„Darum setzt Putin auf Eskalation“ – Kreml-Chef rechnet laut Experte mit Sieg im nächsten Jahr
Russlands Präsident Wladimir Putin setzt nach Einschätzung des österreichischen Militäranalysten Markus Reisner im Ukraine-Krieg auf eine weitere Verschärfung des Konflikts statt auf Verhandlungen. „Der russische Präsident ist überzeugt, dass die Ukraine allmählich kippt“, sagte der Oberst des österreichischen Bundesheeres im Interview mit ntv.de. Der Kreml-Chef rechne damit, die Ukraine im kommenden Jahr komplett besiegen zu können. „Darum setzt Putin eindeutig auf Eskalation.“
Einen baldigen Durchbruch bei den diplomatischen Bemühungen sieht Reisner nicht. „Ziel der Ukrainer war es, die Russen vor dem Winter an den Verhandlungstisch zu bringen. Das ist ihnen bisher nicht gelungen.“ Die Reisen von Jared Kushner und Steve Witkoff nach Russland würden vielmehr „die Unnachgiebigkeit Putins“ demonstrieren.
Markus Reisner, Oberst des Generalstabsdienstes des Österreichischen BundesheersBesonders deutlich werde die russische Strategie nach Reisners Einschätzung in der jüngsten Intensivierung der „Luftangriffe auf strategische Ziele in der Ukraine“. Auslöser dieser Zunahme der Luftangriffe sei der Besuch von CIA-Chef John Ratcliffe in Moskau gewesen. „Danach stieg die Zahl russischer Luftschläge deutlich an und bleibt seitdem auf diesem hohen Niveau.“
Der Militäranalyst verwies auf schwere Schäden an der ukrainischen Energieversorgung. Nach seinen Angaben seien große Teile der kritischen Infrastruktur beschädigt oder zerstört. Russlands Angriffsstrategie mit Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen sei „weiterhin sehr erfolgreich“.
Als zentrale Streitfrage möglicher Verhandlungen bezeichnete Reisner den Donbass. „Es ist erkennbar, dass sich der Konflikt immer stärker auf den Donbass zuspitzt. Diese Region will Putin um jeden Preis in seinen Besitz bringen.“ Für die Ukraine gehe es nicht mehr darum, die Krim zurückzugewinnen oder die bereits besetzten Gebiete. „Es geht um den Donbass als Kernfrage“, sagte er. Dieser sei für die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine zentral. „Würde die Ukraine den Donbass hergeben, dann stünden die russischen Truppen nicht mehr vor ihren Verteidigungslinien, sondern dahinter.“ Wenn Russland dann erneut angriffe, wäre die Ukraine „quasi wehrlos“.
Auch ukrainische Drohnenangriffe auf russisches Territorium zeigen nach Einschätzung Reisners Wirkung. „Der Druck, den die Ukraine auf Russland aufbaut, zeigt sehr wohl Wirkung“, sagte er. Allerdings reiche dieser bislang nicht aus, um Moskau zu Verhandlungen über einen Frieden oder Waffenstillstand zu bewegen.
Russland hat in der Nacht nach einer knapp dreitägigen Pause die Luftangriffe auf die ukrainische Hauptstadt wiederaufgenommen. Putin hatte zuvor angeordnet, die Attacken auf die ukrainische Hauptstadt wegen des Besuchs der US-Gesandten Jared Kushner und Steve Witkoff für drei Tage einzustellen.
Journalisten der Nachrichtenagentur AFP hörten am frühen Morgen mehrere heftige Explosionen in Kiew. Die russischen Angriffe verursachten laut Behörden Schäden an Gebäuden in der gesamten Hauptstadt, darunter an einem fünfstöckigen Wohnhaus im Bezirk Solomjanskyji. Im Bezirk Podilskyji gerieten demnach Fahrzeuge in Brand. Auch in mehreren anderen Regionen in der Ukraine wurde Luftalarm ausgelöst. Die Nachrichtenagentur „Bloomberg“ meldete zwei Tote und mindestens zehn Verletze aus Kiew.
Einem Bericht des US-Nachrichtenportals „Axios“ zufolge sprach der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj davon, dass Russland bei den Gesprächen mit Witkoff und Kushner Bereitschaft zu Verhandlungen gezeigt habe. Die US-Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner hätten ihm mitgeteilt, dass „die Russen zu Verhandlungen bereit sind“, sagte Selenskyj am Montag gegenüber Axios „Axios“.
„Russland glaubt wirklich, dass dieser Winter ihnen helfen kann, uns zu brechen“, sagte der ukrainische Staatschef. Die Regierung von US-Präsident Donald Trump könne jedoch Druck auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin ausüben, um eine Deeskalation zu erreichen, fügte er hinzu. Putin „wolle“ Trump „nicht verärgern“.
Selenskyj führte aus, bei den Gesprächen am Wochenende seien US-Vorschläge zu Energieanlagen, Getreidelieferungen sowie Öl- und Gasexporten zur Sprache gekommen. Weitere Einzelheiten nannte er nicht. Er erklärte aber, der US-Ansatz ziele darauf ab, die Verhandlungen zwischen Kiew und Moskau wieder aufzunehmen und sicherzustellen, dass der kommende Winter anders verlaufe als die vergangenen.
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