Wo Geschichte, Landschaft und Gastronomie magisch miteinander verschmelzen
Ein erhebender Moment! Man steht auf 757 Meter Höhe und schaut auf eine der schönsten Landschaften Europas. Weit ausgebreitet liegt die Rheinebene unter einem. Geradeaus schweift der Blick in Richtung Deutschland, Schwarzwald, Kaiserstuhl.
Rechts geht es nach der Schweiz, und bei klarer Sicht erhascht man noch ein Stück der Alpen. Links aber liegt, was das Herz der Franzosen höherschlagen lässt: „La ligne bleue des Vosges“, die blaue Linie der Vogesen, denn wir befinden uns am Ostrand des Mittelgebirges.
Wir stehen auf der Hohkönigsburg (französisch Château du Haut-Koenigsbourg). Eine Höhenburg, wie man sie sich vorstellt: mit Mauer, Zugbrücke, Wendeltreppen. Sie ist die meistbesuchte Sehenswürdigkeit im Elsass.
Der Landstrich im Nordosten Frankreichs ist eine Grenzregion am Rhein, die lange Zeit zu Deutschland gehörte und immer wieder den Besitzer wechselte. Ähnlich wie Südtirol, um das sich lange Zeit Österreich und Italien stritten. Und so ist es kein Zufall, dass ausgerechnet diese Hohkönigsburg bei Schlettstadt (Sélestat), die jährlich gut eine halbe Million Touristen anzieht und das einzige „Monument national“ des Elsass darstellt, in ihrer jetzigen Gestalt vom letzten deutschen Kaiser stammt.
Diese 1908 außen, 1914 innen fertiggestellte spektakuläre Mittelalterfantasie war nicht zuletzt als Machtdemonstration gedacht. Hier herrscht Deutschland, sollte das riesige Bollwerk sagen. Das war eine Botschaft, die man im Elsass, das 1871 Deutschland angegliedert wurde, mit gemischten Gefühlen vernahm. Größere Teile der Einheimischen fühlten sich, obwohl sie Elsässisch sprachen, einen deutschen Dialekt, Frankreich mehr verbunden als dem Deutschen Reich.
Bis 1918 hielt sich ein stiller, hartnäckiger Protest gegen die deutsche „Fremdherrschaft“, von der das Land in den 47 Jahren, die sie währte, durchaus auch profitierte. Nach der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg wurde das Elsass wieder französisch.
Stracks ins Disneyland-Mittelalter
Trotzdem ist unverkennbar, dass das Elsass durch die Deutschen einen beträchtlichen Modernisierungsschub erfuhr. Man gehe nur einmal in Straßburg zwischen Bahnhof und Place Kléber die Rue du 22 Novembre entlang, und man ermisst sofort, wie viel die alte Reichsstadt den deutschen Infrastrukturmaßnahmen verdankt. Mit dieser Schneise wurde das Mittelalter zurückgedrängt.
Die Hohkönigsburg hingegen führte stracks ins Mittelalter zurück. In ein Disneyland-Mittelalter allerdings. Sie war das erste öffentliche Gebäude des Elsass, das mit elektrischem Licht versehen wurde. Ihre mit Skulpturen geschmückten Außenwände, die holzgetäfelten Räume, farbenfrohen Fresken, zierlich geschnitzten Möbel hatten mit dem kargen Zuschnitt solcher Bauwerke 500 Jahre zuvor nicht viel zu tun. Aber schön waren sie eben doch. Wilhelm II. plante die Burg von vornherein als Museum.
Das erste öffentliche Gebäude des Elsass, das elektrisches Licht bekam: die HohkönigsburgMit ihrer Restaurierung begann man vor 40 Jahren: Chateau du HohlandsbourgEinen authentischeren Eindruck vom Leben an solchen Orten gewinnt man anderswo. Da wäre zum Beispiel etwas weiter südlich von Colmar das mittelalterliche Château du Hohlandsbourg auf 650 Meter Höhe, auch als Burgruine Hohlandsberg bekannt.
Mit ihrer Restaurierung begann man vor 40 Jahren. Damals hielt man sich schon an die Charta von Venedig. Sie besagte, dass man mit dem Wiederaufbau „dort aufhören müsse, wo die Hypothesen beginnen“. Demzufolge hat man diesen Sitz, der auf die Habsburger des 13. Jahrhunderts zurückgeht, nur teilweise ausgestaltet wie die Hohkönigsburg. Die privaten Räume für die Herrschaften im oberen Burghof sind denn auch viel kleiner. Denn man weiß inzwischen, dass die adeligen Besitzer dieser Festungen lieber in den Städten wohnten und nur selten auf ihren Burgen nach dem Rechten sahen.
Die dienten vor allem als Beobachtungsposten. Von hier oben aus konnte man nicht nur Bewegungen eigener oder fremder Truppen verfolgen, sondern auch Waldbrände schnell erkennen. In den schlecht beheizbaren und nur schwer mit Wasser zu versorgenden Burgen lebten selten mehr als 20 Personen; es gab ein paar Handwerker wie Schmiede, Maurer, Sattler. Dazu einen Koch und andere Bedienstete sowie zwei, drei Soldaten. Richtig verteidigen konnte man die Burgen also nicht, weswegen viele im Laufe der Jahrhunderte niedergebrannt wurden. Einst standen im Elsass gut 500 Burgen. Heute sind es immer noch knapp 100.
Das wahre Leben spielte sich in der Ebene ab. Man sieht den Dörfern und Städten an, dass hier Wohlstand herrschte. Der natürliche Reichtum des Landes in Form von Reben sorgte dafür, dass Wein in alle Gegenden Europas exportiert wurde. Die beste Lage befindet sich angeblich auf dem Schönenberg, dem Hausberg von Riquewihr (Reichenweier). Hier gedeihen die Grands Crus des typischsten elsässischen Weines, des Rieslings.
Ein Dorf als „schwäbisch-elsässisches Kunstwerk“
Riquewihr selbst, eines der schönsten Dörfer des gesamten Elsass, lohnt unbedingt den Besuch. Nicht nur wegen seines beliebten Turms der mittelalterlichen Stadtbefestigung, sondern weil sich hier der Mischcharakter der Region besonders bemerkbar macht.
Allenthalben begegnet man hier an altem Mauerwerk dem jedem Schwaben bekannten Wappen mit den drei Hirschgeweihen. Riquewihr gehörte nämlich jahrhundertelang zur sogenannten Reichsromania. Das waren linksrheinische Besitzungen deutscher Fürsten. Württemberg besaß beispielsweise die Grafschaft Mömpelgard (heute Montbéliard) in der Franche-Comté, unterhalb des Elsass. Aber eben auch Reichenweier.
Hier wurde 1487 einer der schillerndsten und umstrittensten Herrscher, Herzog Ulrich von Württemberg, geboren. Aufstände, Eifersuchtsmorde, Kriege, Revolutionen – kaum ein württembergischer Regent sorgte für so viel Aufruhr. Eine verschnörkelte Gedenktafel im Schlosshof erinnert daran. Herzog Ulrich führte später in Württemberg die Reformation ein.
Und noch ein Schwabe hinterließ in Reichenweier seine Spuren: Der Renaissancearchitekt Heinrich Schickhardt. Er baute das vornehme Domizil der Familie Dieffenbach und fügte einen eleganten Erker an, der über Eck zwei Etagen verschönte. Geschossgurte und große Sprossenfenster sind weitere Markenzeichen Schickhardts, die sich hier noch an einem weiteren Patrizierhaus befinden.
Ebenfalls nicht versäumen: das Fachwerkdörfchen Ribeauvillé, das in seiner Schönheit an Riquewihr heranreichtDer Architekturhistoriker Ehrenfried Kluckert hat Riquewihr der intimen Lauben und malerischen Gässchen wegen ein „schwäbisch-elsässisches Kunstwerk“ genannt. Womit er vollkommen recht hatte.
So richtig französisch wird es im Elsass erst in einer größeren Stadt wie Colmar mit seinen 66.000 Einwohnern. Urbanistisch modernisiert wurde es um 1900 zwar auch von deutschen Stadtplanern. Aber als man zum Beispiel den eleganten Boulevard du Champ de Mars mit stattlichen Häusern versah, durften die heimischen Architekten sie im französischen Stil entwerfen.
Ein elsässischer Franzose erfand Miss Liberty
Auch die Denkmäler im benachbarten Park erinnern, durch eine Sichtachse verbunden, an zwei Söhne der Stadt, die zu französischen Kriegshelden wurden. Der eine, General Rapp, kämpfte unter Napoleon I.; der andere, Admiral Bruat, unter Napoleon III. Schöpfer beider Statuen war Auguste Bartholdi. Seine erste Skulptur im öffentlichen Raum schuf Bartholdi schon mit 21 Jahren – besagten Rapp, den der junge Bildhauer angriffslustig seinen Säbel mit großer Geste aus der Scheide ziehen lässt.
Zu Weltruhm gelangte Bartholdi allerdings mit einem anderen Monument: der Freiheitsstatue im Hafen von New York. Ja, es war tatsächlich ein elsässischer Franzose, der Miss Liberty erfand. Ursprünglich für die Einweihung des Suezkanals gedacht, wo man sie aber nicht haben wollte, bot er sie als Ehrengabe zum 100. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit den Vereinigten Staaten an. Die nahmen das Geschenk mit Kusshand.
Gefertigt und unterstützt durch ein riesiges Fundraising wurde das Bildwerk aber zur Gänze in Paris, wobei übrigens der Ingenieur Gustave Eiffel, ebenfalls ein Elsässer, zur Hilfe kam und sich dabei Anregungen für seinen Eiffelturm holte. 1884 war Miss Liberty endlich fertig und wurde in ihrer ganzen Schönheit und Größe an der Seine präsentiert.
Dann zerlegte man das 127 Tonnen schwere Monstrum in 300 Kupferplatten, verpackte diese in 200 Kisten, verschiffte sie an Bord des Dampfers „Isère“ nach New York, wo sie dann tatsächlich am 28. Oktober 1886 auf Liberty Island aufgestellt wurde.
Wer sich genauer über die komplizierte Geschichte ihrer Entstehung unterrichten will, dem sei ein Besuch im Musée Bartholdi in Colmar empfohlen. Es befindet sich in dem repräsentativen Geburtshaus des Bildhauers. Viele Gipsmodelle, aber auch Gemälde und Zeichnungen beleuchten Leben und Werk dieses wohl bedeutendsten Colmarer Künstlers der Neuzeit.
Er setzt damit auf seine Weise eine elsässische Tradition fort, die mit dem Colmarer Meister Martin Schongauer begonnen hatte. Er war das große Vorbild Albrecht Dürers. Schongauers „Madonna im Rosenhag“, die man in der Dominikanerkirche bestaunen kann, gilt als Durchbruch zum Liebreiz der Madonnen in der rheinischen Malerei der Frührenaissance.
Eines der wichtigsten Kunstwerke des Elsass
Das wichtigste Kunstwerk Colmars, des Elsass überhaupt, befindet sich im Museum Unterlinden: der Isenheimer Altar. Er wurde kürzlich restauriert und prangt jetzt wieder in leuchtenden Farben in der Kapelle des ehemaligen Klosters, aus dem das Museum hervorgegangen ist. Wiederum ist ein Deutscher, Matthias Grünewald, der Schöpfer; er stammte aus Würzburg.
Den Altar bestellt hatten die Antonianer – ein reicher Orden, der auf die Heilung von Kranken spezialisiert war. Nirgendwo sonst in dieser Zeit hatte es ein Maler gewagt, Christus am Kreuz mit einem derart von Wunden und Schwären gezeichneten Körper zu malen. Ihn zeigt die Vorderseite. Die Hinterseite des Altars zeigt hingegen Christus, wie er als makellose Lichtgestalt gen Himmel auffährt.
Dieses Vorher-Nachher sollte die Kranken trösten und ermutigen. Und wer die grandiose Komposition des Isenheimer Altars gebührend auf sich wirken lässt, kann sich gut vorstellen, dass die mittelalterlichen Kranken schon durch die schiere Schönheit dieses Kunstwerks seelisch aufgerichtet wurden.
Nach so viel geistig-geistlicher Speisung wird es einen auch nach der körperlichen verlangen. Schräg gegenüber dem Museum befindet sich ein, wenn nicht der Gourmettempel Colmars: das Restaurant „Le Girardin“ im Hotel „La Maison des Têtes“. Hier gibt es alles, was die elsässische Küche zu bieten hat.
Ein Kougelhopf in einer Patisserie im ElsassVon „Choucroute“, der Sauerkrautplatte mit bis zu acht verschiedenen Fleischbeilagen, über den „Baeckeoffe“, einen Eintopf, in dem Fleisch und Gemüse erst zwölf Stunden mariniert und dann zwei bis drei Stunden im Ofen gegart werden. Nicht zu vergessen: der Dessert-Klassiker schlechthin, „Kougelhopf“, der dank Hefe-Briocheteig viel fluffiger ist als der deutsche Guglhupf. Dazu passen wunderbar die Weine der Region, von Gewürztraminer über Riesling bis zum Pinot Gris.
Da fragt man sich als Reisender: Was heißt hier Französisch, was heißt hier Deutsch? Im Elsass wird vor allem die Sprache des Genusses gesprochen: ein Hochgenuss von Geschichte und Landschaft, von Kultur und Gastronomie. Und diese Sprache versteht man zum Glück auf beiden Seiten des Rheins.
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Am einfachsten mit ICE oder TGV ohne Umsteigen von Berlin, Erfurt, Frankfurt/Main, Karlsruhe nach Straßburg. Von hier aus gelangt man mit Regionalzügen und Bussen zu allen wichtigen Orten im Elsass. Wer fliegen möchte: Viele Direktflüge gibt es zum Flughafen Straßburg im Norden sowie zum Euro-Airport Basel-Mulhouse-Freiburg im Dreiländereck im Süden.
Wo wohnt man gut? In der geografischen Mitte des Elsass befindet sich in Ribeauvillé (Rappoltsweiler) das familiengeführte „Logis Hôtel du Mouton“ in einem Fachwerkbau aus dem 14. Jahrhundert zurückgeht. Doppelzimmer ab 100 Euro (hoteldumouton.fr, im Juli Betriebsferien). Wer es modern mag: „Hotel Ibis Styles Colmar Centre“, Doppelzimmer mit Frühstück ab 132 Euro (ibis-stylescolmar-centre.h-rez.com).
Burgen und Museen: Hohkönigsburg bei Schlettstatt, Eintritt: zwölf Euro (haut-koenigsbourg.fr). Burgruine Hohlandsberg in Wintzenheim bei Colmar, Eintritt: sieben Euro (chateau-hohlandsbourg.com). Die Dörfer Riquewihr und Ribeauvillé sind sehr sehenswert, ebenso Colmar mit dem Musée Bartholdi (musee-bartholdi.fr) und das Musée Unterlinden (museeunterlinden.com).
Weitere Infos: visit.alsace/de; Atout France, france.fr/de
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Visit Alsace. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
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