Luftalarm, Drohnenangriff und eine scharfe Warnung aus Moskau: Bei seinem Besuch unter dramatischen Umständen in Kiew hat sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) unbeirrt in seiner Unterstützung für die Ukraine gezeigt. Er sagte dem Land am Sonntag Militär- und Infrastruktur-Hilfen von über einer Milliarde Euro zu. Während seines Besuchs wurde unter anderem eine Brücke in Kiew von einer russischen Drohne getroffen.

Merz, der von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) begleitet wurde, hob später hervor: „Ich weiß nicht, ob die Drohung auf meinen Besuch bezogen war – und wenn sie es ist, dann lasse ich mich davon auch nicht beeindrucken.“ Es habe während seines Besuchs in Kiew dreimal Drohnenalarm gegeben. Er habe sich aber nicht in einen Bunker flüchten müssen. „Wir lassen uns auch nicht einschüchtern durch einen Drohnenangriff.“

Merz sicherte der Ukraine vielmehr „all unsere Unterstützung“ zu. „Wenn Russland nicht gestoppt wird, richtet sich seine Kriegsmaschinerie früher oder später gegen uns“, warnte er. Kurz vor dem fünften Kriegswinter bombardiere Russland Städte, Wohnhäuser und Heizkraftwerke – dies sei „Terror“.

Deutschland ist laut Merz der größte Unterstützer der Ukraine im Kampf gegen den russischen Angriffskrieg. Der Kanzler brachte nun weitere konkrete Hilfe mit: Nach seinen Worten wird ein weiteres Paket militärischer Unterstützung im Umfang von rund einer Milliarde Euro auf den Weg gebracht. Es umfasst Abstandswaffen, Kampfdrohnen und Satellitentechnik. Damit soll die Ukraine künftig Abschussrampen in Russland wirksamer bekämpfen können.

Der Schwerpunkt der deutschen Hilfe liegt aber auf der Produktion von Drohnen zur Abwehr von russischen Jet-Drohnen vom Typ Geran, die schneller und höher fliegen und gegen die die Ukraine bisher wenig ausrichten kann.

Joint Ventures zwischen Ukrainern und Europäern produzieren zusammen militärische Abwehr-Ausrüstung, wie das Unternehmen Quantum Systems, das in Bayern Drohnen für Kiew herstellt. „Wir bringen nun Tempo in die Produktion. Diese Stärkung ist dringend notwendig“, sagte Merz.

Darüber hinaus soll es deutsche Hilfe für die Energiesicherheit in der Ukraine vor dem fünften Kriegswinter geben. Für Infrastruktur und Energieversorgung stelle Deutschland 350 Millionen Euro bereit, sagte der Kanzler. Finanziert werden nach Angaben aus Regierungskreisen unter anderem Generatoren und Umspannanlagen. Die Ukraine sei bereit, im Gegenzug Rüstungsgüter in Deutschland einzukaufen, hieß es.

Merz machte deutlich, dass er die zunehmende Kritik in Deutschland an der Unterstützung für die Ukraine ernst nehme. Es gehe aber um die freiheitliche Ordnung für ganz Europa, um die Zukunft Europas. „Diese Partnerschaft ist keine Einbahnstraße“, heißt es zudem in einem Beitrag auf X.

Moskau versucht seit einiger Zeit verstärkt, die Bevölkerung in der Ukraine zu zermürben und die Partner Kiews unter Druck zu setzen. Auch Einkaufszentren, Wohnhäuser und Züge wurden in den vergangenen Wochen in der Ukraine weit weg von der Front angegriffen. Ziel sei es offenbar, die „Moral der Ukrainer zu brechen“, sagte Merz in Kiew.

Milliardenabkommen zwischen deutschen und ukrainischen Rüstungsfirmen

Deutsche und ukrainische Firmen haben am Rande des Besuchs auch mehr als ein Dutzend Kooperationsdokumente unterzeichnet. Unter anderem vereinbarte das ukrainische Verteidigungsministerium mit der Firma Diehl die Lieferung von Tausenden Iris-T-Luftabwehrraketen sowie weiteren Abschusseinrichtungen, teilte die ukrainische Regierung mit.

Mit der Firma Hensoldt sei ein Vertrag über Satellitentechnik vereinbart worden. Die Firma Quantum soll für das Verteidigungsministerium Abfangdrohnen für die schnellen russischen Jet-Drohnen weiterentwickeln und produzieren. Diese sollen nach Unternehmensangaben in der Ukraine gebaut werden und im ‌Winter 2026/27 zur Verfügung stehen.

Merz spricht mit Quantum-CEO Steven Kruck in Kiew

Das Gesamtvolumen aller Absichtserklärungen bezifferte Präsident Selenskyj auf 8,5 Milliarden Euro. In deutschen Regierungskreisen war von 6,5 Milliarden Euro die Rede.

Merz hatte sich ‌bei seinem Besuch in Kiew bei der Firma Quantum über die Entwicklung verschiedener Drohnentypen informiert, die die Firma teils in Deutschland, teils in der Ukraine entwickelt und herstellt. Mit den Energieunternehmen SiemensEnergy und 50Hertz Transmission und Amprion wurden Kooperationsvereinbarungen zur Ertüchtigung des ukrainischen Stromnetzes unterzeichnet.

Es gab zudem Vereinbarungen ‌zwischen Firmen beider Länder. So will die ‌Firma ARX Robotics künftig mit dem ukrainischen Unternehmen Roboneers bei der Entwicklung unbemannter militärischer Landfahrzeuge zusammenarbeiten. Zudem ‌wurde zwischen Firmen eine Kooperation bei der Produktion von Munition etwa ‌von ‌155-Milimeter-Artillerie vereinbart.

Russland kündigt noch härtere Schläge gegen Ukraine an

Das russische Verteidigungsministerium hat unterdessen eine weitere Verschärfung seiner Schläge gegen Kiew und andere Gebiete der Ukraine angekündigt. Damit reagiere Moskau auf Drohungen des ukrainischen Präsidenten, weitere militärische Objekte und Rüstungsbetriebe in Russland anzugreifen, teilte das Ministerium mit. Für die Eskalation trage allein Selenskyj die „volle persönliche und politische Verantwortung“, hieß es. Den Krieg begonnen hatte Russland.

„Russlands Hass auf die Ukraine überrascht mich nicht, aber ich bin von dieser Herangehensweise überrascht“, sagte Selenskyj am Nachmittag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Kanzler Friedrich Merz. Jetzt attackiere Moskau Brücken und Rechenzentren, die sicherlich keine militärische Infrastruktur seien. „Denkt (Kremlchef Wladimir) Putin nicht daran, dass mobile Kommunikation nicht nur in Kiew, in der Ukraine genutzt wird? Auch in Moskau wird sie genutzt.“

Er sei überrascht von diesem grausamen Wunsch, die Lage täglich zu verschärfen. Putin setze auf ständige Eskalation. „Das ist eine Antwort an alle – an diejenigen, die glauben, man müsse Putin nur einfach darum bitten, und er werde den Krieg dann wirklich beenden.“

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