Für Markus Lanz konnte die Latte gar nicht hoch genug hängen. „Ich verspreche, wir machen erst Schluss, wenn wir ein neues deutsches Erfolgsmodell gefunden haben“, versprach der ZDF-Moderator in seiner Anmoderation am Donnerstag. „Ja, da lachen Sie noch“, quittierte er das folgende Gelächter seiner Wirtschaftsrunde, zu der er den niedersächsischen Ministerpräsidenten Olaf Lies (SPD), Wirtschaftsprofessorin Doris Fischer, Unternehmer Christian Miele sowie Sebastian Matthes, Chefredakteur des „Handelsblatts“, eingeladen hatte.

Ob die Bundesregierung noch über die nötige Kraft verfügt, die erforderlichen Reformen umzusetzen, wollte Lanz von seinen Gästen wissen. „Ich glaube, dass Friedrich Merz gerade eine historische Chance vergibt“, beklagte Matthes. „Wenn er über Zukunft spricht, dann klingt das immer wie ein Verlustprojekt. Die Menschen sollen länger arbeiten pro Woche, sie sollen später in Rente gehen und jetzt auch noch am ersten Tag eine Krankschreibung mitbringen.“

Im Einzelfall möge das richtig sein, es sorge jedoch nicht dafür, dass die Menschen Lust hätten, dabei mitzumachen. Damit hinterlasse die schwarz-rote Regierung eine „riesige Leerstelle“. Niemand erkläre, wie das deutsche Geschäftsmodell 2035 aussehen könne. „Das ist gar nicht so kompliziert. Man muss sich das einfach mal überlegen und eine Geschichte entwickeln, die die Menschen überzeugt“, forderte Matthes. „Dann sind auch kleinere Verluste auf dem Weg dorthin vielleicht nicht ganz so schlimm, wenn die Menschen wissen, wofür sie es am Ende tun.“

Wie zur Bestätigung erwiderte SPD-Politiker Lies auf die Frage, was seine Botschaft an die Leistungsträger von morgen sei: „Ehrlicherweise sage ich, dass sie länger arbeiten müssen als heute. Das ist natürlich keine schöne Antwort, aber das ist die Antwort, die ich auch gebe.“ Zugleich gestand er ein, dass es der Bundesregierung an einer Erzählung mangele, wohin es wirtschaftlich gehen solle.

„Wir werden mit weniger Menschen mehr Produktivität erreichen müssen. Das wird der demografische Wandel ja schon erfordern“, schilderte der Ministerpräsident. Humanoide Roboter könnten dabei helfen. „Wir dürfen nicht sagen: ‚Das wollen wir nicht.‘ Wir werden auch nicht mehr darüber reden und sagen: ‚Das verhindert oder vernichtet Arbeitsplätze.‘“

Miele führte aus, dass Anthropic, eines der weltweit führenden KI-Unternehmen, erst fünfeinhalb Jahre alt sei und inzwischen etwa die Hälfte der Marktbewertung des gesamten Dax erreiche. Nvidia sei 33 Jahre alt und zweieinhalbmal so viel wert wie der deutsche Aktienindex. „Ich will damit sagen, wahrscheinlich gibt es in einer Generation schon wieder eine Lösung. Wir müssen das dann aber auch machen. Wir müssen dieses Innovations-Powerhouse werden.“ Dank der vielen talentierten Menschen, der industriellen Substanz und den guten Universitäten hierzulande zeigte sich der Unternehmer zuversichtlich. „Ich will mich noch nicht mit dem Gedanken abfinden, dass die Party vorbei ist, das glaube ich nicht.“

Matthes blickte mit größerer Skepsis der Zukunft entgegen. Je nach Studie werde Deutschland für das Ende des Jahrzehnts ein Potenzialwachstum von gerade einmal 0,1 bis 0,3 Prozent prognostiziert. „Das ist zu wenig, um all das, was wir uns jetzt überlegt haben, die sozialen Ausgaben, die Investitionen in Zukunftsthemen und natürlich die Verteidigung und Rückzahlung aller Schulden irgendwie noch zu finanzieren“, mahnte der Journalist. „Und es gibt keine Antwort darauf, wo dieses Wachstum herkommen soll.“

Er beschwor die schwarz-rote Bundesregierung, eine technologieorientierte Innovationspolitik als Ziel auszugeben. „Was ist die DNA der Deutschen?“, fragte Matthes rhetorisch. „Über Jahre hat die deutsche Wirtschaft die Welt mit Hightech-Gütern versorgt. Sie hat der Welt gezeigt, wie man eine innovative Industrie aufbaut, wie innovative Automobilproduktion funktioniert. Das steckt also in der DNA.“

„Wir müssen auch Lust darauf haben, diese Welt zu verändern“, appelliert Olaf Lies bei „Markus Lanz“

Lies zog die Künstliche Intelligenz als Beispiel heran. „Wenn wir es schaffen, unsere Fähigkeiten der Industrie damit zu verbinden, dann haben wir etwas, was andere, die nur diesen AI-Teil haben, nicht haben“, gab er zu bedenken. „Das heißt, da sind ja Potenziale.“ Ihn ärgere dagegen, dass sich die Erzählung stattdessen darauf beschränke, dass es wirtschaftlich bergauf gehe, wenn nur die Rentenreform schnell umgesetzt werde. „Aber das wird ja nicht dazu führen, dass wir Wachstum generieren.“ Und so setzte der niedersächsische Ministerpräsident doch noch zu einem Appell an.

„Wir müssen auch Lust darauf haben, diese Welt zu verändern – und aus Deutschland heraus zu gestalten“, insistierte er. Er verstehe angesichts zahlreicher Krisen die Orientierungslosigkeit von manchem jungen Menschen, aber jenen müssten die Chancen aufgezeigt werden. „Es lohnt sich doch, sich anzustrengen. Es lohnt sich, dass du in der Schule mitmachst, dass du studierst, dass du lernst, weil du kannst diese Welt mit den Möglichkeiten, die du heute noch nicht kennst, die aber morgen kommen, verändern“, erklärte er feierlich. „Das muss doch Spaß machen. Wir müssen euch jungen Leuten auch Lust auf Zukunft machen. Und ich finde, ich habe Lust auf Zukunft.“

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