„Wir werden alle gemeinsam sterben“ – Dann wurde sie vollkommen ruhig
Die israelische Kunstkuratorin Galit Gindi (62) befand sich auf der Rückreise von einem Wanderurlaub in Nepal, den ihre Reisegruppe wegen eines Unwetters vorzeitig abbrechen musste. Ihre Route zurück nach Tel Aviv führte über Dubai. Dort stieg sie in die Maschine der Fluggesellschaft Flydubai, die wenig später entführt wurde. Im Gespräch mit WELT schildert sie ihre Erlebnisse und wie die Entführung ihren Blick auf das Leben verändert hat.
WELT: Frau Gindi, wie haben Sie die ersten Momente der Flugzeugentführung erlebt?
Galit Gindi: Zuerst hörte ich die entsetzten Schreie einer Mutter. Sie hatte ihr Kind zur Toilette im vorderen Teil des Flugzeugs begleitet und bekam so zufällig die Kampfgeräusche aus dem Cockpit mit. Ich saß in einer der vorderen Reihen. Ihr Schrei ließ keinen Zweifel daran, dass etwas Schreckliches geschehen war. Ihr Mann und ein weiterer Passagier drangen ins Cockpit vor, um den Piloten zu retten. Kurz darauf kamen sie heraus und riefen: „Wir brauchen Männer, die uns helfen, und einen Arzt!“ Der Pilot verlor viel Blut. Währenddessen drückte der Terrorist die Nase des Flugzeugs nach unten. Wir stürzten in die Tiefe – ungefähr sechseinhalb Minuten lang.
Der Kronprinz von Dubai, Hamdan bin Mohammed bin Raschid Al Maktum (l.) am Krankenbett von Flydubai-Pilot Smit Machchhar in den Vereinigten Arabischen EmiratenWELT: Was ging in Ihnen vor?
Gindi: Ich wusste, dass ich sterben würde. Eine Frau hinter mir, die ich von meiner Reise kannte, sagte zu mir: „Galit, ich werde sterben.“ Ich sagte: „Ich weiß, aber du wirst es nicht allein tun. Wir werden alle gemeinsam sterben.“ Dann schaltete ich ab und wurde vollkommen ruhig. Wie viele Menschen hatte ich mich oft gefragt, wie meine letzten Minuten aussehen und was mir dabei durch den Kopf gehen würde. Aber so ein Szenario hatte ich mir nie ausgemalt. Ich akzeptierte, dass dies das Ende meines Lebens sei. Bis zum Schluss wollte ich bei vollem Bewusstsein bleiben und erleben, was geschah. Nur der Gedanke, dass meine Söhne von meinem Tod erfahren würden, bereitete mir Schmerzen.
WELT: Was reagierten die Menschen um Sie herum?
Gindi: Viele bedeckten ihre Augen und saßen auf dem Boden. In meiner Nähe saß eine junge Frau. Sie sagte zu mir: „Ich darf nicht sterben. Mein Bruder war in der Armee und fiel am 7. Oktober. Ich bin die Einzige, die meiner Mutter noch geblieben ist.“ Dann bat sie mich, ihre Hand zu halten. Mit meiner linken Hand hielt ich ihre. Ich selbst blickte nur noch nach rechts aus dem Fenster, in die Ferne. Ich sah, wie wir dem Boden entgegenrasten. Ich dachte: Wenn wir bei dieser Geschwindigkeit aufprallen, werden wir nichts davon spüren. Diese Momente spielen sich seitdem immer wieder vor meinem inneren Auge ab. Sechseinhalb Minuten können sich wie eine Ewigkeit anfühlen.
WELT: Wie haben Sie erfahren, dass das Flugzeug wieder unter Kontrolle war?
Gindi: Irgendwann kam ein Mann aus dem Cockpit und verkündete, dass es den beiden Piloten, die nur durch Zufall mit an Bord waren, gelungen sei, das Flugzeug zu stabilisieren. Ein Wunder, denn der Attentäter hatte mit einer Axt viele Instrumente zerstört. Es dauerte eine Weile, bis ich Erleichterung spürte. Ich war noch wie in Trance. Allmählich empfand ich tiefe Dankbarkeit. Es fühlte sich an, als wäre etwas, das größer ist als wir, auf unserer Seite gewesen. Als hätte das Universum über uns gewacht. Ich hatte das Gefühl, selbst Zeugin eines Wunders geworden zu sein.
WELT: Wie erging es den anderen Passagieren?
Gindi: Bald begannen alle an Bord, das Lied „Am Yisrael Chai“ (Das Volk Israel lebt) zu singen. Uns verband das Gefühl, gemeinsam überlebt zu haben, obwohl jemand versucht hatte, uns zu töten, nur weil wir Juden oder Israelis sind. Dieses Gefühl der Verbundenheit hatte ich schon während des Sturzflugs. Ich dachte, wir würden alle gemeinsam zu einem Haufen Asche werden und unsere Seelen würden aus unseren Körpern befreit.
WELT: Die Piloten landeten das Flugzeug schließlich im saudi-arabischen Tabuk. Wie war es für Sie, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben?
Gindi: Zuerst gingen wir Passagiere zu den Piloten und sagten ihnen, dass sie unsere Helden seien und wir sie liebten. Wir dankten ihnen dafür, dass sie unser aller Leben gerettet hatten. Aber noch herrschte unter uns auch Ungewissheit. Schließlich wussten wir nicht, wie wir in Saudi-Arabien empfangen werden würden. Das Land unterhält keine diplomatischen Beziehungen zu Israel. Einige von uns fürchteten deshalb sogar, als Geiseln genommen zu werden. Aber die Saudis begegneten uns mit großer Fürsorge, Respekt und Mitgefühl. Sie versorgten uns mit Essen und Getränken und leisteten medizinische Hilfe, weil etliche Passagiere Panikattacken erlitten hatten. Als wir später das Flugzeug bestiegen, das uns nach Tel Aviv bringen sollte, standen Flughafenmitarbeiter und hochrangige Militärs sogar Spalier. Das war unglaublich.
WELT: Sie sind Mutter dreier erwachsener Söhne. Wann konnten Sie Ihre Familie darüber informieren, was geschehen war?
Gindi: Meine Söhne hatten bereits aus den Medien von den Ereignissen erfahren, wussten aber nicht, dass ich an Bord war. Darüber bin ich froh. Sonst wären sie vermutlich wahnsinnig vor Sorge geworden. Ich informierte sie erst, als ich wusste, dass ein Evakuierungsflug unterwegs war, um uns nach Tel Aviv zu bringen. Als ich nach Hause zurückkehrte, kamen sie mitten in der Nacht zu mir, um mich zu sehen. Diese Nahtoderfahrung hat mir noch einmal vor Augen geführt, dass die Menschen, die ich liebe und die mich lieben, das Wichtigste in meinem Leben sind. Als ich glaubte, sterben zu müssen, waren sie das Einzige, woran ich denken konnte.
Der Copilot, der den Piloten des Flydubai-Flugs nach Tel Aviv verletzt haben soll, ist US-Medien zufolge wegen Sicherheitsbedenken zuvor aus seinem früheren Job bei einer Fluggesellschaft im Oman entlassen worden. Luftfahrt-Experte Heinrich Großbongardt fasst die Entwicklungen zusammen.WELT: Wie waren die ersten Stunden und Tage nach Ihrer Rückkehr?
Gindi: Ich funktioniere. Erstaunlicherweise empfinde ich noch immer diese innere Ruhe, die sich in mir einstellte, als das Flugzeug auf den Boden zuraste. Vielleicht ist das auch der Schock. Alles, worüber ich mich vorher geärgert habe oder was mir wichtig erschien, wirkt plötzlich klein und unbedeutend. Es fühlt sich an wie eine zweite Geburt. Als hätte man mir zusätzliche Zeit auf dieser Erde geschenkt.
WELT: Hat sich Ihre Sicht auf die Welt seitdem verändert?
Gindi: Ich glaube daran, dass wir die Erinnerungen vergangener Generationen in uns tragen. Als Jüdin wurde ich also schon in dem Wissen geboren, immer auf der Hut sein zu müssen. Früher war ich überzeugt, dass Menschen nur dann zu schrecklichen Taten fähig sind, wenn sie zuvor selbst gelitten haben. Aber ein Mensch, der Pilot ist, führt doch ein gutes Leben. Er hat so viel – und entscheidet sich trotzdem dafür, zum Massenmörder zu werden. Wofür?
WELT: Womit hängt das Ihrer Meinung nach zusammen?
Gindi: Seit dem 7. Oktober habe ich verstanden, dass es Menschen gibt, die mich aus meiner Heimat vertreiben und vernichten wollen. Auch der Attentäter wurde von radikalislamistischen Ideen vergiftet. Wir müssen alle darauf achten, nicht von diesem Gift zu trinken. Für besonders gefährlich halte ich Menschen, die nur eine einzige Wahrheit kennen und zu hundert Prozent von einer Sache überzeugt sind. Wir müssen uns bewusst machen, dass die Wahrheit viele Gesichter hat. Wir alle können uns irren, und manchmal haben die anderen recht. Ich gestehe: Seit dem 7. Oktober fällt es mir schwerer, anderen Sichtweisen zuzuhören. Aber ich kämpfe jeden Tag darum, mir diese Offenheit zu bewahren und empathisch zu bleiben. Auch wenn ich es mir leichter machen könnte.
WELT: Wie gelingt Ihnen das nach so einer Erfahrung?
Gindi: Natürlich bin ich nicht mehr dieselbe Person, die ich war, bevor ich in dieses Flugzeug stieg. Das ist unmöglich, wenn einem so etwas widerfährt. Aber ich möchte andere Menschen nicht hassen. Denn ich spüre, dass mich dieser Hass auf eine Weise verändern würde, die mir selbst schadet. Das widerspricht meiner Vorstellung von einem guten Leben.
WELT: Werden Sie jemals wieder unbeschwert reisen können?
Gindi: In nächster Zeit werde ich Flugreisen meiden. Noch wissen wir zu wenig über die genauen Hintergründe. Aber für mich deutet vieles auf schwere Versäumnisse hin. Die Verantwortung dafür liegt aus meiner Sicht zunächst bei der Fluggesellschaft Flydubai. Ob auch die israelischen Behörden hätten handeln können, möchte ich nicht beurteilen. Davon verstehe ich zu wenig. Damit ich wieder Vertrauen fasse, braucht es eine transparente und gründliche Untersuchung. Fehler müssen eingestanden werden. Erst wenn ich darauf vertrauen kann, dass sich so etwas nicht wiederholt, werde ich wieder in ein Flugzeug steigen. Dann allerdings mit der israelischen Fluggesellschaft El Al oder einer amerikanischen Airline, die sicherer sind. Grundsätzlich halte ich es aber für richtig, die Flugverbindungen zwischen Israel und den Emiraten aufrechtzuerhalten.
WELT: Warum?
Gindi: Es ist sehr wichtig, dass wir so viele politische oder diplomatische Beziehungen wie möglich zu diesen Ländern haben. Unsere einzige Hoffnung auf Frieden liegt in der Kommunikation und in politischen Verhandlungen. Langfristig lösen wir nichts, indem wir Raketen abfeuern und zu den Waffen greifen. Das bringt nur so lange etwas, wie es unsere Feinde daran hindert, uns zu töten. Sobald dieser Zweck erfüllt ist, liegt die einzige Lösung in politischen Abkommen.
Jan H. Rosenkranz ist seit November 2025 Volontär bei WELT im Ressort Außenpolitik.
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