallorca.

Auch in Sachen Strandurlaub muss Menorca sich nicht verstecken. Es fehlen vielleicht die spektakulären, fast karibisch anmutenden Badestellen wie auf Formentera oder Es Trenc auf Mallorca. Doch die familienfreundlichen breiten Sandstrände im Süden wie Son Bou oder die Cala Galdana gehören zu den schönsten im westlichen Mittelmeer.

Im Norden ist die durch einen schattigen Waldweg erreichbare Cala Algaiarens fast völlig unverbaut – keine Hochhäuser, keine Strandbars. Nicht weit von der Bucht verläuft der Camí de Cavalls, ein historischer Küstenweg, der die gesamte Insel umrundet und ideal zum Wandern und Mountainbiken mit Badepausen ist.

Nachdem man die einheimische Küche probiert hat, schon am Strand war und vielleicht sogar einen Teil der Insel mit dem Rad umrundet hat, stößt man in Mahón auf eine weitere Überraschung: In der Einfahrt des Hafens liegt, wie ein Pfropfen im glitzernden Wasser, die Königsinsel. Die felsige Illa del Rei ist kaum vier Hektar groß, auf einem Spaziergang hat man sie in zehn Minuten durchquert. Lange beherbergte sie ein britisches Marinehospital. Als das Krankenhaus 1964 schloss, verfiel das Eiland. Nicht einmal die spanische Regierung wollte es haben, um darauf ein staatliches Landhotel zu eröffnen.

Schattiger Treffpunkt unter Arkaden: Die „Bar Ulisses“ am Marktplatz von Ciutadella serviert fangfrischen Fisch

Anfang der 2000er-Jahre fand sich eine Gruppe von Freiwilligen, die die Insel restaurierten und aus dem Krankenhaus ein Museum der Medizingeschichte machten. Und dann kam noch eine international tätige Galerie dazu, Hauser & Wirth, und hob das Projekt auf eine ganz neue Ebene. 2021 eröffnete auf der Königsinsel das Kunstzentrum „Hauser & Wirth Menorca“, gebaut von dem in Buenos Aires geborenen Architekten Luis Laplace.

Ausgestellt werden Werke erstklassiger zeitgenössischer Künstler, ergänzt durch Skulpturen in den Außenanlagen, ein Restaurant und Räume für Bildung und Begegnungen. Noch bis zum 25. Oktober zeigt die Gruppenschau „Directionless“, kuratiert von dem US-Amerikaner Rashid Johnson, Werke des kürzlich verstorbenen deutschen Malers Georg Baselitz, aber auch von der spanischen Bildhauerin Cristina Iglesias oder der aus der Karibik stammenden und in New York lebenden bildenden Künstlerin Firelei Báez.

Dominoeffekt in Gastronomie und Kunst

Auf die Insel kommt man nur mit dem Boot. Das ist nicht nur ein ungewöhnlich reizvoller Zugang zur Kunst, es beschränkt auch auf typisch menorquinische Weise den Publikumsandrang. Die Überfahrt kostet zehn Euro, der Eintritt ist frei.

Ähnlich wie mit der Gastronomie ist ein Dominoeffekt entstanden. Mehr als ein Dutzend Galerien sind inzwischen in Mahón zu finden und sogar ein Kunsthotel, das „Can Alberti“ in einem alten Herrenhaus in der Nähe des Inselmuseums. Es gehört – sozusagen als Hobby – einem französischen Ehepaar und verfügt nur über 14 Zimmer. In diesem Sommer richtet die Galerie „Rocio Santa Cruz“ aus Barcelona in den Zimmern und Fluren eine Ausstellung mit Arbeiten fünf verschiedener Künstler aus.

Beste Aussichten: Auf der Dachterrasse zum Sundowner im „Can Alberti“ in Mahón

Auf der Illa del Rei gibt es schließlich noch einen weiteren unerwarteten Schatz zu entdecken: Neben der Galerie wiegen sich Salbei, Sonnenhut und Schafgarbe in der kühlen Brise, die vom Wasser herüberzieht. Ein wenig erinnert die Anlage an Son Vell, nur noch bewusster komponiert. Der Garten stammt von dem Niederländer Piet Oudolf, einem Star der Landschaftsgestaltung. Er entwarf auch die Bepflanzung der High Line in New York, jenes ehemaligen Bahnviadukts, das heute zu den berühmtesten Stadtparks der Welt zählt.

Vielleicht liegt genau darin die besondere Stärke Menorcas: Die Insel hat nie versucht, sich größer zu geben, als sie ist. Deshalb wirkt sie heute selbst wie ein sorgsam kuratiertes Gesamtkunstwerk und besitzt eine Anziehungskraft weit über ihre Grenzen hinaus.

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? In der Sommersaison bestehen Direktverbindungen zum Beispiel mit Eurowings und Vueling nach Mahón, unter anderem ab Frankfurt, München, Düsseldorf, Köln/Bonn, Berlin und Hamburg.

Wo wohnt man gut? Die Hotellerie auf Menorca setzt auf leisen Luxus mit Boutique-Hotels, Landsitzen und Fincas. Die meisten Anlagen sind von Mai bis Mitte Oktober geöffnet. Menorca begrenzt die Zahl der Hotels, um Massentourismus zu vermeiden. In Mahón: das „Can Alberti“, erbaut 1740, mitten im historischen Zentrum, sieben Zimmer, Dachterrasse mit Blick über Hafen und Altstadt, Zimmer ab 190 Euro mit Frühstück (hotelcanalberti.com). Luxus auf Landgütern: „Son Vell“, Zimmer ab 580 Euro, Cami de Son March bei Ciutadella. Das Restaurant „Vermell“, die Hotelbar und das Lunch-Restaurant „Clarissa“ können auch von Nicht-Hotelgästen besucht werden (vestigecollection.com/son-vell) Zwei Schwesterhotels haben 2026 in der Inselmitte eröffnet und sind noch ruhiger gelegen mit ebenso guter Küche: „Son Ermità“ und „Binidufà“, Zimmer ab 580 bzw. 620 Euro (vestigecollection.com/son-ermita-binidufa). Am Meer: „Cap Menorca“ in Alaior liegt auf einer Klippe in einem 30 Hektar großen Park voller Olivenbäumen, strandnah, Zimmer ab 620 Euro (relaischateaux.com/de/hotel/cap-menorca)

Wo speist man gut? „Es Tast de na Sílvia“, Carrer de Santa Clara, Ciutadella, estastdenasilvia.com. „Bar Ulisses“, Ciutadella (ulissesbar.com). „Ses Forquilles“, Mahón (sesforquilles.com). „El Romero“, Mahón, elromero.bio. Auf der Königsinsel: mediterrane Küche im Restaurant „Cantina“ (cantinamenorca.com).

Gut zu wissen: Das Shuttleboot zur Königsinsel pendelt stündlich zwischen 15 und 21 Uhr von Moll de Llevant 61 in Mahón zur Illa del Rei. Zehn Euro für Hin- und Rückfahrt.

Weitere Infos: menorca.es; spain.info

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom spanischen Fremdenverkehrsamt und den Hotels „Vestige“ und „Can Alberti“. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit

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