Oh, eine Träne! Ausgerechnet zu diesem Lied. „I am sailing, I am sailing / Home again across the sea“, tönt es aus mehr als 140 Kehlen an Bord der „Finnlady“. Verstohlen fährt sich der grauhaarige Herr über die Wange. Die Dame neben ihm ist ebenfalls sichtlich ergriffen. Auf Rod Stewart ist Verlass. Für die letzten Zeilen haut Chorleiter Patrick Bopp dramatisch in die Keyboardtasten. „We are sailing stormy waters / To be near you, to be free“, schallt es stimmgewaltig über das Deck. 

Draußen glitzert die Ostsee. Drinnen sind sich die meisten noch fremd. Paare, Freundinnen, Alleinreisende. Was fast alle eint, ist die Liebe zum Singen und zum Meer. „Nimm uns mit, Kapitän, auf die Reise, nimm uns mit in die weite Welt!“

Shantys voller Seemanns-Sehnsuchtsgefühle, blauer Himmel, kein Land in Sicht. Auffällig viele Lieder führen nach Finnland. Trällernd, jodelnd, mehrstimmig, im Viervierteltakt. Und wer weiß, vielleicht tanzen eines Nachts Polarlichter dazu?  

Zweimal im Jahr, im März und November, verwandelt sich die sonst unspektakuläre Fähre zwischen Travemünde und Helsinki in eine große Bühne, auf der Menschen gemeinsam singen. Ob mit oder ohne Erfahrung, alle sind willkommen. „Das Gemeinschaftsgefühl, das durch Musik entsteht, ist magisch“, sagt Veranstalter Felix Schmidt.

Wie die Idee zum musikalischen Pauschaltrip entstand

Die Idee zur „Chorfahrt ins Glück“ kam dem Mitgründer des Touristikunternehmens Weltenbauer Adventures, als er mit seinem Team neue Reisekonzepte mit Sinn entwickelte. Was läge da näher als Singen auf See?

Die Reederei Finnlines war schnell mit ins Boot geholt, schließlich ist die Auslastung der Schiffe abseits vom Frachtverkehr außerhalb der Saison noch ausbaufähig. Also trommelte Schmidt erfahrene Chorleiter, Komponisten und Musiker zusammen und stach erstmals im Frühjahr 2024 mit seinen Sangesgeschwistern auf Zeit in die Ostsee.

Die musikalischen Pauschaltrips sind ein voller Erfolg, auch diese Fahrt ist ausgebucht. Mit dabei ist etwa Bettina aus Hamburg, die „wieder ins Singen kommen möchte“. Kathleen aus Brandenburg ist allein angereist, um „unabhängig unter Gleichgesinnten zu sein“. Detlev kann dem Singen nichts abgewinnen, begleitet aber gern seine Frau. Sonja aus dem Raum München hat gebucht, weil „es doch nur schön werden kann, wenn Menschen zum Singen zusammenkommen“. Peter singt mit, weil er Musik und das Meer liebt. 

Anita Biebl gibt an Bord Jodelunterricht. „Schnackeln muass“, erklärt die gebürtige Niederbayerin die Essenz ihrer Sangeskunst. „Stellt’s eich vor, ihr seid’s a Kuh, die Schokolad bekommt“. „Mmmmmmmm“, brummt es tief aus dem Bauch. Dann bricht ihre Stimme mit Schwung nach oben. „Uhhhhhh“, „Mhhhuuuu“, jodelt es zaghaft zurück. „Wennd’s a Ganslhaut habt’s und es in jeda Zelle kribblt, seid’s ihr im Schnackl-Bereich angekoma!“

Jeder Tag bietet mehr als sechs Stunden Singen, darunter humorige Kanons, Stimmbildung, Popsongs, aber auch Lieder mit spirituellem Tiefgang. Für letztere ist Johannes Geßner zuständig, begnadeter Kirchenmusiker und Leiter des größten Popchors Ostfrieslands.

Er übt den Friedenskanon „Love is Love“ ein, der den Opfern des Anschlags von Orlando 2016 gewidmet ist. „Der Akkord muss leuchten“, sagt Geßner. Das tut er. Sopran, Alt oder Bass, schief oder krumm – den Ton zu treffen ist eine Option, ins Herz geht der Song ohnehin. „It’s all about Gänsehaut“, sagt Biebl.  

Jodeln unterm Polarlicht

Im Singen steckt eine besondere Kraft. Kleine Kinder wissen instinktiv, dass die Furcht nachlässt, sobald sie summen. Im Chor multipliziert sich der Effekt. Singen ist womöglich eines der wirkungsvollsten natürlichen Antidepressiva.

Gute Stimmung: Selbst nach der obligatorischen Notrettungsübung wird gesungen

Die renommierte Oxford-Universität kam nach einer Auswertung von sieben Studien zum Ergebnis, dass gemeinsames Singen nicht nur das Gefühl der Verbundenheit mit anderen, sondern auch den Zugang zu eigenen Gefühlen fördern kann. Vielleicht sind Begegnungen, die genau das ermöglichen, heute wichtiger denn je. 

Hello Helsinki! Im Bus geht es weiter Richtung Norden. Der dortige Höhepunkt ist ein gemeinsames Konzert mit einem 23-köpfigen karelischen Kirchenchor. Doch zuvor gibt es noch eine andere Show: grünlich schimmernde Bänder, die unter sternenklarem Himmel wabern. Es ist der Polarlicht-Reigen, von dem Wikinger einst glaubten, es seien Walküren, die gefallene Krieger nach Walhall geleiten. Er wirkt seltsam, lebendig zwar, aber auch gespenstisch. Anita Biebl schickt einen kraftvollen „Schnackler“ in die Nacht. Jodeln unter Polarlichtern, das hat Seltenheitswert.  

Am nächsten Tag erfüllen ein großer und ein kleiner Chor die Holzkirche der ostfinnischen Stadt Nurmes. Der Abschiedssong ist eine Botschaft vom Sieg der Liebe über den Tod: „Love is Love / Oh, Love is Love.“ Viele Besucher summen mit.

Jodeln auf Deck: Anita Biebl in Aktion

Auf der Rückfahrt nach Travemünde sagt Teilnehmer Detlev, bis dato ein notorischer Nicht-Sänger: „Mir war gar nicht klar, wie bereichernd Singen sein kann.“ Er gehört zu einer älteren Generation, in der vermeintlich unmusikalische Kinder mundtot gemacht wurden, um andere nicht zu stören. Das, sagt er, sei nach dieser Musikreise nun vorbei. Ab jetzt will er hemmungslos singen, wann und wo ihm danach ist. 

Tipps und Informationen:

Singen auf See: Die nächste buchbare Fähr-Kreuzfahrt findet vom 20. bis 27. März 2027 von Travemünde nach Helsinki statt. Mit Unterbringung in der Doppelkabine und Halbpension ab 2199 Euro (singen-auf-see.de).

Weitere Musiktouren: Der Anbieter Viva Cruises hat eine viertägige Jazz-Kreuzfahrt auf der Mosel mit dem Pianisten Frank Muschalle im Programm, ab 2395 Euro (viva-cruises.com). Aida Cruises bietet eine fünftägige Schlagerreise von Hamburg bis Rotterdam und zurück an, mit Auftritten von Howard Carpendale und Beatrice Egli, ab 1850 Euro (aida.de). Singen auf See: Nächste Abfahrten: 19. bis 22. November 2026 sowie 20. bis 27. März 2027; Kosten, inkl. Programm, Kabine, Halbpension ab 500 Euro pro Person, weitere Infos unter singen-auf-see.de

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von singen-auf-see.de. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit

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