Ein Double muss her. Wenn Filmstars unpässlich, zu eitel oder ängstlich sind, springen Doppelgänger in die Bresche. Vom Publikum unbemerkt, schieben sich dann fremde Körper ins Bild, um schon eine Szene später wieder Platz zu machen für die wahren Berühmtheiten der Kinowelt.

Seltsam, dass der Begriff Town-Double noch nicht erfunden wurde. Als Chloé Zhao im Sommer 2024 ihren später für acht Oscars nominierten Film „Hamnet“ drehte, stand Stratford-upon-Avon nicht zur Verfügung. Das Drama um den frühen Tod des Sohns von William Shakespeare und seiner Frau Anne Hathaway (im Film heißt sie Agnes) musste andernorts gedreht werden. Frei nach dem „Condé Nast Traveller“: „Man sperrt einen boomenden, lukrativen Ort nicht für ein paar Filmaufnahmen zu. Niemals! Nicht einmal, wenn Paul Mescal die Hauptrolle spielt!“

Die Suche nach dem Town-Double führte die Produktionsdesigner bis hart an die walisische Grenze: nach Weobley. Der Ort hat mit 1255 Einwohnern kaum mehr als Stratford im ausgehenden 16. Jahrhundert und mimte geduldig die beschauliche Fachwerkkulisse für Zhaos Historiendrama. Eine Beschaulichkeit, die Stratford-upon-Avon nur noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu bieten hätte. Denn das echte Stratford-upon-Avon, inzwischen auf mehr als 30.000 Einwohner angewachsen, zieht jährlich um die drei Millionen Touristen an.

2191 Mal Liebe

Ein Strom, der wohl nie versiegen wird. Allein die Tragödie „Hamlet“, so steht es in einer häufig verkauften Biografie des Dichters, werde in jeder Minute eines jeden Tages auf irgendeiner Bühne dieser Welt aufgeführt. Wer bräuchte da noch Hollywood oder Filmpreise?

Da der alte Barde niemals aus der Mode kommt, kann man es sich in Stratford-upon-Avon sogar leisten, ihn disneyhaft zu vermarkten. Ein Shakespeare-Hotel? Geschenkt. Eine Shakespeare-Gin-Distillery? Nun ja. „Shakespeare’s Repair Shop“ für kaputte Luxusuhren? Grenzwertig. Ein „Shakespaw Cat Café“ mit Leihkatzen für den Kuschelnachmittag? Kopfschütteln. Brautkleider gibt es natürlich bei „Shakespeare in Love“.

Gedränge auf der Henley Street: Besucher vor William Shakespeares Geburtshaus

Wer den schlechten Wortspielen und Popkulturreferenzen entkommen möchte, muss zunächst vorbei an einem gänzlich weiß geschminkten Herrn, der stoisch den Geist von Hamlets Vater mimt und für Selfies bereit sitzt. Ist das geschafft, lässt sich William Shakespeares Geburtshaus besichtigen. Umgerechnet 30 Euro kostet das Vergnügen, das zum Glück tatsächlich eines ist. In jedem Raum warten Ehrenamtliche. Sie arbeiten für den Shakespeare Birthplace Trust, der sich seit 1847 um den Erhalt dieses architektonischen Erbes kümmert.

In historischem Gewand und in geduldiger Endlosschleife erläutern sie die Einrichtungsgegenstände (Williams Wiege) und die Arbeitswelten (die Handschuh-Manufaktur von Vater John). Im Garten präsentieren Schauspielschüler Höhepunkte aus Shakespeares 37 Stücken. Besonders beklatscht: Die Balkonszene aus „Romeo und Julia“, bei der das Erkerfenster genutzt wird. Fun Fact: Das Wort „Liebe“ kommt in seinen Stücken angeblich 2191 Mal vor.

Überall stehen Shakespeare-Büsten in den SchaufensternWo Shakespeare schlief: Jugendbett in seinem Geburtshaus

Auch Hathaways Cottage am Rand der Stadt ist dank des Birthplace Trust erhalten – das Elternhaus von Anne, Shakespeares Ehefrau. Halbstündlich halten rote Doppeldeckerbusse vor dem Häuschen mit dem schmucken Reetdach, dann droht Drängelei. Auch hier sind die Räume eng und die Decken niedrig. Dazwischen jedoch öffnen sich Zeitfenster, in denen das historische Gebäude ungestörte Einblicke in das Leben besser situierter Farmer zu Zeiten Elizabeths I. gewährt.

Der Abend naht, und damit die Qual der Wahl zwischen Royal Shakespeare Theatre, Swan Theatre, Other Place, The Attic, The Bear Pit Theatre, dem Stratford Youth Theatre oder dem Rother Street Arts House. Statistisch kommt auf je 4286 Einwohner von Stratford-upon-Avon ein Theater, was die Vermutung nahelegt, dass die Menschen in keiner Stadt der Welt besser versorgt sind mit Dramen, Tragödien oder Komödien. Berlin bräuchte 910 Theater, um da mitzuhalten, London sogar 2250.

Kürzlich hatte sich die Royal Shakespeare Company „Henry V“ vorgenommen: Der junge Henry, durch den Tod des Vaters jäh aus der wilden Adoleszenz gerissen, bekommt vom Erzbischof souffliert, dass er eigentlich auch der legitime König Frankreichs sei. Und weil die Engländer mutig und die Franzosen verweichlicht sind, besiegt er sie in der Schlacht von Azincourt mit seiner winzigen Truppe. Am Ende ehelicht er Cathérine, Tochter des französischen Königs, und wird zu dessen Erbe erklärt.

Selbst Theaterkenner bekommen große Augen

„Henry V“ gehört zu den weniger populären Stücken Shakespeares. Etwas zu viel Pathos vielleicht, in den Monologen weniger Finesse und Ironie als in vielen seiner anderen Stücke. Doch was die Royal Shakespeare Company am Ufer des Avon aus dem Stoff macht, ist so gewaltig, dass selbst die Theaterkenner unter den Zuschauern große Augen bekommen.

Nebenan, im liebevoll restaurierten „Attic“, einem Theater im hölzernen Dachstuhl mit gerade mal 90 Sitzplätzen, läuft derweil „Hamlet“. Nicht ganz so gewaltig, mit etwas weniger staunend aufgerissenen Augen und doch nicht minder geschätzt von Einheimischen wie Besuchern. Vor allem, weil viele hier mitrezitieren können, in stummer Lippenbewegung: „Es ist was faul.“ / „Sein oder Nichtsein.“ / „Der Rest ist Stille.“

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? Direktflüge nach Birmingham gibt es von Berlin, München, Frankfurt und Düsseldorf. Von dort sind es mit dem Mietwagen etwa 40 Kilometer nach Stratford-upon-Avon. Alternativ nimmt man vom Flughafen die Bahn nach Birmingham New Street oder Leamington Spa. In Birmingham führt ein kurzer Fußweg zum Bahnhof Moor Street; in Leamington Spa einer zum Bus X18. Danach sind es jeweils noch 40 Minuten Fahrt direkt nach Stratford-uponAvon.

Wo wohnt man gut? „The Stratford Townhouse“: Historischer Fachwerkbau gegenüber Shakespeares Schule, das angeschlossene Pub-Restaurant serviert hervorragende Küche. Doppelzimmer mit Frühstück kostet umgerechnet ab 105 Euro (stratfordtownhouse.co.uk). „The Arden Hotel“: Boutique-Hotel mit Blick auf das Royal Shakespeare Theatre; auf der Karte des Restaurants steht gehobene Brasserie-Küche. Das Doppelzimmer mit Frühstück kostet ab 175 Euro (theardenhotelstratford.com)

Museen: Bucht man Tickets für Shakespeares Elternhaus, sein eigenes Haus namens New Place Gardens und Anne Hathaways Cottage gemeinsam, ist das günstiger und umgeht die Warteschlangen. Das Paket kostet umgerechnet 35 Euro, für Kinder bis 17 Jahre um 17,50 Euro. Die zusätzliche Besichtigung von Shakespeares Schulzimmer im einstigen Gilden- und Verwaltungshaus kostet bei gleichzeitiger Zubuchung 12 bzw. 6 Euro. Einige der Häuser sind jedoch von November bis März bzw. Juni geschlossen (www.shakespeare.org.uk).

Theater: Die Royal Shakespeare Company spielt in der Saison 2026 noch „Wie es euch gefällt“, „Sommernachtstraum“ und „Julius Cäsar“, aber auch Stücke anderer Autoren. Tickets kosten zwischen 22 und 96 Euro (www.rsc.org.uk). Auch The Attic Theatre zeigt gelegentlich Shakespeare, Tickets ab 21 Euro (www.theattictheatre.co.uk).

Mehr Informationen: Touren, Feste und Restaurant-Tipps in Stratford-upon-Avon gibt es bei visitstratforduponavon.co.uk.

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