Das ist das neue Weltkulturerbe an der Ostsee
Eine Handvoll Bewohner, keine Kirche, Felder, Wälder, Ostseestrand – mehr war das kaschubische Fischerdorf Gdingen vor hundert Jahren nicht. Wer diese Vorgeschichte kennt, kommt aus dem Staunen nicht heraus. 1926 erhielt das Dorf Stadtrechte und wuchs binnen weniger Jahre zu Polens ungewöhnlichster Metropole heran: Nahezu komplett im modernistischen Stil hochgezogen, wurde sie in den 1930er-Jahren Heimat für 127.000 Bürger, die aus allen Teilen des Landes hergezogen waren, um ihrem 1918 wiedergegründeten Staat einen dauerhaften Zugang zum Meer zu sichern.
Diesen hatte Polen nach dem Ersten Weltkrieg zurückerlangt, nachdem das Land 123 Jahre von der Landkarte verschwunden und zwischen Preußen (später Deutschland), Österreich und Russland aufgeteilt worden war. Das kaschubische Nest verschwand bis auf zwei Häuschen vollständig. Quasi aus dem Nichts entstand Polens neuer Seehafen. Liefen hier 1923 vier Schiffe an, hatte sich diese Zahl 1936 bereits mehr als vertausendfacht.
Leider weiß außerhalb Polens kaum jemand von der Einmaligkeit dieser visionären Hafenstadt im maritimen Bauhausstil. Sie steht im Schatten ihres berühmten Nachbarn: Während Danzig mit Backsteingotik und Hansegeschichte pro Jahr Millionen von Touristen anlockt, wird Gdingen (polnisch: Gdynia, kaschubisch: Gdiniô) oft links liegen gelassen.
Ein Fehler! Denn ein Ort mit so viel außergewöhnlicher Architektur, mit Hafenatmosphäre und dieser turbulenten Geschichte ist einzigartig. In Sachen Bauhaus-Dichte können allenfalls Tel Aviv und Berlin mit Gdingen mithalten.
Seit 27. Juli 2026 ist Gdingen Weltkulturerbe
Erfreulicherweise haben sich Gdingens Vorzüge inzwischen bis zur Unesco herumgesprochen. Ende Juli 2026 wurde das modernistische Stadtzentrum offiziell zum Weltkulturerbe ernannt. Die Unesco lobt: „Gdynia steht für einen grundlegenden Wandel des Städtebaus im frühen 20. Jahrhundert und für die Vorstellung einer modernen, gesunden und zukunftsorientierten Stadt.“ Mit dem Titel werden also nicht nur die kühnen Fassaden geehrt, sondern auch jener Pioniergeist, dem die Stadt ihre Existenz verdankt.
Gdingen überstand NS-Besatzung, Eroberung durch die Rote Armee und mehr als vier Jahrzehnte Kommunismus überraschend unversehrt – anders als das 1945 zu Klump geschossene Danzig. Rund 450 modernistische Gebäude fügen sich in Gdingen heute zu einem weltweit einzigartigen Ensemble.
Mit ihren spitzen Ecken, wellenförmigen Balkonen und zum Teil runden Fenstern erinnern sie bewusst an Ozeandampfer. „In Gdynia werden Schiffe aus Ziegeln und Zement an Land gebaut“, schrieb 1937 der Notar Henryk Chudzinski über seine Stadt.
Der Großteil der Bauhaus-Häuser steht an der Swietojanska-Straße und an der Straße des 10. Februar im Zentrum. Sie lassen sich unkompliziert auf eigene Faust erkunden, am besten entlang der drei Hauptrouten des Gdynia Modernism Trail. Gut gemachte Faltblätter zu den Rundgängen gibt es in der städtischen Touristinformation.
Lange Fensterbänder und gerundete Fassade: Das Haus der Touristinformation ist von Schiffen inspiriertSie residiert in einem der prächtigsten Bauhausgebäude der Stadt, 1935/36 errichtet als ZUS-Sozialversicherungsanstalt: ein Siebengeschosser mit gerundeter Fassade an der Straße des 10. Februar Nr. 24. Es wurde 1972 als eines der ersten funktionalistischen Gebäude in Polen als Denkmal anerkannt.
Überall Häuser, die an Ozeandampfer erinnern
Schräg gegenüber das nächste Highlight: das Bankowiec-Haus von 1935/39. Mit seinem runden Turmaufsatz wirkt Gdingens prächtigstes Wohngebäude wie ein eleganter Ozeandampfer. Die Wohnungen messen bis zu 200 Quadratmeter, die Ausstattung mit Aufzügen, Kühlschränken, Luftschutzkeller und der ersten Tiefgarage Polens war seinerzeit sensationell.
Im Keller hat eine Bewohnerin, Maria Piradoff-Link, ehrenamtlich ein kleines Museum eingerichtet. Es zeigt originale Ausstattungsstücke: Türgriffe, Briefkästen, Badewannen, Möbel. Vor allem bietet es einen Einblick in den Alltag der damaligen Bewohner: „Wir sind kein Museum hinter Glas“, sagt die resolute Mittsiebzigerin, „jedes gerettete Detail erzählt unsere Geschichte – vom Luxus, den es damals hier gab, bis zum Leid unter der Nazi-Besetzung“.
Das Privatmuseum im Bankowiec-Haus rekonstruiert den Vorkriegs-AlltagDas Bankowiec-Haus mit rundem Erker, der an einen Schiffsschornstein erinnertMaria Piradoff-Link hat im Keller des Bankowiec-Gebäudes ein Privatmuseum eingerichtetMit ihrem Engagement verkörpert Piradoff-Link beispielhaft jenen Pioniergeist, der Gdingen einst entstehen ließ. Die Führungen durch Haus und Museum, die sie anbietet, sind ein Erlebnis (nur nach Voranmeldung über die Touristinformation).
Im Bankowiec-Haus befindet sich praktischerweise das Café „Cyganeria“ – ein Künstlerlokal, 1946 eröffnet, mit schlichten Möbeln, coolem Publikum und hausgemachtem Gebäck. Piradoff-Link empfiehlt den Sernik Pani Janki, einen herrlich schweren Käsekuchen, der seit mehr als 40 Jahren nach demselben Rezept gebacken wird.
Auf dem Weg zum Südpier lohnen Dutzende Gebäude einen Zwischenstopp, etwa die Hauptpost von 1928 – eckig, rechtwinklig, ornamentlos. Oder das Ogonczyk-Bloch-Mazalon-Wohnhaus an der Swietojanska-Straße 122: Mit seinen abgerundeten Wintergärten und wellenförmigen Balkons wirkt es wie ein Passagierschiff. Oder das gelb verklinkerte Jurkowski-Haus am Kosciuszki-Platz 16, das als einziges Wohnhaus in Gdingen Le Corbusiers Prinzip der „freien Fassade“ auf allen Etagen umsetzt, mit Fensterbändern auf voller Breite.
Wohnhaus mit wellenförmigen Balkons: Gdingens Architektur bietet viele maritime ElementeDer Südpier selbst ist 626 Meter lang, das maritime Herz Gdingens. Der Weg lohnt sich allein schon wegen der frischen Ostseebrise, der kreischenden Möwen und der vielen gut gelaunten Polen, die bei Wind und Wetter das Meer genießen. Schönstes Fotomotiv hier ist das Polnische Seemannshaus mit abgerundeter Front, einer aufgesetzten Brücke und einem Vordach, das an die Kommandobrücke eines Ozeandampfers erinnert – es ist das Paradebeispiel des hiesigen Schiffsstil-Modernismus.
Zum Pflichtprogramm gehört unbedingt die Markthalle: wegen ihres üppigen Angebots und ihrer einzigartigen Architektur. Die gewölbte Haupthalle mit ihren geschwungenen Betonpfeilern und den großen Fensterflächen wirkt wie eine lichtdurchflutete protestantische Kirche, nur dass es hier statt Altar und Kirchenbänken Gemüsestände und Fischtheken gibt. Wer ein essbares lokales Mitbringsel sucht, wird schnell fündig – etwa bei kaschubischem Honig oder getrockneten Steinpilzen aus den Wäldern der Umgebung.
Lichtdurchflutet und elegant: Gdingens großartige MarkthalleÜble Kriegsverbrechen der Nazis
Viele Hotels im Stil des Modernismus bietet Gdingen nicht – aber ein besonders gelungenes: die „Willa Wincent“ in einem ruhigen Viertel nahe der Ostsee. Das Haus von 1929 eröffnete 2019 als Boutiquehotel. Funktionale Möbel, schlichtes Geschirr und klar gestaltete Räume greifen den polnischen Bauhausstil auf.
Zum Glück sind die Matratzen weniger streng als die Architektur – nämlich angenehm weich. Und das Frühstück mit Räucherfisch, Quark, Käse, Wurst, kaschubischen Gewürzgurken und frisch zubereiteten Eierspeisen ist alles andere als minimalistisch.
Unweit des Hotels steht das städtische Museum, das unbedingt auf das Programm gehört. Es bietet einen hervorragenden Überblick über die Stadtgeschichte, die mit dem deutschen Überfall auf Polen 1939 jäh von der Weltgeschichte eingeholt wurde. Hier erfährt man auch, welch ungeheure Dimension die deutschen Kriegsverbrechen in und um Gdingen bereits kurz nach Kriegsbeginn annahmen.
Fast alle Einwohner mussten binnen weniger Wochen ihre Wohnungen räumen und durften nur mitnehmen, was sie tragen konnten. Die Stadt wurde von den Nazis in Gotenhafen umbenannt. Polnische Beschriftungen verschwanden, die Hauptverkehrsachse hieß Adolf-Hitler-Straße.
Deutsche aus dem Altreich und deutsche Umsiedler aus Osteuropa, die von den Nationalsozialisten hierher verfrachtet wurden, bezogen die komplett eingerichteten Wohnungen, die Zehntausende polnische Besitzer hatten zurücklassen müssen. Sie gehörten zu den ersten Vertriebenen des Zweiten Weltkriegs. Zugleich wurde die geistige und wirtschaftliche Elite der Stadt in Konzentrationslager verschleppt oder direkt ermordet.
Das Erbe der Kaschuben wird gepflegt
Das Museum widmet sich außerdem der kaschubischen Geschichte der Region, von der viele Deutsche wenig Ahnung haben. Hier kann man sein Wissen vertiefen – und erfährt zum Beispiel, dass Kaschubisch eine eigenständige, dem Polnischen ähnliche Sprache mit vielen deutschen Lehnwörtern ist, von kùch (Kuchen) bis geszeft (Geschäft). Und dass die Kaschubei im Zuge der ersten polnischen Teilung 1772 an Preußen fiel, Teil Westpreußens war und nach dem Ersten Weltkrieg Polen zugesprochen wurde, das dadurch den eingangs erwähnten Meereszugang erhielt.
Obwohl Gdingen mit der Zuwanderung von Neubürgern aus ganz Polen nach 1926 seinen kaschubischen Charakter weitgehend verlor, wird das lokale Erbe gepflegt. Die Kaschuben sind eine anerkannte Minderheit. Viele Familien in der Region sprechen bis heute Kaschubisch, Kinder können es in der Schule lernen. Wer genau hinschaut, begegnet der Minderheit an vielen Stellen des Alltags: auf Speisekarten, in Buchhandlungen, auf zweisprachigen Ortsschildern.
Weltbekannt wurde die Volksgruppe durch einen Deutschen: Günter Grass. Der spätere Literaturnobelpreisträger, 1927 in Danzig geboren, stammte mütterlicherseits aus einer kaschubischen Familie und hat die Menschen und Landschaften der Kaschubei immer wieder literarisch verarbeitet. In der „Blechtrommel“ spielen kaschubische Figuren eine wichtige Rolle, in den „Hundejahren“ schildert Grass die von Deutschen, Kaschuben und Polen geprägte Welt in Danzig und Umgebung.
Polnische Spitzenküche mit Matjes und Piroggen
In Gdingen kann man in der Starowiejska-Straße noch ein bisschen Kaschubei erleben. Dort steht, umringt von modernistischen Wohnhäusern, ein Backsteinhäuschen aus preußischer Zeit. Es wurde nicht abgerissen, da hier Antoni Abraham (1869–1923) einige Jahre lang lebte, der „König der Kaschuben“. Der Aktivist setzte sich nach dem Ersten Weltkrieg sehr für die Bewahrung einer kaschubischen Identität als Teil der polnischen Nation ein. Deshalb wird er von Kaschuben und Polen gleichermaßen geschätzt.
Eines der besten Restaurants, das „Oberza 86“, residiert in einem alten kaschubischen HausHeute befindet sich in dem Gebäude das Restaurant „Oberza 86“, eines der besten der Stadt. Gekocht wird polnisch-französisch, doch es stehen auch regelmäßig kaschubische Spezialitäten auf der Speisekarte. Unbedingt probieren: Matjes auf Sauerampfer und Möhren oder Piroggen, gefüllt mit dicken Bohnen und Petersilie.
Noch mehr kaschubische Gegenwart bietet das „Strych“, eine Künstlerkneipe in Gdingens ältestem Haus von 1890. Mit antiken Möbeln, historischen Fotos und Oma-Geschirr wird hier regionale Identität gepflegt. Mit etwas Glück hört man Gesprächsfetzen auf Kaschubisch oder trifft auf Leute, die sich als Kaschuben verstehen. Das „Strych“ zeigt, dass das kaschubische Erbe keine Museumsfolklore ist, sondern weiterlebt.
Wer sich daran erinnert, dass hier vor 100 Jahren noch ein unbedeutendes Fischerdorf stand, versteht die eigentliche Leistung der Kaschuben: Aus ihrer Heimat wurde Polens Tor zur Welt. Ohne sie gäbe es das heutige Gdingen und das modernistische Weltkulturerbe nicht.
Tipps und Informationen
Anreise: Mit dem Eurocity von Berlin nach Gdingen, teilweise mit Umsteigen in Posen/Poznan. Nächstgelegener Flughafen ist Danzig/Gdansk.
Unterkunft: „Willa Wincent“, durchweg im modernistischen Stil, DZ ab 94 Euro, willawincent.pl. „Courtyard by Marriott Gdynia Waterfront“, schnörkelloses Haus am Meer, DZ ab 102 Euro, marriott.com.
Für Auto- und Radfahrer: Sehr hilfreich für alle, die die Region auf eigene Faust erkunden wollen, ist die dreisprachige Karte „Westpreußens Ostseeküste & Hinterpommerns Osten“ mit Gdingen, Danzig und der nördlichen Kaschubei (11,95 Euro, blochplan.de).
Auskunft: Touristische Infos: polen.travel, visit.gdynia.pl, modernizmgdyni.pl/en/; Städtisches Museum Gdingen: muzeumgdynia.pl.
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Polnischen Fremdenverkehrsamt. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
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