Staatsanwalt spricht von „bestialischen Plünderungen“ – die Angeklagten verlassen lachend den Saal
Auf der einen Seite steht die Anarchie. Auf der anderen Seite die Staatsmacht. In einem heruntergekommenen Gerichtssaal in Marseille, die Spanplatten der Sitzbänke lösen sich schon auf, soll dieser Staat jetzt seine Zähne gegen die Plünderer vom Wochenende zeigen.
Tausende waren nicht weit von hier durch Straßen am Alten Hafen von Marseille gezogen und hatten Luxus- und Markenläden ausgeräumt. Vor dem Saal steht der Lieferfahrer Mehdi, ein Freund eines der Angeklagten, ein „Maghrebin“, dessen Vorfahren aus Nordafrika stammen: „Das ist alles wegen Macron. Wir leben in einem rassistischen Land. Wie soll man mit einem Gehalt von 2000 Euro überleben?“, sagt der 21-Jährige.
In ganz Frankreich gab es seit Samstag 2400 Festnahmen, in Marseille waren es rund 100. Einige dieser Verdächtigen, es muss ein absoluter Bruchteil aller Täter sein, sollen im Zivilgericht im Schnellverfahren abgeurteilt werden. Am Dienstagnachmittag kommt es zu ersten öffentlichen Verhandlungen.
Aus einer anderen Zeit: Der Justizpalast in MarseilleIn einem Saal soll es sieben Entscheidungen geben. Alle Angeklagten sind nordafrikanischer Herkunft, drei von ihnen wurden in Marseille geboren. Alle werden beschuldigt, an Ausschreitungen und Plünderungen teilgenommen zu haben.
Es sind „Schnellverfahren“ – und ziehen sich doch in die Länge. Marseilles Oberstaatsanwalt Nicolas Bessone spricht davon, dass man mit harten Strafen – zum Beispiel einem Jahr Gefängnis – die staatliche Ordnung wiederherstellen sollte. Die Anwälte beteuern etwa dreimal so lang wie der Staatsanwalt wortreich und gestikulierend die Rechtschaffenheit ihrer Klienten. Das ist schließlich ihr Job.
Der Fremdenlegionär
Als Erster sitzt Essedine Ch., ein großer, breitschultriger Algerier mit kurz geschorenen Haaren, auf der Anklagebank. Er stimmt mit seiner Anwältin einem Schnellverfahren zu. So kann er seine Strafe gleich bekommen und ihm droht keine U-Haft. Der 21-Jährige wurde von der Polizei mit einem Reisekoffer aufgegriffen, an dem noch das Preisschild eines „Monoprix“-Supermarktes hing. Darin: 38 Artikel. Darunter Schokolade und Kinderkleidung.
Er sagt mithilfe einer Übersetzerin: „Ich war auf dem Weg zu einem Fußballspiel und habe diese Sachen auf der Straße gesehen. Ich wollte meiner kleinen Schwester was mitbringen.“ Das sei ein Fehler, aber mehr so ein Zufall gewesen. An den Namen seines Fußballteams könne er sich gerade nicht erinnern, der sei in seinem Handy.
Plünderer Essedine Ch. will Fremdenlegionär werdenEr erzählt, dass er erst sieben Monate in Frankreich sei, große Risiken auf sich genommen habe, als er illegal in einem kleinen Boot über das Mittelmeer kam. Er wolle in die französische Fremdenlegion – ein Weg zur Staatsbürgerschaft – und habe schon die erste Prüfung bestanden. Die Prüfungen gelten als extrem hart.
Ein Anwalt der Stadt, lange blonde Haare, Brille, fordert eine 2000-Euro-Strafzahlung für die Zerstörungen durch Plünderer, er sieht Ch. als einen von ihnen. Staatsanwalt Besson holt dann aus, Ch. habe sich an „bestialischen Plünderungen“ beteiligt und er glaubt Ch. nicht: „Essedine Ch. ist nicht in die Stadt gekommen, um Fußball zu spielen, sondern, um zu rauben.“ Er fordert ein Jahr Gefängnis und das Verbot, in Frankreich zu bleiben.
Nachdem seine Anwältin sagt, dass es doch „nur ein paar Sachen“ von der Straße gewesen seien und höchstens eine Verurteilung zu gemeinnütziger Arbeit gerecht wäre, will Ch. nochmal das Wort ergreifen. Er sagt: „Ich möchte in Frankreich bleiben, weil hier mein Herz ist. Der Beweis dafür ist, dass ich in die Legion will. Ich möchte für Frankreich sterben.“
Der TikToker
Dann kommen die nächsten drei Angeklagten gemeinsam auf die Anklagebank, zwei aus Algerien, einer aus Tunesien. Sie alle sagen, sie seien da irgendwie reingeraten, hätten aber nichts gestohlen. Zwei von ihnen sprechen Französisch, einer benötigt eine Übersetzerin.
Boudiem B. aus Algerien sagt, er habe doch nur TikTok-Filme aufgenommen. „Ich wollte zeigen, was passiert ist, das Chaos!“, sagt der 35-Jährige. Ein anderer sagt, er sei nur auf die Straße gegangen, um Zigaretten zu holen.
Ausschreitungen in Marseille am 17. OktoberDer Anwalt der Stadt fordert wieder von allen 2000 Euro, da sie bei dem Mob dabei waren. „Schon ein verbrannter Mülleimer kostet 490 Euro“, erklärt der Mann verzweifelt. Zwischendurch geht in dem Gerichtssaal der Strom aus. Es wird zehn Minuten im Dunklen weiterverhandelt. Das scheint wie ein schlechtes Omen für eine zerfallende Stadt.
Der strenge Oberstaatsanwalt Bessone sagt dann: „Sie haben an diesem apokalyptischen Chaos teilgenommen, sie rannten vor der Polizei weg. Sie, Herr B., wollten keine TikToks aufnehmen, sondern an den Plünderungen teilnehmen.“ Er fordert wieder Haftstrafen von bis zu einem Jahr und Frankreich-Verbot von fünf Jahren für alle.
Und sagt dann noch: „Ganz Marseille wurde an diesem Tag beschmutzt. Wir müssen den sozialen Vertrag zwischen unseren Bürgern wieder festigen.“ Und das ginge nur mit Strafen. Die Anwältinnen der drei fordern wieder sehr wortreich in Zehn-Minuten-Monologen Freisprüche.
Auto voller Diebesware
Dann landen noch eine junge Frau und zwei junge Männer aus Marseille auf der Anklagebank. Sie werden von Polizisten hereingebracht. Sie sollen eine ganze Ladung gestohlener Elektronik mit einem Auto in eine Vorstadt-Siedlung gebracht haben, sitzen in U‑Haft. Einer von ihnen, 20 Jahre alt, saß schon zweieinhalb Jahre in Haft wegen schwerer Körperverletzung. Er hatte einen Nachbarn angegriffen, der sich wegen Ruhestörung beschwert hatte. Sie fordern eine richtige Verhandlung ohne Schnellverfahren, aber bis dahin eine Freilassung aus der U-Haft.
Oberstaatsanwalt Nicolas Bessone versucht, einen starken Rechtsstaat zu repräsentierenEs folgen die Urteile. Die Richterin folgt in fast allen Punkten den Forderungen der Verteidiger.
Der Fremdenlegionär wird zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt. Eine Ausweisung oder ein Frankreich-Verbot ergeht nicht. Er muss nur die nächsten fünf Jahre aufpassen, nicht wieder straffällig zu werden.
Der TikToker und seine beiden Freunde kommen mit Freisprüchen davon.
Die Marseiller mit der Hehlerware dürfen das Gericht bis zum nächsten Verhandlungstermin im Dezember verlassen.
Alle lachen und grinsen erleichtert, als sie aus dem Gerichtssaal gehen, aus dem Zuschauersaal ertönt Jubel von Freunden. Der groß gewachsene Staatsanwalt nimmt die Niederlagen stoisch hin.
Boudiem B., der TikToker, sagt vor dem Gericht zu WELT: „Die Entscheidung ist gerecht, ich habe nichts gemacht!“ Für das Foto maskiert er sich trotzdem.
Eines wurde in diesen paar Stunden klar: Zähne hat der Staat hier nicht gezeigt, für Abschreckung wird das kaum gesorgt haben. Für kommenden Samstag werden die nächsten Ausschreitungen erwartet.
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